
„Für einen Krimiautor ist Wiesbaden die perfekte Stadt“, sagt Alexander Pfeiffer, und er muss es wissen, denn seine Romane spielen in der hessischen Landeshauptstadt. Es sind die Gegensätze auf engem Raum, die den 54 Jahre alten Autor an der Landeshauptstadt faszinieren. Bowling Green, Kurhaus, Sonnenberger Straße auf der einen Seite – Westend, Platz der Deutschen Einheit, Trinkerszene und die Schwalbacher Straße auf der anderen Seite. „Ich mag die Stadt deshalb, weil beides vorhanden ist und ich mich dort überall zu Hause fühle“, sagt Pfeiffer.
Die Figuren seiner Romane kommen entsprechend aus beiden Welten. Seine Videokolumne „Pfeiffers Kultur Kiosk“ spielte in einer dieser Welten. „Das war der Kiosk am Platz der Deutschen Einheit mit Yabil Gorgiys, aus Syrien geflüchtet, aramäischer Christ und hier heimisch geworden“, sagt Pfeiffer und fügt lachend hinzu: „Jeder kennt Yabil, und er kennt auch alle. Der hat zwar kein Amt, aber für mich ist der genauso wichtig wie Gert-Uwe Mende als Oberbürgermeister.“
Pfeiffer kennt die Stadt und liebt sie
Das ist eine eher ungewöhnliche Einstellung, aber sie passt zu Pfeiffer, der sich als Teil einer Stadtgesellschaft im Wandel sieht. Der Vater einer erwachsenen Tochter ist kürzlich abermals in den neuen Kulturbeirat gewählt worden, wo viele schwierige Themen anstehen. „Mich bewegt die Entwicklung der Innenstadt“, sagt er. Deshalb schreibt er auch Beiträge für lokale Magazine. Als Beispiel nennt er das frühere Theater Walhalla, das saniert werden muss und seit Jahren leer steht. „Das Walhalla war einst ein Kulturort und sollte wieder einer werden“, sagt er. Es könnte wieder ein Leuchtturm mit Strahlkraft für die gesamte Innenstadt werden, ist er überzeugt.
Ob er sich als Lokalpatriot betrachtet? „Ja“, antwortet er postwendend, da gibt es für ihn nichts zu überlegen. Er wünscht sich jedoch, dass die Wiesbadener gemeinsam für ihre Stadt einstehen und Ideen entwickeln. Und dass weniger „gemeckert“ wird.
Seine Krimi-Ideen holt sich der Autor aus seinem persönlichen Umfeld. Wenn im Roman „Terrorballade“ sein arbeitsloser Ermittler „Sänger“ in der Kurstadt nach einem ehemaligen RAF-V-Mann sucht, dann verspricht dies, eine literarische Kombination von Spannung und Lokalkolorit zu werden. „Der Sedanplatz galt der innerstädtischen Gastronomie als jüngste Goldgräberstätte“, schreibt er in der „Terrorballade“, und das ist so richtig, dass es schon dokumentarischen Charakter hat. Man merkt: Pfeiffer kennt die Stadt, lebt in ihr und von ihr.
Schon als Junge viel gelesen
Dass er später einmal Bücher schreiben würde, zeichnete sich früh ab. Seine Oma Martha Pfeiffer war Heimatdichterin und hat Mundartgedichte geschrieben. „Wir waren drei Jungs und wuchsen auf einem Bauernhof in Nordenstadt auf“, erinnert er sich. Während seine Brüder draußen spielten, saß der junge Alexander oft im Haus und las Bücher. „Das hat keiner verstanden“, berichtet er. „Wir Kinder bekamen oft Bücher geschenkt. Meine Brüder haben sie in die Ecke geschmissen, und ich habe sie gelesen.“ Ob Karl May oder TKKG – Pfeiffer las alles, was er in die Hände bekam, und liebte das „Abtauchen in andere Welten“.
