Bei dem schweren Erdbeben in Kolumbien sind nach Behördenangaben bisher mindestens 216 Menschen ums Leben gekommen. Zuvor war von 241 Toten die Rede, doch korrigierten die Behörden die Angaben nach unten. Mehr als 2.500 Menschen wurden verletzt, wie das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten mitteilte. Offiziell gelten 195 Menschen als vermisst. In einer inoffiziellen Datenbank sind jedoch mehr als 4.000 Suchmeldungen eingegangen.
Städte wie Pereira, Cali, Manizales, Quibdó und Armenia im Westen des Landes waren am Montag von einem Erdbeben der Stärke 7,4 schwer getroffen worden. Es war das stärkste Beben in dem südamerikanischen Land seit Jahrzehnten. Seither gab es zahlreiche Nachbeben. Tausende Menschen sind obdachlos, da ihre Häuser eingestürzt oder durch tiefe Risse unbewohnbar geworden sind. Der erst vor wenigen Tagen vereidigte Präsident Abelardo De La Espriella besuchte die betroffenen Regionen und sicherte den Opfern wirtschaftliche Unterstützung zu.
»Die Vermissten haben für uns derzeit oberste Priorität«, sagte der Präsident bei seinem Besuch in der Stadt Pereira. Rettungskräfte gruben sich durch
Trümmerberge und forderten immer wieder Stille, um nach
Lebenszeichen von Verschütteten zu lauschen.
Bewegende Rettung von eingeschlossener Frau
Bei der Suche in den mehr als 1.100 eingestürzten Wohnhäusern und Gebäuden sind spezialisierte Teams mit Suchhunden im Einsatz, wie die Polizei mitteilte. An diesem Mittwoch gehen die Bergungsarbeiten in den entscheidenden dritten Tag: Nach 72 Stunden ist die Möglichkeit, noch Überlebende zu finden, laut Experten extrem gering.
In der Millionenstadt Cali in dem Gebiet Valle del Cauca gelang einem Suchteam eine bewegende Rettungsaktion. Nach 16-stündigem Einsatz konnte es eine Frau befreien, die fast 30 Stunden lang zwischen den Trümmern eines Gebäudes eingeklemmt war. Umstehende applaudierten und jubelten.
»Wir haben hart gearbeitet in einem ziemlich
komplexen Szenario«, sagte Feuerwehrmann Santiago Sánchez dem TV-Sender Caracol nach dem Rettungseinsatz. Das Team habe sich »sieben oder acht
Meter« von oben nach unten vorarbeiten müssen, um die Frau zu befreien. Sie
war im zweiten Stock des einstmals fünfstöckigen Gebäudes eingeschlossen. Am Montagabend (Ortszeit) hatte die Feuerwehr
erstmals Kontakt zu der Frau herstellen können, der dann nicht mehr
abriss. Ihr Zustand sei »den Umständen entsprechend gut«, sagte Sánchez. Sie wurde nach der Rettung medizinisch behandelt.
Besonders in abgelegenen Gemeinden in der Pazifikregion Chocó nahe dem Epizentrum gestaltet sich die Lage schwierig. Dort sind viele Menschen weiterhin ohne Strom und grundlegende Versorgung. Da die Kommunikation in einige der am stärksten betroffenen Gebiete weiterhin unterbrochen ist, könnte die Opferzahl weiter steigen.
Hilfsangebote aus mehreren Ländern
Mehrere Länder boten ihre Unterstützung an – auch
aus Deutschland und der EU kamen Hilfsangebote. Das US-Außenministerium
kündigte die Entsendung eines Krisenhilfeteams an. Dieses werde die
Regierung in Bogotá bei wichtigen Einsatzmaßnahmen, der Planung und der
Koordinierung der Hilfsmaßnahmen unterstützen.
Laut
dem Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele, forderte die
kolumbianische Regierung zunächst ausschließlich humanitäre Hilfe in
Form von Hilfsgütern an. »Uns wurde mitgeteilt, dass ihre
Rettungskräfte, Ärzte und sonstigen Einsatzkräfte bereits im Einsatz
sind und sich um die Lage kümmern«, schrieb er auf der Plattform X.
Das
Auswärtige Amt teilte mit, das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei noch
nicht absehbar. Es müsse mit vielen weiteren Toten gerechnet
werden. Bislang habe man keine Erkenntnisse zu deutschen
Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe
in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden.
Bundeskanzler
Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl
für die Opfer. Die Europäische Union will ihre Hilfen für die betroffenen Regionen in Kolumbien auf zwei Millionen Euro aufstocken, wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ankündigte. Zudem
wurde der Erdbeobachtungsdienst Copernicus aktiviert, um das Ausmaß der
Schäden zu erfassen.
