Vieles gibt es nicht im deutschsprachigen Raum, das 1940 gegründet wurde und noch immer Bestand hat. Die Justizvollzugsanstalt Erlangen zählt dazu, die Feuerwehr Wilhelmshaven, die Stadtbibliothek Graz, die Schweizer Patenschaft für Berggemeinden, die Molkerei Onken, die Städtische Musikschule Hamm.
Dass sich aber seit diesem unglückseligen Jahr ein ganzes Land feiert, das gibt es nur in Liechtenstein. Alljährlich am 15. August läutet das kleine Fürstentum zwischen Österreich und der Schweiz mit dem Staatsakt seinen Staatsfeiertag ein. Es ist ein Ereignis von verblüffender Zeitlosigkeit, wenn sich die Liechtensteiner und die Fürstenfamilie unterhalb des Schlosses Vaduz versammeln, um innere Geschlossenheit und Unabhängigkeit zu demonstrieren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der Bischof ist ebenfalls zugegen, denn am 15. August ist auch Mariä Himmelfahrt. Seit 85 Jahren geht das so. Und so wird es auch die nächsten 85 Jahre gehen, mindestens. Ohne Disruption und ohne Stunde null. Danach wird auf der Schlosswiese ein Apéro gereicht.
Wer wollte nicht einmal dabei sein? Es gibt nur ein Problem: Nicht-Liechtensteiner dürfen in der Regel nicht am Staatsakt teilnehmen. Sonst dürfen sie so gut wie alles im sechstkleinesten Staat der Welt: Skifahren in Malbun, wandern auf dem Liechtenstein-Weg, Mondgestein in Vaduz bestaunen, „fürstliche Momente genießen“ in der Hofkellerei oder auf dem Fürstensteig. Nur eben die Fürstenfamilie bekommen sie so gut wie nie zu Gesicht, namentlich Erbprinz Alois. Der Achtundfünfzigjährige nimmt seit 2004 die Regierungsgeschäfte seines Vaters, Seine Durchlaucht Fürst Hans-Adam II., wahr und vertritt ihn auch beim Staatsakt.
Rien ne va plus
Trotzdem ging es los Richtung Bodensee, vorbei an den Autobahnraststätten mit ihren McDonald’s-Filialen (ebenfalls 1940 gegründet, in Illinois) und dann weiter durchs österreichische Feldkirch nach Schaanwald, wo das inzwischen müde gefahrene Auto (Erstzulassung 2007) am späten Nachmittag des 14. August vergangenen Jahres vor dem 2017 eröffneten Casino geparkt werden konnte.
Viel los war nicht. Seit Anfang 2025 dürfen Spieler, die in der Schweiz gesperrt sind, auch in Liechtenstein nicht mehr spielen. Das Sperrlistenabkommen treibt die zwischenzeitlich neun Casinos, mit denen das Fürstentum seine Einnahmen vermehrt wissen wollte, nach und nach ins Abseits.

Interessanter waren ohnehin die mobilen Streitbagger der Firma Kaiser nebenan, spinnenartige Spezialfahrzeuge, die jetzt am Vorabend des Staatsfeiertages Staatsbeflaggung trugen. Liechtenstein ist voll von solchen Hidden Champions: Ivoclar (Zahntechnik), Hoval (Wärmepumpen), Hilcona (Lebensmittel) und natürlich der Werkzeughersteller Hilti, 1941 gegründet und jedem Handwerker, der auf sich hält, ein Begriff.
Das Beste von beiden Nachbarn
Irgendetwas scheinen sie hier sehr richtig zu machen. Dabei hat das Land gerade einmal 42.500 Einwohner. Seit 1923 ist es in Zollunion mit der Schweiz, seit 1995 aber auch Teil des EU-Binnenmarktes. Das Fürstentum nimmt sich das Beste seiner beiden Nachbarn – und diese das Beste von ihm. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten sind Pendler aus der Schweiz und Österreich. Der mittlere Bruttomonatslohn liegt bei 7041 Schweizer Franken.
