Zwei Männer ziehen mit stoischer Ruhe ihre Rechen über den hellen Boden. Sie stehen in einem Rechteck und bearbeiten die mit Brechsand-Splitt aufgefüllte Fläche. Mit hochroten Köpfen machen sie den Bouleplatz im Schlosspark von Gedern hübsch. Währenddessen knallt die stechende Mittagssonne auf sie herab. Einen Bouleplatz hat es an dieser Stelle in Sichtweite zum Kulturhistorischen Museum auch früher schon gegeben. Für die Landesgartenschau Oberhessen und die Zeit danach soll er aber schöner werden. Ganz neu ist dagegen der Blickfang nebenan.
Der besteht aus massiven hölzernen Vierkantbalken. Sie bestehen aus dem Holz von Eichen und Robinien, wie Thomas Hellingrath sagt. Diese Hölzer seien hart und langlebig, erläutert der gärtnerische Geschäftsführer der im nächsten April beginnenden Landesgartenschau. Sicher verschraubt ergeben sie als Ensemble einen rund 50 Meter langen Fachwerk-Spielplatz. Jenseits des weitläufigen Schlossparks liegt die auf das 16. Jahrhundert zurückgehende Herrnmühle. Der Fachwerkbau hat die mit dem Umbau des Parks betrauten Landschaftsarchitekten zu dieser Art Spielplatz inspiriert, zumal in der Stadt noch andernorts viele Fachwerkhäuser stehen.
Inklusiver Spielplatz im Fachwerk-Stil für Gedern
Noch steht der Spielplatz sozusagen im Rohbau und verlangt etwas Phantasie. Der Boden muss etwa noch mit Holzhackschnitzelchen und Sand als Prallschutz ausgelegt werden, zudem fehlt die Zeile zum Hangeln. Bis die Seile hängen, wird es Frühjahr sein. Die Gartenschau-Macher wollen keinen unnötigen Anreiz schaffen, den wegen der Arbeiten abgesperrten Park zu betreten. Besucher sollen nicht dazu verleitet werden, den Zaun zu überklettern und auf den Holzbalken herumzuturnen. Vom 22. April an aber sollen möglichst viele Kinder und Jugendliche die Anlage nutzen. „Dieser Spielplatz ist inklusiv“, hebt Hellingrath während eines Rundgangs über die Großbaustelle hervor. Zum einen ist das Gelände barrierefrei erreichbar, zum anderen seien die Fachwerkaufbauten für Mädchen und Jungen mit Handicaps ebenso geeignet wie für den körperlich und geistig völlig gesunden Nachwuchs.

Gerade auf Kinder und Jugendliche zielt ein noch unkenntliches Vorhaben ein paar Meter weiter unterhalb des Bouleplatzes ab. „Es ist noch wenig zu sehen, aber hier passiert am meisten“, sagt der Geschäftsführer mit weit ausgreifendem Arm. Ein paar Meter von ihm entfernt ragt ein mannhoher Haufen aus Schotter und Sand auf der ansonsten recht ebenen Fläche empor. Früher spielten dort Tennisfreunde auf den Plätzen neben ihrem Vereinsheim. Der Sport geriet mit der Zeit in der Stadt in der östlichen Wetterau aus der Mode. Die Natur eroberte sich die nicht mehr genutzten Tennisplätze zurück. Für das Vereinsheim fand sich kein Betreiber mehr, auch nicht in jüngerer Zeit. Nun wird die rechteckige Fläche für die Landesgartenschau dreigeteilt.
Naturgarten von Bürgern inspiriert
In der Mitte entsteht neben einer „Augenweide“ genannten Fläche für allerlei Stauden ein sogenannter Beratungsgarten. Dort können sich angehende und geübte Hobbygärtner während der Großveranstaltung bis Anfang Oktober 2027 einschlägige Tipps von Beschäftigten des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen und der Hessischen Gartenakademie holen. Auch wird dort das „bunte Klassenzimmer“ mit Kursen, Workshops und Aktionen eingerichtet. Gut 700 Angebote sind dafür angemeldet, wie es heißt, und damit mehr als erhofft. Die Gartenschau-Macher wären auch mit 500 zufrieden gewesen. So erfreut sie der große Zuspruch umso mehr. Nach der Gartenschau wird die örtliche Gesamtschule die Fläche übernehmen und als Schulgarten nutzen, wie Hellingrath sagt.
Nebenan entsteht ein Naturgarten mit Totholz und Käfertunnel, einer kleinen Arena und Sandarium. Angelegt wird er nach den Ideen von Gederner Einwohnern. Nach dem Ende der Landesgartenschau sollen sich Bürger um das Kleinod kümmern. Schon fertig saniert ist der nebenan plätschernde Mühlbach. In diesen von historischer Trockenheit geprägten Tagen fließt das Wasser nur knöchelhoch zwischen den mit Natursteinen in allerlei Größen befestigten Ufern. Der Mühlbach kurvt im Wortsinn am Rande des Schlossparks durch das Gelände. Früher lief das Wasser durch ein schwer zugängliches Betonbett. In Zeiten mit Hochwasser eine Rennstrecke. Im neuen naturnahen Bett lädt das Gewässer zum Planschen ein und dient dem Hochwasserschutz.

