Der Wettkampftyp Florian Kohfeldt hat lange darauf gewartet, endlich wieder in den Wettkampfmodus zu schalten. Sechs lange Vorbereitungswochen, sagte er schmunzelnd, „musste ich erzählen, wie toll alles ist, aber eigentlich ist das ziemlich kacke“. Das Los eines Profitrainers im Saisonvorlauf halt. In den kurzen Sequenzen, in denen Kohfeldt in der Pressekonferenz vor dem Darmstädter Zweitligaauftakt über sich sprach, machte er deutlich, dass „um Punkte spielen, das Adrenalin spüren, Matchpläne entwerfen“ seine Berufszufriedenheit im Besonderen herstellt.
An diesem Samstag (13 Uhr) beginnen die in vielen Teilen des Kaders neu formierten „Lilien“ die Spielzeit mit einem Heimspiel gegen Holstein Kiel. Was dort auf dem Rasen des Böllenfalltorstadions zu sehen sein wird, darauf, so Kohfeldt, sei er „unfassbar gespannt“. Natürlich hat der Trainer eine Vorstellung davon, wie sein Team den hoch eingeschätzten Kielern begegnet. Aber wie die Dinge im Ernstfall nun genau zusammenkommen und wie sich das Spiel der „Lilien“ genau entfaltet, birgt auch für Kohfeldt Überraschungsfaktoren.
Ob „alles toll“ wird? Von außen schwer zu beurteilen angesichts der Abgänge von sechs unumstrittenen Stammspielern der (lange sehr guten und am Ende schwachen) Vorsaison. Und auch aus der Binnensicht schildert Kohfeldt, dass im vorigen Sommer von „Struktur, Achse und Automatismen vieles klarer war“. Der Dreiundvierzigjährige stellte aber auch klar, dass die Sportliche Führung einen größeren Austausch von Kaderpositionen angestrebt habe. Um eine neue Entwicklung anzustoßen, die weit tragen soll. Und aus dem Gefühl heraus, an Grenzen gestoßen zu sein in der Vorsaison, als trotz bester Ausgangsposition bis März die Aufstiegschance im April und Mai kläglich verspielt wurde.
Trotz des umjubelten Sturmduos Isac Lidberg und Fraser Hornby, das gemeinsam 28 Treffer beisteuerte. Die beiden haben sich nach Mönchengladbach und Wolfsburg verabschiedet und für eine hohe siebenstellige Summe auf dem SVD-Konto gesorgt (etwa 7,5 Millionen Euro) – aber natürlich auch Leerstellen im Darmstädter Angriff hinterlassen.
Spannende Personalentscheidungen
Nimmt man die weiteren knapp 2,5 Millionen Euro hinzu, die die Verkäufe von Killian Corredor (Nantes) und Sergio López (Granada) eingebracht haben, gab es in der Vereinsgeschichte noch nie einen auch nur ansatzweise vergleichbar erfolgreichen Transfersommer. Als abgebender Verein. Dazu kehrten die Leihspieler Marco Richter (Mainz) und Niklas Schmidt (Toulouse) zu ihren Heimatklubs zurück, die verliehenen Leon Klassen (Grazer AK) und Paul Will (Fürth) wurden an die jeweiligen Adressen veräußert. Der langjährige Kapitän Fabian Holland ist noch auf Vereinssuche.

Und wie haben sich die „Lilien“ als aufnehmender Klub bislang geschlagen? Wie gut Instinkt, Händchen und Verhandlungsgeschick von Sportgeschäftsführer Paul Fernie waren, wird sich weisen. Unter den bislang zehn getätigten Transfers befinden sich allemal spannende Personalien. Ohne dass Fernie ultimativ offensiv mit dem prall gefüllten Portemonnaie durch die Transferlande gezogen wäre. Offensivspieler Lance Duijvestijn (27 Jahre, Sparta Rotterdam) ist ebenso ein vielversprechender Neuzugang wie Nicolas Verkooijen (19, PSV Eindhoven), der im zentralen Mittelfeld als großes Talent gilt.
