Gabriela Adameșteanu ist neben Mircea Cărtărescu die wichtigste lebende Stimme der rumänischen Literatur; beide gelten als heiße Literaturnobelpreis-Kandidaten. Und in zwei Jahren tritt Rumänien als Gastland der Frankfurter Buchmesse an. Dann wird Adameșteanu 86 Jahre alt sein, aber wer sie einmal getroffen hat, dürfte nicht daran zweifeln, dass die resolute kleine Dame der Stargast beim Auftritt ihres Heimatlandes sein wird.
Nur welcher hiesige Verlag wird dann den jüngsten Roman dieser Ausnahmeschriftstellerin, „Vremuri fără răbdare“ (Ungeduldige Zeiten), im Programm haben? Seit Adameșteanu hierzulande überhaupt entdeckt wurde – 2013, fast vierzig Jahre nach ihrem Prosadebüt –, hat noch fast jede deutschsprachige Publikation einen anderen Verlag finden müssen: erst Schöffling mit dem Debütroman „Der gleiche Weg an jedem Tag“, dann 2018, als Rumänien Gastland der Leipziger Buchmesse war, gleichzeitig die „Andere Bibliothek“ (mit dem Hauptwerk „Verlorener Morgen“) und Wieser („Begegnung“), danach 2021 Aufbau („Das Provisorium der Liebe“) und 2023 noch einmal die „Andere Bibliothek“ mit „Der Trevi-Brunnen“). Und als bislang letztes Haus macht sich jetzt Wallstein um Adameșteanu verdient: mit dem im Original vor vier Jahren erschienenen Roman „Stimmen auf Abstand“.
Die Diktaturzeit als Grundlage aller Gegenwart
Dieser stete Wechsel – der auch die Übersetzungen betrifft, aber mit Georg Aescht, Eva Ruth Wemme und nunmehr Jan Koneffke waren jeweils Großmeister ihrer Zunft am Werk – spricht von den Schwierigkeiten, bei uns selbst die Spitzenerzähler einer aus deutscher Sicht „kleinen“ Literaturnation durchzusetzen; Cărtărescu hat da mit dem Zsolnay Verlag und seinem ständigen Übersetzer Ernest Wichner mehr Glück gehabt. Und da „Stimmen auf Abstand“ eher eines der leiseren Bücher von Adameșteanu ist, kein handlungssattes historisches Epos wie „Verlorener Morgen“ jedenfalls, wird es mit dem neuen Roman wohl wieder schwierig beim deutschen Publikum. Doch das weiß ja gar nicht, was ihm da entgeht!

Erst mal eine Chronik der laufenden Ereignisse in Rumänien, die aber immer durchsetzt ist mit erzählerischen Rückgriffen auf Erlebnisse der 1945 (und damit im Jahr der Entstehung Rumäniens in seiner heutigen Gestalt) geborenen Protagonistin Anda Movila. Als Ärztin ist sie über alle Systemwechsel hinweg gebraucht worden, aber auch mit all deren Nachteilen hautnah in Berührung gekommen. Ihren ersten Mann hat sie in den Wirren des Aufstands von 1989 gegen Ceaușescus Regime verloren – nicht, weil er gekämpft hätte, sondern weil er das gemeinsame Kind von der Straße holen wollte. Der zweite Mann starb ihr dann aus natürlichen, wenn auch für eine Medizinerin besonders schmerzhaften Gründen weg. Und als kluge Frau weiß sie: „Bei plötzlichen Toden erfahren die Partner auf obszöne und grausame Weise die Geheimnisse derer, die es nicht mehr geschafft haben, sie zu verbergen.“
Nun lebt Anda überwiegend in der bergigen Provinz; es ist Pandemiezeit, und es mangelt ihr an nichts, „außer an Leuten, mit denen ich reden könnte“. Deshalb telefoniert sie regelmäßig – Stimmen auf Abstand eben – mit ihrer alten Freundin Letiţia, einer im Ausland lebenden Autorin, die wir aus früheren Büchern bereits als Alter Ego der Verfasserin Adameșteanu kennen. Aber auch mit anderen nun fernen Weggefährten ist Anda im Austausch, und sie legt eine Art Dossier für Letiţia an, das dann die zweite Hälfte des Romans bildet – dort geht die Erzählstimme vom Allwissenden zum „Ich“ über. Gegenstand dieses Dateiordners sind Erinnerungen, vor allem an die Diktaturzeit, die damit als Basis all dessen kenntlich wird, was Land und Leute in Rumänien bis heute prägt.
Ihre Figuren wandeln sich im guten wie im bösen Sinne
Schriftsteller, so sinniert Anda einmal, „tun alle dasselbe: Sie klauen einem die lebendigen Teile der Geschichte und rühren sie in ihren Teig. Man kann sich auf sie verlassen wie auf eine Katze.“ Reflexion aufs eigene Metier und Tun war immer Thema bei Adameșteanu, und so heißt es denn auch mit Blick auf Letiţia: „Wenn man im Westen leben will, dann muss man die Literatur aufgeben, erst recht für den Fall, dass es sich um eines dieser von Frauen geschriebenen Bücher über die verfehlte Liebe im Kommunismus handelt!“ Das zielt auf das eigene Werk „Das Provisorium der Liebe“ ab, und in der Verquickung von Lebenswirklichkeit und Fiktion folgt Adameșteanu ihrem großen Vorbild Marcel Proust, aus dessen Werk auch Andas Fazit im neuen Roman stammen könnte: „Ich dachte damals, dass man in seinem Leben, solange es dauert, Menschen und Orte wiedertrifft, die sich mehrere Male drehen, genau wie die Figuren der mittelalterlichen Uhr am Rathaus.“
Das beschreibt sowohl das erzählerische Verfahren im Gesamtwerk von Adameșteanu als auch die Wandelbarkeit (im guten wie bösen Sinne) ihrer Figuren. Durchzogen ist „Stimmen auf Abstand“ vom melancholischen Text eines Ohrwurms: „The Winner Takes It All“ von Abba. Wir haben mit ihr eine große europäische Erzählerin, die am eigenen Schicksal wie dem ihres Landes verdeutlicht, was unsere Gegenwart ausmacht. Ganz anders, als es im von ihr so oft beschworenen Abba-Lied heißt: „I don’t wanna talk / about things we’ve gone through.“ Diese Erzählerin arbeitet gerade das in ihren Büchern aber immer wieder durch.
Gabriela Adameșteanu: „Stimmen auf Abstand“. Roman. Aus dem Rumänischen von Jan Koneffke. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 384 S., geb., 26,– €.