Heute gibt er seinen Lesern diese Möglichkeit. Als Vorbild nennt er unter anderen Dashiell Hammett, den Begründer des amerikanischen Kriminalromans. „Wie Hammett das gemacht hat, das Kurze, das Knappe und das Unsentimentale, das hat mich total geprägt“, sagt Pfeiffer. Seine Lieblingsform ist die Kurzgeschichte, aber er schreibt auch Gedichte. „Für mich geht es eigentlich um das Verdichten. Das versuche ich immer, auch wenn ich einen Roman schreibe“, erklärt er.
Poesie ist dabei für ihn kein Gegensatz zum Krimi, denn sie erzeuge mit wenigen Worten eine bestimmte Stimmung. „Wenn ich ganz kurze Dinge habe, die nicht einmal eine Geschichte sind, sondern mehr eine Stimmung oder eine Szene, dann wird das ein Gedicht“, sagt er. „Ich liebe die Form total. Ich lese das gerne, ich schreibe das gerne.“
Mit 40 Jahren mit Boxsport begonnen
Pfeiffer hat noch eine andere Passion: Er liebt den Boxsport und ist Trainer sowie Vorstandsmitglied beim Wiesbadener Amateur-Box-Club. „Ich war eigentlich immer ein eher zarter und schmächtiger Junge, der, wie gesagt, gerne Bücher gelesen hat“, blickt er zurück. „Meine Eltern hatten immer ein bisschen Angst um mich.“ Boxen war aber immer sein Ding, auch wenn er sich als Junge die großen Kämpfe nur anschaute.
Mit Anfang vierzig änderte sich das. „Ich habe zwei Jahrzehnte nur am Schreibtisch gesessen und eine klassische Künstlerexistenz geführt. Mit allem, was dazugehört: Schreiben, Alkohol und wenig Bewegung“, sagt er. Deshalb fasste er den Entschluss, etwas für seinen Körper zu tun. „Ich konnte gar nichts, aber es hat so einen Spaß gemacht“, berichtet er von seinem Probetraining, das der Beginn einer neuen Leidenschaft werden sollte.
Man sieht dem Autor an, dass er viel Sport treibt, der Vierundfünfzigjährige ist sehr schlank. Mit seinen zurückgekämmten, leicht grauen Haaren entspricht er durchaus dem Klischee des boxenden Schriftstellers, das die Großen seiner Zunft prägten. Auch Norman Mailer und Ernest Hemingway griffen selbst zu den Boxhandschuhen. „Boxen ist ähnlich wie Schreiben. Es geht um Konzentration, Disziplin und Durchhaltevermögen, denn einen Roman schreibt man nicht einfach so“, verrät er. Pfeiffer benötigt im Regelfall ein Jahr, um einen Roman zu schreiben.
Schon während des Studiums der Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz veröffentlichte er erste Werke im Selbstverlag und hielt Lesungen in ganz Deutschland. Seit 1996 ist er Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller. 2001 war es dann so weit: Pfeiffer veröffentlichte sein erstes Buch mit dem Titel „Inner City Blues“, Geschichten aus dem Herzen der Stadt. 2005 wurde dann sein erster Krimi mit dem Titel „Im Bauch der Stadt“ veröffentlicht, dem 2006 „So wie durchs Feuer hindurch“ folgte. Das „Ende vom Lied“ war 2008 der Abschluss seiner Krimi-Trilogie.
Mit Werken wie „Geisterchoral“ oder „Terrorballade“ blieb Pfeiffer aber dem Genre treu. Seine Fans müssen sich noch bis Anfang nächsten Jahres gedulden, denn dann erscheint ein neuer Krimi. Den Titel verrät er noch nicht. Der erwähnte Kiosk am Platz der Deutschen Einheit wird der zentrale Handlungsort sein. Es geht um einen Raubüberfall und ein Kaleidoskop unterschiedlicher Figuren. Pfeiffer will tief in den Mikrokosmos Westend eintauchen.
Wer nicht so lange warten möchte, kann am 27. August in den Werkraum im ehemaligen Sportscheck an der Langgasse kommen. Dann liest Pfeiffer aus seinen Werken. Vielleicht erklärt er dann seinen Fans auch noch, wie ein Leberhaken korrekt geschlagen wird.
