
Es gehört nicht viel dazu, in die Falle zu tappen, Wilhelm Schürmann einen Aficionado der Fotografie zu nennen. Gemeinsam mit Rudolf Kicken hat er 1973 in Aachen mit „Lichttropfen“ eine der ersten Fotogalerien Deutschlands gegründet – und dafür, so wird erzählt, seine sämtlichen Sparbücher geplündert. Er hat wichtige Ausstellungen des Mediums kuratiert, darunter 1979 mit Klaus Honnef die visionäre Schau „In Deutschland – Aspekte gegenwärtiger Dokumentarfotografie“ für das Rheinische Landesmuseum, die ihrem Titel zum Trotz weit in die Zukunft führte, sowie deren Wiederholung 2017 mit dem schmissigen Namen „Reloaded“, nun ergänzt um Aufnahmen aus der DDR.
Schürmann hat das Fach, obwohl er selbst Chemie studierte, bereits von 1972 an immer wieder unterrichtet, zuletzt bis zu seiner Emeritierung 2011 als Professor an der Fachhochschule Aachen. Und es sind seit den Siebzigerjahren seine eigenen Fotografien in mehr als einem halben Dutzend Bildbänden erschienen und wurden international in unzähligen Ausstellungen gezeigt. Aber spätestens mit dem Art-Cologne-Preis 2020 an ihn und seine Frau musste jedem klar werden, dass Schürmann ein anderes, viel weiter gestecktes Interesse verfolgt: Es ist das Bild, das entsteht, wenn jemand aus Altvertrautem Neues schafft, um zu fragen, ob alles so sein müsse, wie es ist – oder ob es nicht andere, womöglich bessere Lösungen gäbe. Kunst ist dabei nicht die Lösung. Vielmehr steckt sie den Finger in Wunden. Und manchmal dreht sie ihn dabei ein wenig, bis es wehtut, hinzuschauen.
Kosmos von bisweilen abweisender Kälte
Wilhelm und Gaby Schürmann war es deshalb nie um einen Kanon zu tun. Vielmehr verlangen sie von Werken, dass sie „reflektiert, leichtfüßig, lapidar und uneitel“ seien. Heute umfasst die Sammlung Tausende von Arbeiten aus der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Es entfaltet sich damit ein Kosmos von bisweilen abweisender Kälte. Und doch wird die konstruktivistische Strenge der Installationen, die sich die beiden sogar ins Wohnzimmer holen, ein ums andere Mal hinterlistig mit Humor gebrochen. „Ich weiß ja selbst nicht“, sagt Wilhelm Schürmann dann, „ob ich diese Kunst sammle, weil ich so auch fotografiere, oder ob ich so fotografiere, weil ich von dieser Kunst umgeben bin.“
Streng genommen ist Schürmanns Fotografie die Fortsetzung dieser Arbeiten mit anderen Mitteln. Sie ist geprägt von dokumentarischer Strenge, gibt vor, abzubilden, wie die Welt aussieht, vor allem dort, wo ihr der Glanz abhandengekommen ist. So werden sie zu stillen Zeugen dessen, wie vor allem Deutschland und die Deutschen sich herrichten, einrichten, manchmal auch zurichten. Das gilt für die frühen Schwarz-Weiß-Bilder einfallsloser Neubausiedlungen ebenso wie für die Farbfotos chaotisch zusammengesetzter Wohnhäuser voller Anbauten und Umbauten aus unseren Tagen, für die er den Serientitel „Suburban Constructivism“ gefunden hat und denen er charmant abstrakte Kompositionen abgewinnt.
Es gilt für die Landschaft hinter seinem Wohnhaus in Kohlscheid, wo sich die Panzersperren des Westwalls über Hunderte von Metern aus den Wiesen recken, als handele es sich um Land Art, wie für den Blick aus seiner Berliner Wohnung hinunter auf den Strausberger Platz, der für ihn in den vergangenen Jahren zum Brennglas geworden ist, unter dem sich die deutsche Befindlichkeit in allen Facetten widerspiegelt. Und doch behält er sich das Recht vor, die Strenge der Aufnahmen bisweilen mit kalauerndem Witz zu durchbrechen. Dann fehlt am Schild über dem Schaufenster eines trostlosen Tante-Emma-Ladens der letzte Buchstabe, und es steht dort nur noch „Lebensmitte“. Die dürfte Wilhelm Schürmann spätestens jetzt erreicht haben. An diesem Mittwoch wird er achtzig.
