„Ich habe mich bemüht, mein Hirn Stück für Stück vom ganzen Müll und Gift zu säubern, die man in der Vergangenheit in mein Hirn gequetscht hat.“ Das schrieb die chinesische Schriftstellerin Fang Fang in ihrem „Wuhan Diary“, dem Tagebuch über sechzig Tage während der totalen Blockade der Stadt wegen Corona. Das war im Frühjahr 2020, in China konnte diese chronique scandaleuse nur auf Internetplattformen und im Blog der Autorin erscheinen, immer wieder gelöscht von offiziellen Stellen. Dennoch hat das Tagebuch dort geschätzte fünf Millionen Leserinnen und Leser erreicht. Und im Ausland wurde die ungeschminkte Veröffentlichung über Willkür und Unterdrückung während der Pandemie zum Weltbestseller.

Seitdem gilt die Autorin im offiziellen China als „Verräterin“ und „Marionette des Westens“. Sie bleibt indes unerschrocken. Fang Fang, Jahrgang 1955, versteht sich nicht als Dissidentin, sie liebt ihr Land, ihre Stadt Wuhan und kämpft für ein besseres Leben. Während viele ihrer Schriftstellerkollegen in phantastische Science-Fiction-Welten oder avantgardistische Sprachspielereien flüchten, pflegt sie knallharten Realismus. Ihre Romane sind literarische Gegenentwürfe zum realen Sozialismus, sie beobachtet scharf und nimmt kein Blatt vor den Mund. Schon ihr Roman „Glänzende Aussicht“ machte sie 1987 in ihrer Heimat berühmt. Beschrieben wird darin das erbärmliche Leben einer elfköpfigen Arbeiterfamilie, die sich auf dreizehn Quadratmetern in sehr unterschiedlicher Weise durchs Leben schlägt. Damals erhielt sie dafür noch Preise, inzwischen ist der Roman längst vom Markt genommen – wie ihre anderen Werke auch –, auf Deutsch erschien das Buch erst im Jahr 2024.
Die chinesische Selbstmordwelle zur Jahrtausendwende
So ergeht es auch ihrer jüngst auf Deutsch erschienenen Geschichte über eine Frau in Wuhan, die beschlossen hat, was schon der Buchtitel verheißt: „Ich geh jetzt los und bring mich um“. Der auf knapp 160 Seiten komprimierte Roman wurde in China 2004 veröffentlicht, auch er ist vom Markt genommen. Dem Hoffmann und Campe Verlag gebührt deshalb großes Lob dafür, dass er sukzessive Fang Fangs Werk ans Licht zumindest der deutschen Öffentlichkeit bringt.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends herrschte in China eine tiefe Depression, Selbstmorde häuften sich, vor allem unter Frauen. Hanqing, die Protagonistin und Icherzählerin, ist also kein Einzelschicksal, sie repräsentiert, allerdings sehr persönlich, eine trostlose Stimmung in der Gesellschaft. Wie hatte Mao Tse-tung einst proklamiert? „Die Frauen sind die Hälfte des Himmels“ – davon ist die Realität, vor allem in den unteren Schichten, weit entfernt. Hanqing hat eingeheiratet in eine Familie, die aus Schwiegereltern, ihrem arbeitslosen Ehemann und dessen Schwester besteht. Sie hat Tag und Nacht für alle zu sorgen. Behandelt wird sie aber wie „Dreck“, wie „Unkraut“. „Niemand interessiert es, ob ich tot oder lebendig bin, ob ich krank bin oder leide. Oh ja, ich bin die Schwiegertochter, und damit ist es meine Aufgabe, den Haushalt zu führen. Bin ich deshalb kein Mensch? Darf ich nicht auch einmal besondere Umstände geltend machen? Wir leben doch im Sozialismus und nicht mehr in den alten Zeiten, wo bestimmte Menschen mehr wert waren als andere, oder?“
Hohn und Gleichgültigkeit in der Familie
Die besonderen Umstände sind die Leiden an einer chronischen Darmverstopfung, die Hanqing seit der Kulturrevolution plagt. Da es auf dem Land nichts zu essen gab, bestand die tägliche Nahrung aus Reis und Chilischoten, was ihren Darm und ihr Leben ruiniert hat. Das „versaut“ den beruflichen Aufstieg, weil sie zur rechten Zeit nicht zur rechten Stelle ist, vor allem in der Familie lösen ihre langwierigen Klo-Sitzungen Empörung aus, denn der Wasserkessel pfeift im Dauerton, während die Schwiegertochter woanders sitzt, auf Befreiung hofft, das Gas nicht ausstellen und die Thermoskannen für die Teezubereitung nicht füllen kann. Wie ein Cantus firmus zieht sich diese Szene durch den ganzen Roman. Das ist ernst und bizarr zugleich.
Hanqing hat dieses Leben gründlich satt, sie will sich umbringen und verkündet ihren Entschluss der Familie. Keiner reagiert betroffen, alle begegnen ihr mit Hohn und Gleichgültigkeit, sogar ihr geliebter, erwachsener Sohn. Sie sei „zu blöd, um sich selbst zu töten“, alle gehen zur Tagesordnung über. Hanqing verlässt die Familie und irrt einen Tag, eine Nacht und wiederum einen Tag durch die Stadt. Sie erlebt schöne und schreckliche Dinge. Eine Freundin will sich vergiften, eine andere von der Brücke in den Jangtse springen, sie rettet eine Studentin vor zwei jungen Rowdys und begegnet einer lebensklugen Nudelverkäuferin. Die hat kein Mitleid, sondern erklärt Hanqing, dass auch ihr Leben voller Horror sei, aber man müsse für andere Menschen Verantwortung tragen.
Fang Fang stellt keine philosophischen Gedanken über Tod und Leben an, das wäre ein Luxusproblem, sie bedrücken der Alltag und die Ungerechtigkeiten im menschlichen Zusammenleben. Ihre Protagonistin ist zwar lebenstüchtig, aber sie leidet unter den Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt ist. Es ist ein harter, aber zugleich weicher Roman über den Überlebenskampf im modernen China. Mit Provokation und Lakonie, mit deftigen und zarten Bildern rückt die Autorin der Wirklichkeit zu Leibe, nie larmoyant, wenn auch eine tiefe Bitterkeit das Lebensgefühl der Icherzählerin verschattet. Leben will sie dennoch, auch wenn es keine glänzenden Aussichten gibt. Ein packendes und nachdenklich stimmendes Sittenbild einer Gesellschaft, die ihre Ideale mit Füßen tritt.
Fang Fang: „Ich geh jetzt los und bring mich um“. Roman.
Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 160 S., geb., 24,– €.