Während es weiter zur nächsten Station geht, rechen die beiden Männer schweißnass weiter den Bouleplatz. Sie stehen buchstäblich in einem Lichtkegel. Wer kann, sucht Schatten. Und Schatten gibt es am Klimahain reichlich. Der Weg hin zu dieser Oase der Ruhe führt über einen mit Vogelsberger Basalt geschotterten Weg unweit des Mühlbachs unter hohen Bäumen. Der Wert von Schatten erschließt sich an einem schwülen Hochsommertag wie diesem unmittelbar. Es ist gefühlt zehn Grad kühler als in der Sonne. Der gärtnerische Geschäftsführer geht auf ein von einem Spazierweg gefasstes Rondell zu.
Im Abstand von wenigen Metern stehen dort etwas mehr als mannshohe angepflockte Jungbäume neben Sitzsteinen. „Zukunftsbäume“ nennt Helligrath die Gewächse. Aus Anlass der Landesgartenschau haben Arbeiter unter anderem eine Sumpfzypresse, einen Amberbaum, einen Ginkgo und einen Urwelt-Mammutbaum gesetzt. Diese Baumarten vertragen den Klimawandel nach den Worten von Hellingrath gut. Gleiches gilt für Eichen, wie sie an der Allee oberhalb des Fachwerk-Spielplatzes ebenfalls neu gesetzt wurden. Allerdings ziehen die „Zukunftsbäume“ anders als der weitverbreitete Baum keine allergieauslösenden Eichenprozessionsspinner an. Zudem schaffen sie mehr botanische Vielfalt. Vom Rondell sind es ein paar Schritte hin zu einer kleinen Furt im Mühlbach. Über Stufen geht es ins Bachbett und über Stufen auf der anderen Seite hinaus auf den künftigen Festplatz. Jungbäume flankieren diese Grasfläche in Nachbarschaft des Haupteingangs zum Gartenschaugelände, das neben Bad Salzhausen und Büdingen dritter zentraler Ort der Großveranstaltung wird. Der Umbau des Parks kostet etwa fünf Millionen Euro, die Europäische Union und das Land finanzieren etwa zwei Drittel davon.
Der obere Teil des terrassenartig angelegten Schlossparks wird zur Eröffnung der Gartenschau anders aussehen als bisher. Das rund dreieinhalb Hektar oder fünf Fußballplätze umfassende Gelände geht auf Friedrich Carl zu Stolberg-Gedern zurück und unterliegt dem Denkmalschutz. Der Adlige schuf es zur Mitte des 18. Jahrhunderts im Stile eines englischen Landschaftsgartens. Gleich neben dem Schloss treten Besucher künftig auf einen weitgehend asphaltierten und ansonsten gepflasterten Weg, der auch als Zufahrt für die Feuerwehr dient. Früher war die Piste unbefestigt und regelmäßig ausgewaschen, wie Hellingrath erläutert.

Etwa dreißig Meter von dem Weg entfernt gibt es nun ein mit rotem Buntsandstein aus Franken gefasstes Rondell, das vor allem mit Zwiebelgewächsen bepflanzt werden soll. Der Weg dorthin ist wie die anderen Wege im oberen Teil mit gelbem Sandstein gefasst. Beide Sandsteinarten greifen die Farben des Schlosses auf. Dazu passend soll es Blühpflanzen mit Blüten in Gelb und Orange geben.
Neu ist ein optisch an einen Bumerang erinnernder Weg. Er schließt an einen halbrunden Pfad aus früheren Zeiten an. So ist ein Rundweg zum Flanieren unter den viele Jahrzehnte alten Bäumen entstanden. Darunter sind Linden, Ahorn, Platanen und ein Rot-Ahorn. „Dieser Sommer zeigt, wie wichtig kühlende Parkanlagen sind“, sagt Hellingrath zum Abschluss des Rundgangs.
