
Eine der drängenden Fragen unserer Zeit lautet: Ab welchem Alter sollten Kinder und Jugendliche soziale Medien verwenden dürfen? Im Kleinen stellt sie sich irgendwann wohl jeder Familie. Im Großen ist sie eine zentrale Frage bei der aktuellen Debatte um Social-Media-Verbote, nicht zuletzt auch in Deutschland. Eine neue Studie von Forschern um den Soziologen Marco Gui von der Universität Mailand-Bicocca könnte bei der Antwort helfen. Das Team hat untersucht, welchen Einfluss das Alter beim ersten Kontakt mit Tiktok, Snapchat und dergleichen auf die schulischen Leistungen hat. Die Antwort ist in „Nature Human Behaviour“ nachzulesen: Je früher Kinder Zugang zu sozialen Medien bekommen, desto schlechter fallen in den darauffolgenden Jahren ihre Schulnoten aus.
Grundlage für die Studie waren Ergebnisse standardisierter Tests von 5227 Schülern aus Norditalien in den Fächern Italienisch, Mathematik und Englisch. Die Forscher konnten so die Entwicklung der Schüler über acht Jahre nachvollziehen. Sie sammelten zudem Hintergrundinformationen, etwa zum Bildungsstand der Eltern, zu deren wirtschaftlicher Situation und zum Familienleben.
Auch der Bildungsstand der Eltern hat Einfluss auf die Leistung
Auf den ersten Blick zeigte sich, dass diese Faktoren verwoben waren. Zum Beispiel: Schüler mit weniger gebildeten Eltern nutzten soziale Medien im Schnitt früher als Kinder aus Akademikerhaushalten; gleichzeitig hing der Bildungsstand der Eltern auch mit den Noten der Kinder zusammen. Das bedeutet, dass die Forscher nicht einfach nur den Beginn der Social-Media-Nutzung mit den Noten in Beziehung setzen konnten. Denn der so ermittelte Einfluss sozialer Medien auf die Noten wäre durch Faktoren wie das Elternhaus verzerrt.
Die Lösung war ein statistischer Trick. Die Forscher teilten die Schüler in drei Gruppen, je nachdem wann sie das erste Social-Media-Konto angelegt hatten: in der sechsten Klasse (also im Alter von elf oder zwölf), in der siebten oder achten. Wer ab der neunten Klasse (also mit 15 oder 16 Jahren) erstmals auf sozialen Medien war, galt als Kontrollgruppe. In der anschließenden Analyse passten die Forscher den Einfluss der einzelnen Schüler in der Kontrollgruppe je nach Familiensituation und Bildungsstand der Eltern so an, dass sich die Gruppen bei diesen Faktoren kaum noch unterschieden. Dadurch war der Blick auf die Wirkung der sozialen Medien frei.
Ein halbes Schuljahr verloren
Die so bereinigte Statistik offenbarte: Wer ab der sechsten Klasse soziale Medien nutzte, schnitt in der zehnten rund 0,2 Standardabweichungen schlechter in Mathe und Italienisch ab als Gleichaltrige, die damit später begannen. „Das kann man als starken Effekt werten“, schreiben die Forscher. Er entspreche etwa dem Lernfortschritt eines halben Schuljahres, der verloren geht. Wer in der siebten oder achten Klasse begann, zeigte ebenfalls Defizite, wenn auch geringere. Als Ursache vermuten die Studienautoren die Ablenkungen durch soziale Medien sowie deren negative Auswirkung auf Schlaf, Bewegung und das Wohlbefinden. Zu den Beobachtungen gehört aber auch, dass die Leistungen im Fach Englisch nicht litten. Das könnte an einem Lerneffekt durch vornehmlich englische Inhalte auf den Onlineplattformen liegen.
Einige Punkte schränken die Aussagekraft der Studie ein. Die Daten zum Zeitpunkt der ersten Social-Media-Nutzung basieren auf Befragungen der Schüler und könnten fehlerhaft sein. Zudem schrieben die Autoren selbst, dass es weitere, unbemerkte Störfaktoren wie die Familiendynamik oder Persönlichkeitsmerkmale der Schüler geben könnte, die die Ergebnisse verzerren. Dennoch loben Experten, die an der Studie nicht beteiligt waren, die Methode. „Unterm Strich ein gelungenes Forschungsdesign“, schrieb etwa der Schulpädagoge Klaus Zierer von der Universität Augsburg in einer Stellungnahme für das Science Media Center. Die Ergebnisse lieferten den Befürwortern einer Regulierung sozialer Medien wichtige Daten. Es könne nicht im Interesse einer Bildungspolitik sein, den Bildungsnotstand durch einen unregulierten Social-Media-Konsum zu befeuern. Auch die Studienautoren schreiben: Regeln, die den Zugang zu sozialen Medien verzögern, könnten hilfreich sein.
