
Fast jede Nacht geht gerade ein Teil des Lebenswerks von Tatjana Kim in Flammen auf. Seit fast vier Wochen greift die Ukraine mit Drohnen systematisch in ganz Russland Lagerhallen des Onlinemarktplatzes Wildberries an, mit dem sie zu einer der reichsten Frauen Russlands geworden ist. Am Freitag wurde zum zweiten Mal das Logistikzentrum in Jekaterinburg getroffen – zweitausend Kilometer von der Ukraine entfernt.
Offiziell begründet die Ukraine die Attacken damit, dass Wildberries Material für die russischen Invasionstruppen vertreibe. Doch das eigentliche Ziel der Angriffe dürfte ein anderes sein: die Bevölkerung den Krieg spüren zu lassen. Einkäufe über Wildberries sind ein Teil des Alltags vieler Russen. Hunderttausende Kleinunternehmer, deren Waren in dessen Lagern verbrannt sind, sind nun in ihrer Existenz bedroht. Hinzu kommt: Wegen der Investitionen in sein Logistiknetz ist Wildberries in den Jahren seines rasanten Aufstiegs zum weitaus größten Onlinemarktplatz Russlands zugleich einer der größten Schuldner systemtragender russischer Banken geworden.
Eine Scheidung mit Schießerei im Wildberries-Büro
Die 1975 geborene Tatjana Kim hat das Unternehmen gemeinsam mit ihrem damaligen Mann 2004 nach der Geburt des ersten von sieben Kindern gegründet. Zunächst verkaufte sie selbst Kleidung weiter, die sie bei ausländischen Versandhändlern erworben hatte, gestaltete ihr Unternehmen aber nach einigen Jahren zu einer Plattform für Onlinehändler um. Seit Mitte der Zehnerjahre gehörte das Versandhaus zu den größten in Russland. In den Corona-Jahren zog das Unternehmen dann den Konkurrenten davon.
Das ganz der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zugehörige Unternehmen geriet im Herbst 2024 durch einen Konflikt in die Schlagzeilen, der an Russlands wilde Neunzigerjahre erinnerte: Im Streit um die Anteile nach ihrer Scheidung versuchte Kims früherer Mann mit einer Gruppe Bewaffneter, das Moskauer Büro von Wildberries zu besetzen. Dabei wurden zwei Wachleute erschossen und sieben Personen verletzt. Der Ehestreit bekam dadurch eine politische Dimension, dass der Mann aktiv vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow unterstützt wurde. An dem Angriff waren tschetschenische Polizisten beteiligt. Tatjana Kim ging auch dank des Eingreifens der russischen Regierung als Siegerin aus diesem Machtkampf hervor.
Die Drohnenangriffe auf Wildberries seien „Angriffe auf Millionen von Menschen“, sagte Kim in einer auf Telegram verbreiteten Ansprache. Dem Gesetz nach sei man nicht zu Entschädigungen für die geschädigten Unternehmer verpflichtet, betonte sie angesichts der in sozialen Medien aufwallenden Empörung von Händlern. Dennoch habe Wildberries schon mehr als 100.000 Kleinunternehmern Hilfe gegeben. Sie verhandle mit der Regierung über Unterstützung für die Betroffenen. Die braucht Kim nach Einschätzung exilrussischer Medien vielleicht auch selbst.
