Herr Kraschansky, Ihr Drohnenabwehrsystem Aartos schützt unter anderem den Flughafen London Heathrow, einen der größten Europas. Was sagen Sie zum Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle?
Es ist absehbar gewesen, dass so etwas früher oder später passieren würde. Es sind eine Vielzahl von Drohnen verfügbar, und es gibt geschultes Personal, das diese Geräte einsetzen kann. Ein Flughafen ist ein hochattraktives Ziel – auch für staatliche Akteure. Wenn man diese kritische Infrastruktur trifft, wird das in der Bevölkerung wahrgenommen. Das Thema Drohnenabwehr war nach dem Vorfall am Flughafen München vergangenes Jahr stark präsent. Aber offenbar ist man bei der Umsetzung in Deutschland noch nicht da, wo man sein sollte. Sonst könnte eine mit Sprengstoff beladene Drohne nicht in einen Flughafen eindringen.
Innenminister Alexander Dobrindt spricht trotzdem von einem Erfolg: Die Mechanismen zur Drohnenabwehr hätten „erkennbar funktioniert“.
Ich bin selber Kommandeur einer Drohnenabwehreinheit in Österreich gewesen. Ich hätte meinen Auftrag nicht als erfolgreich verstanden, wenn eine mit Sprengstoff bewaffnete Drohne in den Sicherheitsbereich eingedrungen wäre. Nein, natürlich hat da nicht alles funktioniert. Das eingesetzte Detektionsgerät war offenbar nur zum Aufspüren von handelsüblichen Drohnen fähig. Das heißt, man hatte da einen technischen Mismatch und vielleicht auch einen Ausbildungsmismatch. Vielleicht hat man das Gefahrenpotenzial auch einfach unterschätzt.

Dobrindt sagte, dass man es mit „professioneller Technik“ zu tun habe. Demnach sei die Drohnenabwehr, die derzeit an Flughäfen eingesetzt wird, nicht dagegen gewappnet. Es kursieren bereits Bilder von der mutmaßlich eingesetzten Drohne. Handelt es sich um ein militärisches Modell?
Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine gehärtete militärische Drohne. Es handelt sich aber schon um ein modifiziertes Modell, das auf speziellen Frequenzen funkt. So ein Modul kostet um die 50 Euro. Also wir sprechen nicht von irgendeiner Spezialeinheit, die im Keller eine verrückte neue Drohnentechnologie entwickelt hat. Das kann jeder, der mal einen Lötkolben in der Hand gehalten hat. Aber es ist natürlich auch nicht so, dass man diese Drohne einfach so bei Media Markt kaufen könnte.
Dabei gibt es bereits Abwehrtechnik, die weltweit auch an Flughäfen gegen modernere Drohnen eingesetzt wird. Wie funktioniert etwa die Verteidigung mit Ihrem System am Flughafen London Heathrow?
Was unser System besonders macht, ist, dass es eine extrem große Bandbreite an Funkfrequenzen abdeckt. Das heißt, auch wenn Drohnen modifiziert werden, so wie es offenbar in Leipzig der Fall war, können wir sie aufspüren. Unser System bekämpft Drohnen an Flughäfen entweder mit elektronischen Störsignalen, dem sogenannten Jamming, oder mit einer Abfangdrohne, die ein Netz abschießt. Wir schützen etwa auch den Flughafen Singapur, einen der größten Verkehrsflughäfen weltweit. Der musste noch nie wegen eines Drohnenalarms geschlossen werden, weil das Thema dort einfach vollumfänglicher gedacht wird. Deutschland wurde eiskalt erwischt. Das muss man jetzt aufarbeiten.
Aber bei der Drohnenabwehr mit elektronischen Störsignalen, dem Jamming, kann auch der Flugverkehr beeinträchtigt werden.
Das ist grundsätzlich richtig. Aber ich bin selbst Pilot. Das heißt, wenn ich Jamming im Flugzeug wahrnehme, dann passiert bei mir Folgendes: Es geht ein Licht von Grün auf Rot. Mein Flugzeug funktioniert allerdings immer noch. Natürlich hat das Auswirkungen. Aber wenn eine bewaffnete Drohne auf einen Flughafen eindringt, dann ist das für mich in Ordnung, wenn ich in drei Minuten kein GPS-Signal habe.
Schon 2023 hat Ihr Unternehmen in der F.A.Z. davor gewarnt, dass die Beschaffung von Drohnenabwehrsystemen in Deutschland zu langsam vorangeht. Was hat sich seitdem getan?
Bei unseren Militärkunden hat sich schon viel getan. Nicht zuletzt auch aufgrund des Feedbacks der Ukrainer, denen wir eine große Stückzahl unserer Drohnenabwehrsysteme zur Verfügung gestellt haben. Was sich noch nicht so sehr geändert hat, ist das Mindset bei der Verteidigung von Flughäfen oder anderer kritischer Infrastruktur. Da fehlt es noch am Wissen und der Umsetzung: Was muss eigentlich getan werden, um diese sensiblen Bereiche zu schützen? Das ist auch stark abhängig von einzelnen Personen in den Beschaffungsbehörden. Manche kennen sich bei der Drohnenabwehr sehr gut aus – andere eher nicht.
Besonders zuversichtlich klingt das nicht.
Das Bewusstsein ist beim Staat schon viel, viel größer geworden. Jeder weiß, dass etwas gegen die Bedrohung durch Drohnen getan werden muss. Der Staat will aber auch nichts Falsches tun. Ich verstehe, dass es um viele Steuergelder geht und man das Beste dafür kaufen will. Aber alles zu Tode zu testen, bis es dann irgendwann eingesetzt wird, ist eben nicht der schnellste Weg.