Investitionen in die Zukunft
Dass er nachhaltig über den Talentstatus hinauskommt, will Noah Weißhaupt (24, SC Freiburg) beweisen, nachdem seine Karriere zuletzt bei Leihstationen ins Stocken geraten war. Viele Neue sind jedenfalls – weil sie jung sind, den deutschen Fußball oder die zweite Liga nicht kennen – keine klassischen Soforthilfen. Sondern eher Investitionen in die Zukunft, auf dass sie irgendwann die Nächsten sind, die Millionengewinne ermöglichen. „Wir sind überzeugt von den Potentialen, die wir geholt haben“, sagt Coach Kohfeldt, spricht im selben Atemzug aber auch von einer „gewissen Demut vor der Saison“, seiner dritten in Südhessen.
Denn vor dem Startschuss gegen Kiel sind die „Lilien“ nicht nur neu formiert, sondern wirken notgedrungen noch wie ein unfertiges Gebilde. Denn eine entscheidend anmutende Planstelle ist noch frei: Ein neuer Torjäger, der nichts weniger als ein Toptransfer werden soll, muss her. Auf die Frage, wer nach den Abgängen von Lidberg und Hornby für Treffer sorgen soll, bietet die aktuelle SVD-Formation nur vage Antworten.
Noch ein Angreifer soll kommen
Fynn-Luca Lakenmacher hat in seinen wenigen Einsatzzeiten in den vergangenen zwei Darmstädter Spielzeiten jedenfalls kein gehobenes Zweitligaformat nachgewiesen. Große Stücke hält Kohfeldt auf den neu verpflichteten Hoe-Jae Lee. Der 1,92 Meter große, fließend Englisch sprechende Südkoreaner, der auch schon drei Länderspiele gemacht hat, habe in den ersten Tagen am Böllenfalltor einen starken Eindruck hinterlassen.
„Er ist nicht gekommen, um sich bei uns auf die Bank zu setzen. Er ist herzlich eingeladen, der beste Stürmer der zweiten Liga zu werden“, sagte Kohfeldt. Nichtsdestotrotz sind die „Lilien“ auf der Suche nach einem weiteren Angreifer. Gut möglich, dass Manager Fernie für diese Personalie eine Millionensumme im Budget zurückgehalten hat.
Kohfeldt ist jedenfalls nach sechs Wochen Vorbereitung inklusive einwöchigen Trainingslageraufenthalts im Allgäu „guter Hoffnung, dass wir Spiele gewinnen können“. Das scheint auch dringend geboten. Denn das letzte volle Erfolgserlebnis in der Liga liegt fast auf den Tag genau fünf Monate zurück. Es war ein 2:0-Heimsieg gegen, na klar: Holstein Kiel. Die bis Saisonende anhaltende Ansammlung von neun sieglosen Partien könnte sich jedenfalls schnell als Ballast auswirken, sollte der „Lilien“-Jahrgang 2025/26 nicht zügig die Serie durchbrechen.
So kann man über den neuen SVD noch nicht allzu viel prognostizieren, weil es angesichts der personellen Rochaden naturgemäß mehr Fragen als Gewissheiten gibt. Was Kohfeldt aber im Brustton der Überzeugung ankündigte: dass diese Mannschaft topfit daherkommt. Sie sei in der Vorbereitung schmerzresistenter gewesen als die Vorjahresequipe, was Intensität und Umfänge betrifft.
Und auch eine gute Mentalität sei schon zu spüren. Was Kohfeldt am bisher erlebten Arbeitsethos, der Lust am gemeinsamen Verteidigen und dem gegenseitigen Abfeiern nach gelungenen Aktionen festmacht. Also doch schon „alles toll“? Oder immerhin vieles oder vielleicht nur wenig? An diesem Wochenende endet die Zeit der Möglichkeiten. Gegen Kiel können die neuen „Lilien“ beim Realitätscheck zeigen, was in ihnen steckt – und ob aus vielen Einzelteilen schon eine Mannschaft geworden ist.
