Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 dient der Flughafen Leipzig/Halle als Basis der ukrainischen Fluggesellschaft Antonov Airlines. Die Fluglinie hat mindestens fünf Frachtflugzeuge vom Typ An-124 dort stehen. Auch Ausrüstung und Personal wurden nach Deutschland verlegt. Eigentlich sollte es ein sicherer Hafen für das ukrainische Unternehmen sein. Nun wurde eines seiner Flugzeuge Ziel eines versuchten Drohnenangriffs. Der Vorfall wirft nicht nur die Frage auf, wie sich deutsche Flughäfen besser gegen Drohnen schützen können. Er lenkt den Blick auch auf Leipzig/Halle als Knotenpunkt für Militärtransporte. Was ist dazu bekannt?
Es ist kurz vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022: Bei der ukrainischen Fluglinie Antonov Airlines ahnt man, dass sich der Krieg, der seit acht Jahren im Osten des Landes tobt, ausbreiten wird. „Mitte Januar 2022, etwa um den 15. Januar herum, erhielt ich von der NATO Informationen darüber, dass der Krieg bald beginnen wird“, erinnert sich der frühere Antonov-Manager Oleksandr Gritsenko in einer Dokumentation des Senders Arte. Er meldet sich beim Flughafen Leipzig/Halle. Dort stehen bereits einige Flugzeuge der Antonov-Flotte, er ist die größte Basis des Unternehmens außerhalb der Ukraine.
Gritsenko bereitet nach eigenen Angaben den Transport der Flugzeuge von ihrem Heimatflughafen in Hostomel nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew vor. Allerdings wird er Mitte Februar aus dem Amt entlassen; über die Hintergründe wird noch immer spekuliert. Danach verzögerte sich die Verlegung. Schließlich sollten die Flugzeuge am 25. Februar kommen: einen Tag zu spät – und Gritsenkos Befürchtungen werden wahr. Hostomel ist eines der ersten Ziele der russischen Truppen. Noch am ersten Tag der Invasion nehmen Moskaus Soldaten den Flughafen ein. In den folgenden Wochen kommt es immer wieder zu schweren Kämpfen mit der ukrainischen Armee. Erst Anfang April kann die Ukraine den Flughafen wieder vollständig unter ihre Kontrolle bringen.
Der Mythos Antonov
Das Unternehmen Antonov hat Legendenstatus. Nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion gegründet, konstruierte das Unternehmen unter seinem Chef Oleg Antonow die damals größten Flugzeuge der Welt. Sie sollten für das Militär enorme Mengen transportieren sowie unter extremen Bedingungen starten und landen können. Im Kalten Krieg entwickelt sich ein technologischer Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. 1984 stirbt Antonow, doch die Arbeit an Superlativen geht weiter.
Im Jahr 1988 hat die An-225 Mrija ihren Jungfernflug, das größte Frachtflugzeug der Welt. Mrija heißt auf Deutsch „Traum“. Nach dem Willen Moskaus soll sie nicht nur 250 Tonnen Nutzlast transportieren können, sondern auch der Raumfähre Buran als Startrampe dienen. Die Fähre soll – so die Idee – vom Rücken der An-225 starten.
Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow erlaubt dem Unternehmen schließlich, seine Flugzeuge selbst zu vermarkten. 1989 wird Antonov Airlines gegründet. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine wird das Unternehmen zu einem wichtigen Staatskonzern. Seit 2015 ist die Frachtfluggesellschaft Teil des staatlichen Verteidigungsunternehmens Ukroboronprom. In den ersten Kriegstagen 2022 wird die Mrija zerstört.
