
Slowjansk und Kramatorsk liegen damit in Reichweite russischer First-Person-View-Drohnen (FPV). Zum Schutz sind die Hauptstraßen mit Netzen überspannt. Trotzdem machen russische Drohnenpiloten täglich Jagd auf Fahrzeuge. Alle anderen Städte im Gebiet Donezk sind entweder bereits russisch besetzt oder derzeit entvölkert und umkämpft.
Der Fotojournalist Conall Kearney ist erst vor wenigen Tagen von einer Recherchereise aus dem Donbass zurückgekehrt. Er berichtet der F.A.Z. von einer angespannten Atmosphäre in den Industriestädten. Das Surren der Drohnen sei während seines Aufenthalts allgegenwärtig gewesen, insbesondere nachts. Ihm zufolge rasen die Militärs mit stark erhöhter Geschwindigkeit durch Kramatorsk, um kein leichtes Ziel zu bieten.
Die Behörden wollen Kinder in Sicherheit bringen
Kearneys Aufnahmen zeigen, dass die Ukrainer im Stadtzentrum Schützengräben ausgehoben haben, einige Strecken sind mit Drachenzähnen und Stacheldraht versperrt. Dem Fotografen zufolge schlagen täglich russische Gleitbomben ein. Die Hunderte Kilogramm schweren Bomben haben ungeheure Sprengkraft und können nicht abgefangen werden. Im April wurde Slowjansk sogar von einem drei Tonnen schweren Exemplar getroffen. Der Ostteil Slowjansks liege zudem in der Reichweite russischer Raketenartillerie.
Auch um die Infrastruktur steht es nicht gut. Die meisten Tankstellen in der Umgebung wurden bereits zerstört. Und diejenigen, die noch in Betrieb sind, geben nur eine begrenzte Menge an Kraftstoff aus. Es bilden sich lange Schlangen. Noch aber funktioniert die Post- und Paketzustellung. Auch der Markt in Kramatorsk ist geöffnet, obwohl er schon zwei Mal getroffen wurde. Kearney zufolge sind die meisten Restaurants mittlerweile geschlossen.
Die Behörden beginnen derweil mit der Evakuierung. Am Mittwoch gab der Gebietsgouverneur bekannt, man werde zunächst rund 525 Kinder zusammen mit erwachsenen Begleitpersonen in Sicherheit bringen. Eine Evakuierungsaufforderung an alle Zivilisten dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Einer Behördenschätzung zufolge harren aktuell noch fast 85.000 Zivilisten in Kramatorsk und Slowjansk aus. Wenn sie fliehen, weicht auch das letzte Stück Normalität.
In den vergangenen vier Jahren fungierten Slowjansk und Kramatorsk als mehr oder weniger ruhige Rückzugsorte nahe der Front. Vor Beginn der Vollinvasion lebten in dem Ballungsraum fast 300.000 Menschen. Ein Teil der Bevölkerung floh unmittelbar nach Kriegsbeginn. Doch die leerstehenden Wohnungen wurden in der Regel von Nachbarn im Rentenalter untervermietet; an Soldaten, Reporter und Freiwillige. Mit der Zeit kamen immer mehr Binnenflüchtlinge aus weiter östlich gelegenen Städten, von denen heute nur noch Ruinen übrig sind: Lyssytschansk, Siwersk, Bachmut.
Kramatorsk und Slowjansk waren 2014 russisch besetzt
Der Krieg brachte auch neue Infrastruktur, ausgerichtet auf den Bedarf der Soldaten. Es entstanden Burgerrestaurants und Militärshops. Anstelle von Schnaps und Bier führten die kleinen Läden eine breite Auswahl an Energiegetränken. Im Gebiet Donezk wurde der Verkauf von Alkohol nämlich schon im Frühjahr 2022 gesetzlich untersagt.
Nun droht Slowjansk und Kramatorsk zwar keine unmittelbare Besatzung. Die Ukrainer werden sich dem Vormarsch der Russen so lange wie möglich entgegenstellen. Doch eine schleichende Zerstörung ist kaum noch abzuwenden. Denn egal, wie lange die Verteidigung von Kramatorsk und Slowjansk andauert: Ein normales Leben ist dort schon jetzt kaum noch möglich.
