
„Ach, Bundespräsident?“, fragt eine Mutter ungläubig und blickt auf den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU), der gerade Selfies mit Schulkindern macht. Rhein begleitet am Dienstagmorgen die Umbenennung einer Frankfurter Schule in „Margot-Friedländer-Gymnasium“ und begrüßt die neuen Fünftklässler. Es ist sein erster Termin nach einem mehrwöchigen Südfrankreich-Urlaub. Während er dort Rennrad fuhr, Rosé trank und die Landschaft genoss, wurde bekannt, dass Rhein im Kanzleramt als Anwärter für das höchste Amt im Staate gehandelt werden soll. Eltern und Lehrer in Frankfurt haben davon nichts mitbekommen, ein Vater sagt allerdings auch, dass er Rhein gar nicht kenne. In Berlin, dem Ursprungsort der Gerüchte, schien mancher überrascht. Sollte das nicht eine Frau machen? Und wieso gerade Rhein, von dem man sonst wenig hört?
In der hessischen CDU reagiert man mit demonstrativer Gelassenheit auf die Spekulationen. „Klar kommt Boris infrage und klar, er kann das“, sagt ein führender Christdemokrat. „Der Boris Rhein kommt für jedes Amt in der Bundesrepublik infrage“, sagt Frank Lortz (CDU), Vizepräsident des Landtags. Hessen sei schließlich „Benchmark in Deutschland“, Rhein führe das Land und den CDU-Landesverband erfolgreich und ohne Streitereien, so Lortz. Rhein sei klug, wenn er nichts sage.
Es ist, als beherzige die gesamte hessische CDU diesen Ratschlag. Zitiert werden will sonst keiner. Spricht man die CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Ines Claus, darauf an, reagiert sie betont gleichgültig, als hätte sie die Spekulationen kaum verfolgt. Dabei dürfte Claus Rheins Nachfolgerin werden, falls er nach Berlin ginge.
Um Repräsentation geht es oft dann, wenn es gerade in den Kram passt
Schon länger gibt es eine leise Unzufriedenheit in der hessischen CDU. Obwohl die Partei seit 1999 regiert und sich selbst als Stabilitätsanker des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers Friedrich Merz begreift, wurde sie weder im vergangenen Jahr mit einem Posten im Bundeskabinett bedacht noch bei der Kabinettsumbildung vor wenigen Wochen. Stattdessen wurde der Staatsminister für die Bund-Länder-Angelegenheiten, der Hesse Michael Meister, entlassen. Ministerpräsident Rhein lobt im Gespräch mit der F.A.Z. zwar Meister, sagt aber, dass ein Kanzler sein Kabinett umbilden könne. Ähnlich äußern sich andere Christdemokraten. Länderproporz sei ja eh eine Sache der Vergangenheit, sagt einer, der sich im vergangenen Jahr noch ärgerte, dass Hessen übergangen wurde.
Fragen von Repräsentation werden gern dann herangezogen, wenn sie in den Kram passen. So gibt es im Umfeld Rheins die Lesart, dass die Festlegung auf eine Frau als künftige Bundespräsidentin ja allein von der SPD getroffen worden sei, obwohl die Union eindeutig das Vorschlagsrecht habe. Überhaupt seien Frauen in der Geschichte der Bundesrepublik nur für das höchste Amt im Staat vorgeschlagen worden, wenn sie keine Mehrheit hinter sich hatten, bekundet ein Christdemokrat. Deshalb sei es „unfair“, wenn nun eine Unionspolitikerin nur vorgeschlagen würde, weil sie Frau sei.
Boris Rhein erklärt erst mal, dass die Diskussion zum falschen Zeitpunkt stattfinde. „Es ist eine Ehre, zum Kreis derer gezählt zu werden, die für das Amt infrage kommen“, sagt er der F.A.Z. „Wir haben eine klare Vereinbarung getroffen: Erst muss das Profil definiert werden, dann die Person.“ Vor allen Dingen wolle man das erst nach den Landtagswahlen im September tun.
„Erst das Profil, dann die Person“
Und welches Profil sollte ein Kandidat haben? „Wir sind in einer gesellschaftlich und politisch sehr aufgeheizten Situation“, sagt Rhein. „Ich glaube, wir brauchen jemanden an der Spitze des Staates, der die Menschen zusammenführt und der schwierige politische Situationen nicht nur beurteilen, sondern in dieser Lage auch agieren kann“, sagt Rhein. Kein Zweifel, Rhein beschreibt ein Profil, das er aus eigener Sicht wohl erfüllen könnte.
Ob man das auch in der Bundespartei so sieht? Dort wird angeführt, dass Rhein Jurist und politisch erfahren sei. Entscheidend sei, was der Kanzler wolle, heißt es. Das Verhältnis von Merz und Rhein gilt als gut; zumindest kritisiert Rhein ihn selten und gilt anders als Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen nicht als Konkurrent und möglicher Nachfolger. Die Frage, ob ein Mann oder eine Frau kandidiert, stellt sich aus Rheins Sicht jetzt noch nicht. „Erst das Profil, dann die Person“, sagt er. Ausdrücklich zählt die Geschlechtszugehörigkeit nicht zum Profil, sondern zur Person.
Eine ganz andere Frage ist, ob Rhein das Amt ausfüllen könnte. Auch wenn Parteifreunde von ihm überzeugt sind – manche wohl auch, weil sie sich selbst einen politischen Aufstieg erhoffen –, ist Rhein weder als Vordenker noch als großer Redner bekannt. Sein freundlich-joviales Auftreten funktioniert als Ministerpräsident – aber tut es das auch als Bundespräsident? Noch eine andere Frage ist, ob Rhein will. Auf den Berliner Politikbetrieb blickt er skeptisch und meidet das Fernsehen. Aber, wendet einer ein, der ihn lange kennt: Wer so ein Amt angeboten bekommt, der schlägt es nicht aus.
