„Ihr sterbt mit allen Tieren / Und es kommt nichts nachher.“ So sicher sich das lyrische Ich in Bertolt Brechts Gedicht „Gegen Verführung“ präsentiert, sind sich offenkundig ein Jahrhundert nach Brechts Warnung vor falschen Vertröstungen noch immer nicht alle Sterblichen. Davon zeugen auch die lieferbaren Bücher, die von einem Leben nach dem Tod handeln. Es ist allerdings keine einheitliche Sparte, die sie bilden. Unter den Angeboten mit entsprechendem Titel finden sich theologische Abhandlungen über Auferstehungsglaube neben Berichten von Nahtoderfahrungen und Reportagen von Exkursionen ins Gefilde des Schamanismus; selten sind, sofern die Stichproben nicht trügen, Werke mit genuin philosophischem Anspruch.
Eine Ausnahme in jüngerer Zeit machte „Death and the Afterlife“ von Samuel Scheffler, das in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp greifbar ist. Das „Leben danach“ freilich, das den Autor interessiert, ist nicht ein wie auch immer geartetes individuelles Fortleben nach dem Tod, es ist das kollektive Weiterleben der Menschheit. Trostbedürftige Leser mögen das für einen Etikettenschwindel halten oder für einen matten Sprachwitz, aber die Abhandlung macht mit ihrem Argument philosophisch durchaus Ernst.
„Niemand geht ganz, der Andere lebt in uns weiter“
Scheffler begreift das Fortleben der Gattung als notwendige Bedingung der Möglichkeit eines sinnhaften und guten – individuellen – Lebens vor dem Tode: Wir verlassen uns für gewöhnlich und unausgesprochen darauf, dass nach uns keine Sintflut kommt – und wir müssen es können. Nichts nämlich hätte mehr Bedeutung für uns, so die Essenz des experimentellen Gedankengangs, wenn wir wüssten, dass morgen die Welt und mit ihr alles Leben unterginge. Bliebe „nachher“ buchstäblich nichts, wäre auch „vorher“ alles nichtig – und Brechts entschieden diesseitige Devise, das Leben, solange man es noch hat, „in vollen Zügen“ zu „schlürfen“, klänge ebenso verzweifelt wie schal.

Eine andere lesenswerte philosophische Erörterung auf diesem, wie sich zeigt, weitläufigen Feld spürt ebenfalls einem nachtodlichen Leben nach, das mit Vorstellungen einer unsterblichen Seele oder einer Auferstehung in andersgearteten feinstofflichen Zuständen nichts zu tun haben soll. Sie ist lange vor derjenigen Schefflers entstanden, aber erst seit Kurzem auf Deutsch zugänglich. Verfasst hat sie Jan Patočka, der in den Siebzigerjahren als einer der Köpfe der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung weithin Bekanntheit erlangte.
Die kleine Schrift, die zu Lebzeiten des 1977 – nach einem Verhör durch den Staatssicherheitsdienst – verstorbenen Philosophen nicht publiziert wurde, hat den Charakter einer Meditation in der Tradition der Phänomenologie. Man muss mit dieser Tradition jedoch nicht vertraut sein, um die Überlegungen nachvollziehen zu können. Bei aller terminologischen Strenge zeichnet sich die phänomenologische Perspektive, in der Sachverhalte nicht erklärt, sondern akribisch so zu beschreiben versucht werden, wie sie uns erscheinen, durch Lebensweltnähe aus.
Sein Ausgangspunkt ist, wie Patočka schreibt, die „banale“ Erfahrung, die wir beim Tod eines vertrauten Menschen machten: „Niemand geht ganz, der Andere lebt in uns weiter.“ Doch der Trost, der darin liegen mag, sei schwach – und das Fortleben des anderen „prekär, weil es von uns abhängt“ und nur so lange währe, „wie wir selbst am Leben sind“. Zu überschäumender Hoffnung gibt auch die Antwort auf die im Zentrum stehende Frage keinen Anlass, wie denn der Verstorbene „in uns“ weiterlebe.
Im Ich wirken die Werke des Verstorbenen
Skizziert werden drei Weisen dieses Weiterlebens. Anwesenheit im Modus der „endgültigen Abwesenheit“ ist die eine Weise: Mit dem anderen, mit dem wir in Wechselseitigkeit verbunden waren, verlieren wir, so Patočka, eigene Lebensmöglichkeiten – und damit verschwindet auch „die Möglichkeit, uns selbst zu fühlen, die uns der Andere gegeben hat“. Unsere aus dem Zusammenleben erwachsenen Intentionen „gehen ins Leere“, sie bleiben unerfüllt. Die empfundene Unerfüllbarkeit, könnte man sagen, ist das Bleibende. Aber dennoch oder ebendarum verschwindet auch das Verlangen, die Leere zu füllen, nicht.
Dieser fortdauernde „Impuls“ – und das ist die zweite Form des Weiterlebens – könne eine illusorische, eine „Pseudogegenwart“ des Verstorbenen erzeugen, ähnlich wie wenn nach einer Amputation ein Phantomglied wahrgenommen werde. Solch trügerische Gegenwart des anderen hat indes ebenso wenig das letzte Wort wie die ernüchternde, untröstliche Leere. Am Ende wird eine dritte Form des Nachlebens angedeutet, die in einer unaufgelösten Spannung zu den beiden anderen steht (wie der Herausgeber Tobias Keiling in seiner Text wie Kontext erhellenden Einleitung mit Recht vermerkt).
Patočka spricht – tastend und bildhaft – von der „Erfahrung“, dass die „Energie“, die der andere in die Beziehung eingebracht habe, noch nicht „erschöpft“ sei; von der Möglichkeit, „dass ich erst im Nachhinein vieles von dem, was der Verstorbene war, Wirklichkeit werden lasse“ – und in einer letzten Wendung davon, dass „ich mich also weiterhin der Frage aussetze, die sein Sein für mich ist“. Das „Sein“ des Toten ist mithin kein bloßes Nichtsein, auch nicht nur ein Abwesend- oder Gewesen-Sein. Was aber dann? Jan Patočka scheint zumindest sprachlich an die Grenzen der radikalen Diesseitigkeit zu stoßen, der er sich zu Beginn seiner Meditation mit einer Abkehr von allem „Metaphysischen“ verschrieben hatte.
Jan Patočka: „Phänomenologie des Lebens nach dem Tod“. Aus dem Tschechischen von Sandra Lehmann. Hrsg. von Tobias Keiling und Sandra Lehmann. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 92 S., br., 12,– €.
