Der Göttinger Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff hat mit „Trügerischer Wohlstand“ eine material- und detailreiche Wirtschaftsgeschichte der ersten drei Jahrzehnte der Berliner Republik vorgelegt. Er widerspricht einer zu pessimistischen Betrachtung der Jahre 1990 bis 2020. Die „Strategie, einfach herzustellende Vor- und Endprodukte zu importieren und sich in Deutschland auf anspruchsvolle Tätigkeiten mit hoher Wertschöpfung zu konzentrieren“, habe den traditionell starken Industriezweigen wie dem Fahrzeug- und Maschinenbau sowie der Elektro- und Chemieindustrie goldene Zeiten beschert. Zudem profitierte Deutschland in dieser Zeit „in besonderer Weise vom europäischen Binnenmarkt, von der Globalisierung und vom Ende des Kalten Krieges“.
Auch wenn die wirtschaftlichen Potentiale nicht vollständig ausgenutzt wurden, gesellschaftliche Entwicklungen der Anwendung technischen Fortschritts zu enge Grenzen setzten und sich Deutschland in geopolitischer Hinsicht wie in einem Blindflug verhielt, sieht Berghoff die deutsche Wirtschaft heute noch lange nicht am Ende, wohl aber in einer gravierenden Bewährungsprobe befindlich.
Die Vereinigung als Erfolgsgeschichte
Den Grundton des Buches setzt mit der „verkannten Erfolgsgeschichte der Vereinigung“ das erste größere Kapitel des Buches. Mit gebotener Klarheit benennt Berghoff „das vergiftete Erbe der DDR-Diktatur“ und eine völlige Überschätzung der Leistungsfähigkeit der maroden Wirtschaft der untergegangenen DDR als die wichtigsten Ursachen jener tiefen Verunsicherung im Osten, die nach der ersten Euphorie einsetzte und bis heute nachwirkt. Auch arbeitet der Autor präzise heraus, warum die anschließende, von ihm möglicherweise etwas überschätzte „Revitalisierung der ostdeutschen Wirtschaft“ auf Beschränkungen stieß.

Mit der Berliner Republik verbindet sich häufig die Wahrnehmung des Endes der alten Deutschland AG mit ihren Sicherheit verheißenden Netzwerken, an deren Stelle eine am amerikanischen Shareholde-Value-Gedanken und der Globalisierung ausgerichteter Umbau der Wirtschaft gefolgt sei. Berghoff erkennt einen teils radikalen Wandel in vielen Großunternehmen, aber auch ein Festhalten an einem traditionelleren Unternehmensverständnis in großen Teilen des Mittelstands.
Profiteure der Globalisierung
Unbestreitbar war ein Aufschwung des Außenhandels, der sich zwischen 1991 und 2019 an einem Anstieg des Anteils des Exports von Gütern und Dienstleistungen an der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) von 23,7 auf 47,1 Prozent niederschlug. „Die Zunahme der internationalen Verflechtung ließ die Architektur der deutschen Unternehmen nicht unverändert“, schreibt Berghoff. „Sechs der sieben führenden Industrieunternehmen, die noch 1995 den Schwerpunkt ihrer Belegschaften in Deutschland hatten, beschäftigten 2013 mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeitenden im Ausland.“
Berghoff erläutert die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Gewerkschaften, die den Unternehmen ein „antipatriotisches“ Verhalten vorwarfen, und Managern, die auf internationalen Wettbewerbsdruck und die Notwendigkeit verwiesen, dort zu produzieren, wo sich wachsende Absatzmärkte befanden. Er verschweigt weder die Exzesse einer primär am Aktienkurs ausgerichteten Geschäftspolitik noch auf hohen Rossen reitende Manager, die der Einbruch des Aktienkurses aus dem Sattel warf. Auch thematisiert er eine bedenkliche Zunahme der Wirtschaftskriminalität, den Niedergang des Bankwesens und nicht immer gelungene Privatisierungen.
Dem Eindruck eines wahllosen „Ausverkaufs des Tafelsilbers“ widerspricht der Autor jedoch vehement. Der Staat habe sich weder als Eigentümer noch als Retter in der Not, etwa in der Finanz- und in der Eurokrise, zurückgezogen. „Die Deutschland AG wurde umgebaut, aber nicht demontiert“, schlussfolgert Berghoff. „Sie verlor viel ihrer hermetischen Abgeschlossenheit und intensivierte ihre globale Verflechtung. Damit nahmen aber auch die Abhängigkeiten vom Ausland und die eigene Verwundbarkeit zu.“
Land der Widersprüche
Aus sozioökonomischer Sicht erscheint Deutschland in dem Buch als ein Land der Widersprüche. Der Wohlstand hing stark von Globalisierung und Freihandel ab, aber viele Menschen verlangten Schutz vor der Globalisierung. Im Laufe der Jahre wurden Stimmen lauter, die Wirtschaftswachstum grundsätzlich ablehnten. Berghoff betont die zahlreichen Erfolgsgeschichten, die sich mit der Migration verbinden, aber er räumt angesichts „massiver Integrationshindernisse“ starke politische und gesellschaftliche Gegenkräfte ein. Die Reformbedürftigkeit des Sozialstaats sehen viele Menschen ein, aber sie lehnen konkrete Reformschritte meist ab. „De facto ging es in diesen Debatten primär um die Verteidigung liebgewonnener Besitzstände oder politische Opportunität, zuweilen auch um falsch verstandene Solidarität“, befindet der Autor.
Mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft vermisst Berghoff einen „dringend erforderlichen Aufbruch mit disruptiven Reformen“. Die Verantwortung für das Ausbleiben des Aufbruchs erkennt er nicht allein in einem „Machtopportunismus“ in der Politik, sondern auch in einem Klammern eines großen Teils der Bevölkerung an den Status quo. Daher erscheint Berghoff der wirtschaftliche Wohlstand in Deutschland „historisch einmalig und gleichzeitig trügerisch“.
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand. Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990. C.H. Beck. München 2026. 34 Euro
