In den USA ist Anfang Juli etwas zusammengewachsen, das auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun hatte: eine der besten Fußballerinnen der Welt und ein Verein, der bis vor einem Jahr noch in der zweiten Liga Englands spielte. Die Fußball-WM der Männer hatte eine Pause eingelegt, und weil sich Alexia Putellas ohnehin schon in Nordamerika befand, wurde der Termin einfach von London nach New York verlegt. An der Seite von Klubbesitzerin Michele Kang betrat sie die Bühne und gab bekannt, was sich in den Tagen davor angedeutet hatte: Die zweimalige Ballon-d’Or-Gewinnerin wechselt nicht in die US-amerikanische NWSL, auch nicht zu einem direkten Champions-League-Konkurrenten ihres früheren Vereins FC Barcelona, sondern zu den London City Lionesses.
Sie habe sich selbst herausfordern, an ihre Grenzen gehen und sich neu erfinden wollen, sagte Putellas bei ihrer offiziellen Vorstellung. Das wolle sie nicht irgendwo tun: „Die Ambitionen des Vereins und sein unerschütterliches Engagement sprechen mich sehr an. Ich freue mich darauf, auf dem Platz meinen Beitrag zu leisten – und abseits des Platzes darauf, gemeinsam mit Michele (Klubbesitzerin Kang, d. Red.) den Frauenfußball in England und auf der internationalen Bühne voranzubringen.“
In den zurückliegenden Wochen verkündete der Verein einige namhafte Neuzugänge, darunter die spanische Verteidigerin Mapi León (FC Barcelona), die englische Torhüterin Mary Earps (Paris Saint-Germain), die französischen Flügelspielerinnen Delphine Cascarino (San Diego Wave) und Kadidiatou Diani (Olympique Lyon) sowie die deutsche Stürmerin Nicole Anyomi (Eintracht Frankfurt). In der vergangenen Saison war bereits die französische Mittelfeldspielerin Grace Geyoro (Paris Saint-Germain) für die damalige Rekordsumme von 1,65 Millionen Euro verpflichtet worden. Eine solche Transferoffensive ist im europäischen Frauenfußball beispiellos – und sie polarisiert.
Im Dezember 2023 hat sie die Lionesses übernommen und seitdem begonnen, hohe Beträge zu investieren. Forbes schätzt ihr Vermögen auf 1,2 Milliarden US-Dollar, etwas mehr als eine Milliarde Euro. Ihr Engagement sei „keine Wohltätigkeit, ganz im Gegenteil“, sagte sie in dem Interview: „Es ist eine ernsthafte Investition.“ Wie ernst es ihr damit ist, zeigen die anderen Klubs, die zu ihrer Organisation Kynisca Sports International gehören: Washington Spirit in den USA und OL Lyonnes in Frankreich, immerhin achtmaliger Gewinner der Women’s Champions League.
Nach Kangs Vorstellung sollen die London City Lionesses mittelfristig auf einem vergleichbaren Niveau spielen. In der ersten vollständigen Saison nach ihrer Übernahme gelang auf Anhieb der Aufstieg in die Women’s Super League (WSL). In Englands höchster Spielklasse belegte das Team im Jahr darauf den sechsten Tabellenplatz. Das gesicherte Mittelfeld war Kangs Ziel gewesen, aber dabei soll es nicht bleiben. Kang hat es sich zur Aufgabe gemacht, die bestehende Hierarchie in der WSL aufzubrechen. „Was wir innerhalb eines Jahres erreicht haben, beweist, dass mit den richtigen Investitionen und den nötigen Ressourcen alles möglich ist“, sagte sie dem Sender „Sky Sports“: „Unser Weg führt nur nach oben.“
Die Lionesses haben mit dem Männerfußball nichts zu tun
Und das, obwohl – oder gerade weil – sich die Lionesses in einem wichtigen Punkt von der Konkurrenz unterscheiden: Anders als die restlichen WSL-Teams gehören sie keinem Verein an, dessen Kerngeschäft der Männerfußball ist. 2019 lösten sich die damaligen Millwall Lionesses im Streit von dem Klub und gründeten einen eigenen Verein unter neuem Namen. Das bedeutet Unabhängigkeit, aber eben auch kein Sicherheitsnetz und keinen Zugriff auf bestehende Fußball-Infrastruktur.
In gewisser Weise erinnert das an ein Modell, das Deutschland im Frauenfußball über Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat – nur unter anderen Vorzeichen. Reine Frauenvereine wie der 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam und die SGS Essen haben Titel gewonnen, ohne auf die Ressourcen einer Männerabteilung angewiesen zu sein. Als die anderen Vereine jedoch begannen, stärker in den Frauenfußball zu investieren, verschoben sich die Verhältnisse. Seit Essens Abstieg in der vergangenen Saison spielen in der Frauen-Bundesliga nur noch Vereine, die vom Männerfußball querfinanziert werden.
Gegenwärtig bestreiten die Lionesses ihre Heimspiele im Stadion des Männer-Viertligavereins Bromley FC, im tiefen Südosten Londons. Ein eigenes Stadion ist fürs Erste nicht Teil der Strategie. Stattdessen plant Kang den Bau eines neuen, eigenen und hochmodernen Trainingszentrums, das speziell auf die Bedürfnisse weiblicher Spielerinnen zugeschnitten sein soll. Nach Angaben des Vereins wird es das größte seiner Art auf der Welt sein.

