
Wenn Klaus G. Saur anrief, dann hätte er seinen Namen gar nicht erst zu sagen brauchen, denn diese Stimme war unverkennbar. Und auch die Dringlichkeit des jeweiligen Anliegens. Saur war kein Plauderer, so grandios er diese Kunst gewiss beherrscht hätte, sondern ein Wissensvermittler. Das war ja auch sein Beruf: erst als Chef des familieneigenen Verlags K. G. Saur und dann, nachdem er ihn teuer an einen internationalen Konzern verkauft hatte, als Leiter der Konkurrenz von De Gruyter, des traditionsreichsten deutschen Wissenschaftsverlags. In dieser Funktion kaufte Saur dann übrigens sein früheres Unternehmen zurück – natürlich ungleich billiger.
Er war ein Schlitzohr, und deshalb wusste er auch genau, wen er anzurufen hatte, um Informationen zu streuen. Und er hatte viele zu streuen: zu aktuellen Entwicklungen im Buchgeschäft, aber noch mehr zu dessen Geschichte. Niemand lebte so begeistert in der Tradition des eigenen Gewerbes. Und niemand war zugleich ein so unbedingter Neuerer. Ob es vor Jahrzehnten Mikrofiches waren oder in jüngerer Zeit Online-Publikationen, Saur hing am Buch. Doch wenn sich mit dessen gedruckter Version kein Geld mehr verdienen ließ, hielt dieser Verleger nicht daran fest.
Wenn ihm etwas woanders zu lange dauerte, machte er es selbst
Geboren wurde er 1941 als Sohn von Karl-Otto Saur, den Hitler persönlich in seinem Testament noch als deutschen Rüstungsminister und Nachfolger von Albert Speer hatte einsetzen wollen. Mit der Rolle seines Vaters rang Klaus G. Saur ein Leben lang, aber er verdankte ihm seine Berufung. Sogar ganz buchstäblich, denn als Karl-Otto Saur am 28. Juli 1966 starb, musste der am Tag zuvor fünfundzwanzig Jahre alt gewordene Sohn das väterliche Unternehmen übernehmen: den Verlag „Dokumentation der Technik“, eine Nachkriegsgründung, die Nachschlagewerke herausbrachte und vor allem mit der Publikation von Adressbüchern erfolgreich war. Klaus G. Saur weitete das Geschäftsfeld des Verlags massiv aus, benannte ihn 1978 nach sich selbst und internationalisierte die Produkte. Fortan fand er weltweit vor allem in Bibliotheken Abnehmer für seine umfangreichen und sehr kostspieligen Publikationsserien.
Sein ehrgeizigstes Projekt war die „Deutsche biographische Enzyklopädie“, die vom Start 1995 bis zur Vollendung nach dreizehn Bänden nur acht Jahre brauchte. Die 1953 begonnene „Neue Deutsche Biographie“ verärgerte ihn dagegen durch jahrzehntelange Arbeit – als sie 2024 endlich zum Abschluss kam, hatte Saur sein Konkurrenzprojekt schon einmal komplett überarbeiten lassen und in zweiter Auflage publiziert.
Als Festredner und Laudator (auch in eigener Sache) war Saur eine Schau. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er auch den eigenen Nachruf vorbereitet hätte. Aus seiner langen Krankheit hatte er nie ein Geheimnis gemacht, und nach jeder Operation hieß es von seiner Seite: Jetzt geht’s aufwärts. Zuletzt hörte man ihm an, dass das nicht stimmte. Wie heute bekannt wurde, ist Klaus G. Saur kurz nach seinem fünfundachtzigsten Geburtstag in München gestorben.
