
„Wir waren sehr unruhig und im Abschluss zu fahrig“, befand Tobias Strobl. Er ist der neue Cheftrainer eines Vereins, der seinen Abstieg in die Zweite Bundesliga möglichst schnell korrigieren will. Wie schwer das trotz millionenschwerer Investitionen werden dürfte, zeigte sich am Samstagabend bei der Partie gegen den aufmüpfigen 1. FC Kaiserslautern. Was auch immer die haushoch favorisierten Wolfsburger anstellten – es erinnerte an die Vorsaison, als man ganz viel wollte, wenig erreichte und am Ende sogar absteigen musste.
Die Premiere von Strobl, der vom Drittligateam SC Verl nach Wolfsburg gewechselt ist, warf die grundlegende Frage auf: Wird es unter der Obhut des in der zweiten Liga völlig unerfahrenen Trainers wirklich ein Spaziergang zurück in die erste Liga? Angesichts des sehr großzügig besetzten Spielerkaders mit Offensivkünstler Fabian Reese an der Spitze gilt Wolfsburg bundesweit als unfair bevorteilter Favorit auf den Aufstieg.
Als Strobl nach dem Remis gegen den 1. FC Kaiserslautern den branchenüblichen Kreis zur Nachbesprechung bildete, hörte ihm ein mehr als 30 Menschen großer Pulk zu. Viele von ihnen sind für das geplante Saisonziel überqualifiziert. In Summe beschäftigt der VfL Wolfsburg einen so teuren Spielerkader, dass Mitbewerber wie Energie Cottbus, der VfL Osnabrück oder die Spielvereinigung Greuther Fürth eigentlich freiwillig kapitulieren müssten. Eigentlich.
Die Gegner wollen dem VfL ein Bein stellen
An dem schadenfrohen Gedanken, dass sich Erfolg im Profifußball eben doch nicht kaufen lässt, finden außerhalb von Wolfsburg sehr viele Menschen Freude. Im Stadion am Mittellandkanal fanden sich zumindest 25.489 Zuschauer zusammen, um genauer hinzusehen, ob und wie sich die Spielweise, die Herangehensweise sowie das Mindset beim Gastgeber verändert haben.
In der Rolle des VfL-Sportdirektors hat Pirmin Schwegler eine ganz neue Energie gesehen. Er findet, dass ein neuer Wille zu spüren sei. „Hier entwickelt sich etwas, das Zeit braucht“, sagte Schwegler. Am kommenden Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Fußball-Bundesliga und bei Sky) tritt der VfL Wolfsburg bei Hannover 96 an – jenem Verein, für den Schwegler lange Zeit gespielt hat und der auch eine große Sehnsucht nach der Rückkehr in die höchste deutsche Spielklasse verspürt. In Duellen wie diesen kann der VfL Wolfsburg eine Saison lang im Grunde nur verlieren. Weil sein Saisonetat in Höhe von rund 50 Millionen fast schon unverschämt ist. Und weil die Gegner Spaß daran finden, dem Favoriten mit den hohen Buchungsposten ein Bein zu stellen.
Der Dompteur der „Wölfe“ steht im Fokus
Das Verrückte am Wolfsburg-Projekt Wiederaufstieg ist: Es handelt sich mit Blick auf den neuen Trainer auch um ein riskantes Wettspiel. Strobl tritt im Alter von 38 Jahren enorm kommunikativ und dynamisch auf. Er wird für besondere Klarheit gelobt.
Aber es ist noch gar nicht so lange her, dass der VfL Wolfsburg schon einmal der Meinung war, mit einem jungen, dynamischen Chefcoach gut voranzukommen. In der Saison 2025/26 war mit Daniel Bauer ein Nachwuchstrainer aus dem eigenen Verein der Generalschlüssel zum Erfolg übergeben worden. Als Dompteur der „Wölfe“, deren Rudel bis heute noch mehrere Nationalspieler aus aller Welt angehören, ist Bauer krachend gescheitert.
Für Strobl wird es darum gehen, eine mit Könnern wie Reese, Robert Glatzel, Fraser Hornby, Hauke Wahl oder Elvis Rexhbecaj bestückte Mannschaft auf Erfolg zu trimmen. All diese Profis sind geholt worden, um den Rest der Liga abzuschießen. Die torlose Partie am ersten Spieltag hat gezeigt, wie schwer das wird. „Die Wolfsburger haben einen überragenden Kader. Und wir sind der 1. FC Kaiserslautern“, sagte Julian Krahl, der Torhüter der Pfälzer, voller Stolz.
Weitere Zugänge werden folgen
Ein Blick auf die Ersatzbank des VfL Wolfsburg offenbarte, welche Wucht und Dominanz im Ligaalltag möglich sind. Kapitän Maximilian Arnold, der erstligaerfahrene Schwede Mattias Svanberg oder der im vergangenen Winter zugekaufte Japaner Kento Shiogai wurden in der Schlussphase eingewechselt, um den Erfolg noch zu erzwingen. Auf den Einsatz von Dzenan Pejcinovic musste Trainer Strobl verzichten, weil der Stürmer an den Erstligaklub VfB Stuttgart verkauft wird. Die VfL Wolfsburg-Fußball GmbH darf für ihn auf eine Überweisung in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro hoffen.
Was damit angestellt wird, lässt sich erahnen. „Wir sind noch nicht durch, was die Neuzugänge angeht“, sagte Dieter Hecking. Der Routinier ist beim VfL Wolfsburg nach dem Abstieg vom Trainer zum Geschäftsführer befördert worden. Sein Wissen, wie die zweite Liga tickt und wie man sie wieder verlässt, ist sehr gefragt.
Hautnahe Erfahrung, wie unbequem das sogenannte Unterhaus des deutschen Profifußballs ist, kann auch der begnadete Reese einbringen. Seine Gabe, den Ball zu chippen, zu passen und zu flanken, ist weiterhin eine Augenweide. Aber für seine Art von Fußball braucht der von Hertha BSC Berlin geholte Angreifer Platz. Genau den mochte ihm die gut sortierte Mannschaft aus Kaiserslautern nicht gewähren. „Das Spiel hätte in beide Richtungen ausgehen können. Das ist die zweite Liga. Wir wissen jetzt alle, wie viel Arbeit es macht, die zweite Liga zu bespielen“, erklärte Reese nach der hart umkämpften und an Torchancen armen Begegnung.