Hoch ging es zum Hotel Dux in Schaan. 3. Gang, 2. Gang, 1. Gang: Die Anfahrt ist sehr steil, dafür sind die elf Zimmer für liechtensteinische Verhältnisse geradezu geschenkt. Ein Einzelzimmer mit Dusche und WC auf dem Gang kostet 58 Franken.

„Zum Staatsakt wollen Sie, ja haben sie denn eine Karte?“, fragte Frau Thöny, die Besitzerin. Habe ich, als Vertreter der deutschen Qualitätspresse. „Das ist gut, mein Kontingent ist nämlich erschöpft.“ Ihre beiden Karten habe Frau Thöny einem Hamburger Ehepaar gegeben, das seit Jahren regelmäßig zum Staatsakt anreise. Die Karten müssen in der jeweiligen Gemeinde beantragt werden. Kann denn nicht jeder Liechtensteiner kommen? „Keineswegs, die Teilnahme ist auf 4000 Personen begrenzt.“
Und dann trat er heraus aus dem Schloss Vaduz, schlank und federnden Schrittes und überaus pünktlich um 9.30 Uhr am 15. Tag des Monats August durchmaß er den Rosengarten und stellte sich an den mittleren von drei weißumspannten Stehtischen: Seine Durchlaucht Erbprinz Alois Philipp Maria von und zu Liechtenstein, Graf zu Rietberg. Freundlich gab er Interviews im Fünf-Minuten-Takt, nicht zu laut und nicht zu leise. Die Kolleginnen vom ORF und dem Privatsender 1FLTV (gegründet am Staatsfeiertag 2008) halten ihre Mikros hin, nicht zu nah und nicht zu weit entfernt. Das „Liechtensteiner Vaterland“ (Erstausgabe 1. Januar 1936) war selbstverständlich auch dabei, Landtagspräsident Manfred Kaufmann und Regierungschefin Brigitte Haas sowieso, sie standen an ihren weißen Stehtischen, und die Sonne schien auf den kariert gemähten Rasen.
Es folgte der Gang der Ehrengäste hinunter auf die Schlosswiese, angeführt von einer Blaskapelle und den Vertretern der elf Liechtensteiner Gemeinden in Sonntagsstaat und Tracht. Mittendrin Bischof Benno Elbs und ganz am Ende Erbprinz Alois und seine Gattin Erbprinzessin Sophie, geborene Herzogin in Bayern. Liechtensteins blau-rote Flagge ward riesenhaft ans Schloss gespannt. Sie wurde 1921 eingeführt und 1937 um eine goldene Krone ergänzt, um sie von der Flagge Haitis zu unterscheiden. Aufgefallen war die Ähnlichkeit bei den Olympischen Spielen 1936.

Ich konnte mich kaum sattsehen an dem gemessenen, zeitlosen Schreiten, musste mich aber auch beeilen, einen geeigneten Platz auf der Schlosswiese einzunehmen, bevor pünktlich um 10.30 Uhr der eigentliche Staatsakt begann. 4000 Liechtensteiner standen und saßen bereits im Halbkreis um die Bühne. Jetzt bloß nicht herunterfallen! In Liechtenstein ist vieles steil, so auch die Schlosswiese, eigentlich ist sie ein grasiges Amphitheater. Im 30-Grad-Winkel ließ ich mich neben einem Maulwurfshügel nieder. Ein Kinderchor sang. Eine Moderatorin sprach. Es sprachen auch die vormals an den Stehtischen Gestandenen, namentlich Manfred Kaufmann, denn das Fürstentum versteht sich als „konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratisch-parlamentarischer Grundlage“. Die 25 Landtagsabgeordneten tagen im „Hohen Haus“ in Vaduz, einem betörend simplen, spitzgiebeligen hellen Klinkerbau von 2007.
