
Die Malaria ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten der Welt, mehr als 250 Millionen Menschen erkranken und mehr als 550.000 Menschen sterben jedes Jahr daran. Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass man ihrer am besten durch die Dezimierung der Überträgermücken Herr werden kann. Zwar wird auch an Impfstoffen geforscht – und einige Studien verlaufen erfolgreich. Aber in der Breite wirkt bislang einzig Insektengift. Moskitonetze und Fliegengitter werden damit imprägniert, Innenräume, stehende Gewässer und ganze Stadtviertel damit besprüht.
Doch nun hat ein neues Kapitel im Kampf gegen die Tropenkrankheit begonnen – und es scheint kein gutes zu werden: In der Zeitschrift „Science“ berichten Forscher um David Weetman von der Liverpool School of Tropical Medicine, dass sich eine neue Mückenart in Afrika ausbreitet, Anopheles stephensi. Diese neue Art hat innerhalb kurzer Zeit nicht nur diverse Länder erreicht, sie hat auch Eigenschaften, die die Infektionszahlen steigen lassen.
Wie gefährlich die Mücke ist, lässt sich am Beispiel Dschibouti-City erahnen. Im Jahr 2012 wurde Anopheles stephensi dort das erste Mal auf dem afrikanischen Kontinent entdeckt. Zuvor war die Malaria in der rund 700.000-Einwohner-Stadt fast ausgerottet. Dank diverser Schutz- und Spraymaßnahmen wurden in den 2010er-Jahren jährlich nur wenige Dutzend Fälle registriert. Doch nach der Ankunft der neuen Mücken stiegen die Zahlen rapid: 2020 wurden mehr als 70.000 Malaria-Infektionen registriert. Weil herkömmliche Insektizide – also Pyrethroide, Chlorfenapyr, Neonicotinoide und Organophosphate – schlecht gegen die neue Mücke wirken, war die Malaria plötzlich wieder zurück.
Djibuti wird für die Malaria-Mücke zum Sprungbrett
Durch Vergleiche mit dem Erbgut von Anopheles stephensi aus Asien und innerhalb Afrikas konnten die Forscher den Weg der neu angekommenen Mücken nachzeichnen: Die Insekten waren aus Indien und Pakistan, wahrscheinlich per Schiff, nach Afrika gekommen, Djibouti fungierte als eine Art Brückenkopf. Von dort aus breiteten sich die Mücken aus: schneller über die recht flachen Landschaften nach Norden bis nach Sudan. Einige Exemplare schafften es auch nach Osten über die etwa 27 Kilometer breite Meerenge Bab al-Mandab nach Jemen. Von Dschibuti verbreiteten sich die Mücken auch Richtung Süden und ins Landesinnere, nach Äthiopien und Kenia. Das abessinische Hochland, mit seinen bis zu 4500 Meter hohen Bergen auch „Dach Afrikas“ genannt, stellte offenbar eine natürliche Barriere für die Insekten dar. Einzelne Anopheles stephensi wurden sogar, vom Wind verdriftet, Hunderte Kilometer entfernt in Niger gefunden. Überall gelang es ihnen, neue Populationen zu gründen.
Anopheles stephensi hat einige für Menschen unangenehme Eigenschaften: Sie kann, anders als andere Anopheles-Arten, gut in Städten überleben. Das bedeutet, dass die Populationen anders als bei anderen Arten auch in Trockenphasen groß bleiben. Die Insektizidresistenz der Mücke macht sie zu einer echten Gefahr für Millionen Stadtbewohner in Afrika, schreiben die Wissenschaftler. Anhand ihrer Genanalysen konnten sie auch zeigen, dass sie diese Resistenz bereits aus Asien mitgebracht – und nicht erst in Afrika erworben hat. Auf diesem Kontinent erfolgte dann die Selektion: Da viel mit Gift behandelt war, überlebten nur diejenigen, die Resistenzgene in sich trugen. Nun wirken die Gifte, anders als in Asien, praktisch gegen kein Anopheles-stephensi-Exemplar mehr.
Dass Anopheles stephensi zum Problem wird, wenn sie es von Asien aus nach Afrika schafft, ist für Malariaexperten kein Geheimnis. Zumal in der aktuellen Lage, in der viele Länder Hilfszahlungen zur Malariabekämpfung gekürzt oder sogar eingestellt haben. Was jetzt nötig wäre, wäre eine gute Überwachung. Nur wenn man weiß, wo das Insekt sich ansiedelt, lässt sich abschätzen, wie viele Menschen sich infizieren könnten und welche anderen Bekämpfungsmethoden man sich einfallen lassen muss. Doch von einer derartigen Überwachung sind die meisten Länder Afrikas derzeit weit entfernt.
