Wie herrlich das riecht! Das Flechtwerk aus Palmblättern, das ganze runde Haus aus Baobab, Palme und Akazie duftet nach herben Pflanzenaromen. Wenn man die Augen schließt, könnte man tatsächlich glauben, plötzlich in Westafrika zu sein. Man ist aber nur im obersten Stockwerk des Deutschen Ledermuseums angelangt, in einem Saal, der schon länger nicht mehr in den Fokus gerückt wird.
Seit Jahren ist die Afrika-Sammlung geschlossen, „aus wissenschaftlichen und kuratorischen Gründen“, wie es heißt. Man sieht: Die gesamte Präsentation aus den Achtzigerjahren hinkt heutigen Formen der Museumsarbeit hinterher. Koloniale Zusammenhänge, Herkunft, Gebrauch, all das müsste gründlich überarbeitet werden. Die Sammlung ist reich, das Haus ist es nicht. Nun signalisieren die orangefarbenen Klebestreifen und frischen, knappen Texte: An dieser Baustelle wird gearbeitet. Es ist nicht die einzige.
Die Alltagsgegenstände, der Rundbau, die Fotos sind nun, mit der Leitfarbe Orange, Teil der Präsentation „Am Wendepunkt“. Mit dieser letzten Ausstellung, die eher ein Parcours durch das ganze Haus ist, bereitet sich das 1917 gegründete Deutsche Ledermuseum nicht nur auf die Feier zu seinem hundertzehnjährigen Bestehen vor, sondern auch auf die vollständige Schließung Anfang 2027.
Millionen für die Sanierung
Das Haus, das seit 1938 an der Frankfurter Straße in der einstigen Lagerhalle der Offenbacher Messe ansässig ist und dort mehrfach umgebaut und erweitert wurde, wird generalsaniert. Rund 31,5 Millionen Euro sollen der Bund, das Land Hessen und die Stadt Offenbach dafür aufbringen.

Bevor ein noch nicht benanntes Interim bezogen wird, in dem mindestens die pädagogischen Angebote und möglichst auch der interaktive Entdeckungsraum „Das ist Leder!“ zugänglich bleiben, sieht Direktorin Inez Florschütz einer langen Phase des Einpackens von mehr als 30.000 Objekteinträgen entgegen. Eine gute Gelegenheit, vielem noch einmal gründlich auf die Spur zu gehen.
Zwar hat das Museum schon vor einem Jahrzehnt Provenienzforschung betrieben, auch etliche Objekte in die Lost-Art-Datenbank eingestellt. Aber hinter vielen Inventarnummern verbergen sich ganze Konvolute, die schon lange nicht mehr oder sogar nie genauer angesehen und umgelagert worden sind. Seit geraumer Zeit läuft in den Workshop-Räumen eine Beteiligungsaktion für das künftige Museum. Wie soll es aussehen? Was soll gezeigt werden – und wie?
Was wird aus dem Elefantenkopf?
Nun zeigt „Am Wendepunkt“ gewissermaßen unter der Lederhaut des Museums dessen aktuelle Verfasstheit und damit auch eine Möglichkeit, wie mit dem Museum, seinen Exponaten und den Menschen, die mit ihnen verbunden waren und sind, umgegangen werden könnte. Die elf orangefarbenen Medienstationen, ein Raum zur Museumsgeschichte und die kleinen Interventionen hier und da sind zugleich Einblick in die Geschichte und Ausblick auf das, was in einer künftigen Ausstellung nach der Sanierung wesentlich wäre.

Die Afrika-Sammlung ist ein Beispiel, ein sehr bescheidenes. Denn noch ist kaum zu erahnen, was mit ihr später einmal angestellt werden soll. Immerhin ist der Raum eröffnet und so zu sehen, wie das nie wieder der Fall sein wird. Das riesige Tuareg-Zelt, das, wie Fotos zeigen, in den Neunzigerjahren noch völlig schutzlos auf der Freifläche vor dem Haupteingang der Offenbacher Institution als Besucherattraktion und Kinderspielplatz aufgebaut worden war, ist schon in Plastikfolie verpackt, die leise raschelt, wenn Besucher vorbeigehen.
Ein kleines Amphitheater ist gesperrt. Dort hängt an der Wand die gegerbte Haut eines Elefantenkopfes, ein beunruhigender Anblick. Er korrespondiert auf seltsame Weise mit der gegerbten vollständigen Krokodilhaut drei Etagen weiter unten. Eine vertraute Attraktion, fast wie die schweinverschlingende Anaconda im Frankfurter Senckenberg-Museum. Und zugleich ein erschütterndes Beispiel von kolonialer Kontinuität, Verantwortungslosigkeit, Stolz und Ökonomie.
Auf Krokodiljagd in Deutsch-Ostafrika
Der Jäger Theo Ripper, der das Krokodil um 1937 am Songwe-Fluss schoss, tat dies in der zu diesem Zeitpunkt längst als Völkerbundmandat an Großbritannien und Belgien übergebenen Kolonie Deutsch-Ostafrika, in der auch weiterhin kostbares Krokodilleder für Offenbacher Gerber hergestellt wurde. Allein Ripper soll 5000 Krokodile geschossen haben, in einem Land, das schon seit den Versailler Verträgen nicht mehr dem Deutschen Reich gehörte.

Im Lauf von „Am Wendepunkt“ taucht das gegerbte Krokodil mehrfach auf. Man sieht es auf historischen Fotos an einer der elf interaktiven Medienstationen. Und es sagt sehr viel über die Beziehungen zwischen Offenbach, den einstigen Technischen Lehranstalten, der heutigen Hochschule für Gestaltung (HfG), dem Ledermuseum und der Geschichte aus.

Hugo Eberhardt (1874 bis 1959) Architekt des heutigen Hauptgebäudes der HfG, Direktor der Lehranstalten und damit 1917 auch Gründer des Ledermuseums, renommierte nicht nur mit Krokodilhaut auf nationalem, gar internationalem Parkett. Er hatte Sammlerleidenschaft und Ehrgeiz, beides prägt, in jeder Hinsicht, bis heute das Museum. Denn der Gründer stellte seine Sammlerinteressen anscheinend über alles. Raubkunst und Opportunismus waren die Folge.
Er schaffte es, ein von ihm ersehntes japanisches Sattelzeug aus der Edo-Zeit als Staatsgeschenk Japans an den Reichskanzler Adolf Hitler zu arrangieren, damit das Objekt 1940 als „Leihgabe des Führers“ nach Offenbach kommen konnte. Es ist bis heute dort zu sehen, in der Dauerausstellung „Leder – Welt – Geschichte“.
Diese Ausstellung ist nun auch schon eine beträchtliche Weile, zum hundertjährigen Bestehen angelegt, das maßgebliche Aushängeschild des Ledermuseums. Vor dem Sattel, in unmittelbarer Nähe zur Aktentasche Napoleons, ist nun eine der orangefarbenen Medienstationen aufgebaut. An ihr erfährt man mehr über das Ledermuseum im Nationalsozialismus. Ein Banner zeigt einen Jugendlichen mit Hakenkreuz-Armbinde an genau dem Ort, an dem man selbst steht. Eine Erinnerung daran, immer ganz genau hinzusehen. Woher etwas kommt – und wohin es führt.
„Am Wendepunkt“, Deutsches Ledermuseum Offenbach, bis Anfang 2027.