Kangs Ambitionen beschränken sich nicht nur auf den Frauenfußball. 2024 kündigte Kynisca die Einrichtung eines globalen Investitionsfonds in Höhe von 50 Millionen US-Dollar (44 Millionen Euro) an, der die Gesundheit von Spitzensportlerinnen verbessern soll. Kang bezeichnete dies als eine „neue Ära für das sportliche Potential von Frauen“.
Was Kang von anderen Investoren unterscheidet: Sie will das Modell des Männerfußballs nicht kopieren. Der Besitz mehrerer Vereine, auch Multi-Club-Ownership (MCO) genannt, ist für sie ein Werkzeug, um strukturelle Lücken zu schließen, die entstehen, weil die Gelder im Frauenfußball noch weit hinter dem Männerfußball zurückliegen. „Es geht darum, die nötige Größe zu erreichen, damit wir in die erforderliche Infrastruktur investieren und erforschen können, wie unsere Spielerinnen zu den besten Athletinnen werden.“ Das macht die Lionesses attraktiv für Spielerinnen, konfrontiert den Sport aber auch mit einer Frage, auf die er weder im Männer- noch im Frauenbereich bisher eine Antwort gefunden hat.
Kang will mit Kynisca weitere Teams übernehmen. Mindestens eins auf jedem Kontinent, um Mädchen und Frauen überall auf der Welt den Zugang zum Fußball zu ermöglichen. Jedoch gibt es Bedenken bezüglich der Integrität beispielsweise der Women’s Champions League, sollten sich sowohl London als auch Lyon dafür qualifizieren. Laut UEFA-Regularien dürfen zwei Vereine, die denselben Eigentümer haben, nicht im gleichen Wettbewerb spielen.
Ist das Kang-Modell ein Problem für die Integrität des Fußballs?
Nadine Keßler, die bei der UEFA die Abteilung für Frauenfußball leitet, hat erst im Mai nochmals betont, dass der europäische Verband seine Regelungen nicht zugunsten von MCO-Modellen anpassen werde. „Warum sollten wir die sportliche Integrität im Männerfußball, nicht aber im Frauenfußball wahren wollen?“, fragte sie: „Das kommt nicht infrage.“
Multi-Club-Ownership wird auch im Frauenfußball zunehmend üblich. Crux Football besitzt sowohl den schwedischen FC Rosengård als auch den französischen Montpellier FC, Mercury13 kontrolliert den FC Como aus Italien, den FC Badalona aus Spanien und den englischen WSL-2-Verein Bristol City. „Sie investieren offensichtlich viel in den Sport, und das ist auch wichtig“, sagte Keßler, machte aber zugleich deutlich: „Bei der Teilnahme an einem Fußballwettbewerb wird es keine Ausnahmen geben.“
Kang ist sich der Kritik an ihrer Herangehensweise bewusst, hält diese aber für die einzige Strategie, um den Frauenfußball voranzubringen: „Multi-Club-Ownership“, sagt sie, „ist im Frauenfußball eine Notwendigkeit.“ Nur mit Investoren ließen sich die fehlenden Ressourcen kompensieren. Um das Potential des Frauenfußballs vollständig auszuschöpfen, müsse in einem Umfang investiert werden, den die Spielerinnen verdienen.
Anders als im Männerfußball oft üblich, verzichtet Kang dabei jedoch darauf, eine Hierarchie innerhalb ihres Netzwerks zu definieren. „Ich kann nicht für jeden die gleichen Ergebnisse garantieren“, sagt sie, „aber ich kann gleiche Möglichkeiten für alle Frauen schaffen. Was daraus wird, liegt dann bei ihnen.“ Das Ziel sei es, jedes Team in seiner Liga zum Meister zu machen.
Alle drei Vereine, Washington Spirit, OL Lyonnes und die London City Lionesses, würden dort gleichbehandelt, wo es darauf ankomme: bei den Trainingsbedingungen, der medizinischen Betreuung, dem Scouting und der Talentförderung. „Im Rahmen der vorgegebenen Grenzen versuche ich, die bestmögliche Mannschaft aufzubauen, ohne dass sich die Teams gegenseitig benachteiligen.“ Es gehe ihr nicht darum, ein Zuführsystem für Lyon aufzubauen, sondern das „beste Produkt auf den Markt bringen zu können“, damit mehr Menschen den Frauensport attraktiv finden.
Aber die Abhängigkeit von Kangs üppigen Investitionen wird in der Liga auch mit Skepsis beobachtet. Wie zuletzt berichtet wurde, verzeichnete der Verein in der Aufstiegssaison 2024/25 einen operativen Verlust von umgerechnet mehr als zwölf Millionen Euro. Zu dem Zeitpunkt gab es vonseiten der WSL noch keine finanziellen Spielregeln. Das ist heute anders: Von der Saison 2026/27 an können Verstöße mit einem Punktabzug bestraft werden. Kangs nächste Aufgabe ist also, die Einnahmen signifikant zu steigern, um die Gehälter ihrer namhaften Zugänge im Rahmen der Regeln zu stemmen. Nur so wird aus den Lionesses am Ende auch ein gutes Geschäft.