Sodann sprachen Erbprinz Alois und Bischof Elbs, er sprach den Segen, denn heute war ja auch Mariä Himmelfahrt. Am Ende sangen alle zur Melodie von „God Save the Queen“ „Oben am jungen Rhein“, Liechtensteins Nationalhymne, was ziemlich verwirrend war. Auf den anschließenden Apéro musste unter diesen Umständen verzichtet werden, Brezel und Almdudler nahm ich aber gerne mit auf den Weg hinab ins „Städtle“, wie die Liechtensteiner ihren Hauptort Vaduz nennen.
Dort nahm bereits der zweite Teil des Staatsfeiertags, das Volksfest, seinen Anfang. Die Groove Allianz spielte, Käsknöpfle wurden verzehrt, Glücksräder geschwungen, Clown Pompo war als „Walking Act“ unterwegs. Bis Mitternacht ging das Ganze. Und es wurde immer voller. Schweizerdeutsch und die Liechtensteiner Dialekte erklangen in den Straßen, die österreichischen ebenso, dazu Sächsisch und der Singsang des Rheinlandes, denn so ein Volksfest lässt sich kaum jemand entgehen, der am 15. August am Alpenrhein Urlaub macht. Es war eine Feier der Deutschsprachigkeit, angereichert von Englisch, Französisch, Chinesisch und anschwellender Heiterkeit. Irgendwann liefen auch Erbprinz Alois und Erbprinzessin Sophie durch die Menge, abgeschirmt von Personenschützern. Die meisten nahmen kaum Notiz von den beiden.

Im Nationalmuseum wurden Pappkrönchen verteilt. Da musste ich rein, denn dort enthüllte sich auch, warum der Staatsfeiertag ausgerechnet im weithin unglückseligen Jahr 1940 ins Leben gerufen wurde. Durch den Anschluss Österreichs an Nazideutschland 1938 war das Land unter Druck geraten, auch im Fürstentum selbst gab es etliche Stimmen, es Österreich gleichzutun. Fürst Franz Joseph II., der Großvater von Erbprinz Alois, übersiedelte daraufhin von Wien nach Vaduz. Zuvor hatte das Haus Liechtenstein gar nicht in Liechtenstein residiert. Der erste Staatsakt 1940 war mithin eine Manifestation, dass man es wirklich ernst meinte mit der Eigenständigkeit der 160 Quadratkilometer.
Krönchen für alle
Und warum hat das Fürstentum so viele Weltmarktführer? Auch darüber gibt das Landesmuseum Aufschluss. 1961 gründete der Pädagoge und Historiker Otto Seeger, Sohn des fürstlich-liechtensteinischen Forstdirektors Adolf und dessen Frau Hedwig, das Abendtechnikum Vaduz, Vorläufer der heutigen Universität Liechtenstein. Ziel der Abendschule war die Ausbildung von technischen Nachwuchskräften für die heimische Wirtschaft.
Der Plan ging offenkundig auf, nicht nur für Hilti, Hoval und Hilcona, sondern auch für den Anlagenbauer Oerlikon Balzers. Balzers-Mitarbeiter versahen Ende der Sechzigerjahre sogar die Apollo-Raumschiffe der NASA mit einer Beschichtung gegen kosmische Strahlung. Die NASA bedankte sich, indem sie bei der ersten und letzten Landung auf dem Mond (20. Juli 1969 und 11. Dezember 1972) jeweils eine kleine Flagge Liechtensteins mitnahm. Heute sind die beiden Fähnchen, kaum größer als ein Einstecktuch, neben ein paar Bröckchen Mondgestein in der Liechtensteinischen Schatzkammer zu bewundern, einem pharaonischen, durch mehrere Schleusen gesicherten Raum, der auch eine Reihe von Prunkwaffen und Fabergé-Eiern beherbergt. Tritt man heraus aus der Kammer, fühlt man sich, als wäre man in einem begehbaren Bankschließfach gewesen.
Am nächsten Morgen stellte Frau Thöny ein Frühstücksei auf den Tisch. „Und, kehren Sie nächstes Jahr wieder?“, fragte sie. „Ja, warum nicht“, entgegnete der Vertreter der deutschen Qualitätspresse, „aber nicht am Staatsfeiertag. An dem Tag bleiben die Liechtensteiner vielleicht besser unter sich.“