Seit Jahren Partner der NATO
Dass Antonov-Frachtflugzeuge auf dem Flughafen Leipzig/Halle stehen, war auch schon vor Kriegsbeginn nichts Ungewöhnliches. Seit 2006 gibt es die Initiative „Strategic Airlift Interim Solution“ (SALIS). Damals beauftragten 15 NATO-Staaten ein russisch-ukrainisches Gemeinschaftsunternehmen, um den strategischen Lufttransport der Partnerstaaten sicherzustellen. Dabei ging es insbesondere um den Zugang zu Kapazitäten für übergroße Fracht, etwa bei militärischer Ausrüstung wie Panzern. Später schlossen sich weitere Länder dem Programm an.
2016 wurde aus dem ursprünglich als Übergangslösung geplanten Programm die „Strategic Airlift International Solution“. Schon damals gab es Unstimmigkeiten zwischen dem russischen und dem ukrainischen Partner infolge der zwei Jahre zuvor begonnenen russischen Invasion in die Ostukraine. Seit 2019 ist nur noch der ukrainische Partner Antonov Logistics SALIS Auftragnehmer der NATO. Im selben Jahr wurde auch eine SALIS-Einsatzbasis auf dem Flughafen Leipzig/Halle in Betrieb genommen. Derzeit nehmen neun NATO-Staaten an dem Programm teil.
Kern des Programms ist der Zugang zu bis zu fünf Frachtfliegern. Drei davon stehen laut NATO im Krisenfall innerhalb von drei bis neun Tagen, zwei weitere je nach Verfügbarkeit bereit. Eine An-124-100, die je nach Version bis zu 150 Tonnen Fracht transportieren kann, muss demnach innerhalb von 72 Stunden einsatzbereit sein. Die Flugzeuge transportierten etwa während der Corona-Pandemie medizinische Ausrüstung und halfen beim Abzug der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan im Jahr 2021.

Auch der Abzug der Bundeswehr aus Mali zwei Jahre später lief über den Flughafen Leipzig/Halle. Derzeit unterstützt SALIS die Lieferung von Ausrüstung an die NATO-Truppen im Baltikum, in Finnland, Bulgarien, Ungarn, Polen, Rumänien und der Slowakei, um die Ostflanke der Allianz zu stärken. „Das SALIS-Programm wird von den teilnehmenden Ländern fast täglich bei nationalen, NATO- und EU-Einsätzen und -Missionen genutzt“, heißt es auf der Seite der Militärallianz.
War das attackierte Flugzeug Teil von SALIS?
Ob das Flugzeug, neben dem in der vergangenen Woche eine mit Sprengstoff beladene Drohne gefunden wurde, Teil des SALIS-Programms ist, will auf Anfrage der F.A.Z. niemand bestätigen. Auch auf die Frage, ob es besondere Schutzmaßnahmen für SALIS-Flugzeuge gibt, erfolgt keine Antwort. Von der NATO heißt es lediglich, man sei „über den Vorfall informiert“. Der Flughafen Halle/Leipzig äußert sich unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft nicht. Bei der Antonov Salis GmbH, eine Schwesterfirma von Antonov Airlines, heißt am Telefon, man dürfe sich seit dem Vorfall gegenüber Journalisten nicht äußern.
Seit dem versuchten Angriff am Flughafen wird auch immer wieder darauf verwiesen, dass Leipzig ein Drehkreuz für die militärische Unterstützung der Ukraine sei. Das Verteidigungsministerium in Berlin bestätigt die Nutzung des Flughafens für den Transport von militärischer Ausrüstung in die Ukraine durch NATO-Staaten nicht, dementiert sie aber auch nicht. Man wolle die militärische und operationelle Sicherheit wahren und „verhindern, dass mögliche Rückschlüsse auf die Fähigkeiten der ukrainischen Streitkräfte geschlossen werden können“, teilt ein Sprecher des Hauses mit.
Fakt ist jedoch, dass die Flugzeuge dem ukrainischen Staat gehören. Dementsprechend ist es nicht unwahrscheinlich, dass die riesigen Flieger auch für militärische Transporte in das von Russland angegriffene Land genutzt werden.
