
An diesem Samstag hat das Literaturhaus Düsseldorf seine Veranstaltung zu ungewöhnlicher Zeit angesetzt: von 14 bis 16 Uhr. Immerhin ist es dann ruhiger als sonst rund um die abendlichen Lesungen, Diskussionen oder Begegnungen, wenn die Bolkerstraße belebt ist – um das Wenigste zu sagen. Belebt nicht durch Belesene, sondern durch Betrunkene. Die Straße in der Düsseldorfer Altstadt nennt sich selbst „die längste Theke der Welt“.
Heinrich Heine kann nichts dafür, aber er setzt mittlerweile etwas dagegen. Düsseldorfs prominentester Sohn kam 1797 in der Bolkerstraße zur Welt, im Hinterhaus eines Gebäudes, dessen vorderer Teil 1821 abgerissen werden sollte. Da war Heine schon einige Jahre aus seiner Heimatstadt weg, und auch seine Eltern hatten die Stadt mittlerweile verlassen. Im Zweiten Weltkrieg fiel das gesamte Areal, in dessen Vorderhaus sich zuletzt eine Bäckerei befunden hatte, dann den Bombenangriffen zum Opfer. Die Erinnerungsplakette an den jüdischen Dichter Heine hatten die Nazis schon 1938 abnehmen und einschmelzen lassen.
Nach dem Krieg baute man die Bolkerstraße 53 äußerlich historisierend wieder auf, und natürlich zog dort dann eine Kneipe ein. Eine von vielen in der Straße und eine von vielen in diesem Haus, denn der Adresse war gastronomisch kein Glück beschieden. Eine hieß sogar „Heines Bierakademie“, die letzte hörte auf den ebenso literarischen Namen „Schnabelewopski“. 2004 beschlossen Stadt und Land, die das Gebäude 1990 erworben hatten, dort ein „Zentrum für Literatur“ einzurichten. Nur wer sollte es betreiben?
Ein Umzug mit gegensätzlichen Folgen
Da traf es sich gut, dass einige Ecken weiter, auch noch in der Düsseldorfer Altstadt, aber in der vergleichsweise ruhigen Neustraße, die Literaturhandlung Müller & Böhm lag, betrieben seit 1989 von den Namensgebern Selinde Böhm und Rudolf Müller, die ihr Geschäft zum anspruchsvollsten seiner Art in der Stadt gemacht hatten. Ihnen wurde das Ladenlokal im Vorderhaus der Bolkerstraße 53 angeboten, sofern sie im dazugehörigen am Platz des Heine-Geburtshinterhauses errichteten Veranstaltungsraum dauerhaft ein Programm betreiben würden, das der Bezeichnung als „Zentrum für Literatur“ Ehre machte. Kein Problem für die beiden Betreiber, und ihre 2006 dort begonnenen Aktivitäten fanden so viel Anklang, dass die Institution 2017 offiziell in „Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf“ umbenannt wurde und seitdem ein kulturelles Aushängeschild der Stadt ist.
Weniger erfolgreich gestaltet sich nach Auskunft von Rudolf Müller seit dem Umzug der Buchhandlungsbetrieb. Im Vergleich zur Neustraße, auf der kulturbeflissene Menschen zu den nahegelegenen Düsseldorfer Museen unterwegs waren, hat man in der Bolkerstraße kein Laufpublikum: Hier ist zwar viel los, aber die meisten wollen in die Kneipen. Wenn in diesem Jahr das zwanzigjährige Bestehen gefeiert wird, gilt der Jubel vor allem dem Literaturhaus.
Kunst an der Wand macht die Lesungen noch schöner
Ohne die vorgeschaltete Buchhandlung wäre das Literaturhaus aber nur halb so schön. Und auch nicht der wichtigste Treffpunkt für Düsseldorfer Literaturinteressierte, darunter viele hier ansässige Schriftsteller und Künstler. Einem von ihnen, dem Fotografen Andreas Gursky, verdankte der Veranstaltungssaal von Beginn an seinen schönsten Schmuck: Die großformatige Aufnahme einer Seite aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hing als Leihgabe an der Stirnseite. Zum zwanzigsten Geburtstag ist das Bild nun ausgetauscht worden gegen das Kunstwerk eines anderen prominenten Stammkunden: Imi Knoebel hat dem Literaturhaus sein neues Werk „Poem“ überlassen, auch wieder als Leihgabe. Den Kaufpreis für ein solches Werk könnte sich kein Literaturhaus leisten.
Es war erst jüngst in mehreren Galerien ausgestellt worden, zusammen mit anderen Arbeiten von Knoebel, für die der fünfundachtzigjährige Star der Minimal Art an Schriftzeichen erinnernde Elemente aus geschweißtem Stahl gefertigt und bemalt hat. „Poem“ besteht aus 28 dieser Gebilde, die in sechs Zeilen so arrangiert sind, dass der Eindruck eines Gedichts entsteht. Doch nichts daran ist leserlich, obwohl Knoebel sich bei der Gestaltung von den unterschiedlichsten Zeichensystemen inspirieren ließ und desto mehr Deutungsmöglichkeiten assoziiert werden, je länger man hinschaut,
In der Veranstaltung am Samstag wird das frisch im Literaturhaus angebrachte „Poem“ vorgestellt – in Abwesenheit des Künstlers, der keine großen Worte macht. Seine Anweisungen bei der Montage des Werks, so konstatierte eine Assistentin, sei die längste Rede Knoebels gewesen, an die sie sich erinnern könne. Dass sein „Poem“ das Publikum künftig ablenken wird, ist nicht zu befürchten, denn es hängt in dessen Rücken. Aber Podiumsgäste könnten beim verwirrenden Anblick von Knoebels Leihgabe wohl meinen, vielleicht schon etwas zu intensiv die längste Theke der Welt frequentiert zu haben.
