
Die Vorzüge des grenzüberschreitenden Handels sind oft beschrieben worden. VWL-Studenten bekommen schon in den ersten Semestern vorgetragen, was es heißt, wenn sich zwei Länder jeweils auf die Herstellung eines bestimmten Produktes spezialisieren und diese anschließend miteinander handeln: Beide Seiten profitieren. Das gilt selbst dann, wenn eines der beiden Länder beide Produkte absolut gesehen günstiger produzieren kann als das andere.
Der britische Ökonom David Ricardo hat dieses Phänomen schon vor über 200 Jahren beschrieben. In seinem berühmten Werk aus dem Jahr 1817 schrieb er über England, das Tücher herstellt, und Portugal, welches sich auf die Produktion von Wein spezialisiert. Doch seine Erkenntnisse lassen sich auf viele andere Sektoren übertragen.
Auch in der Energiewirtschaft gilt: Vom grenzüberschreitenden Handel mit Energie profitiert ganz Europa. Egal, ob es sich um französischen Atom-, deutschen Solar- oder dänischen Windstrom handelt. Das liegt auch daran, dass die Länder unterschiedliche geographische Voraussetzungen haben. In Portugal scheint häufiger die Sonne als in Schweden, in Dänemark weht mehr Wind als in Österreich. Wasserstoff lässt sich in Norwegen günstiger herstellen als in Deutschland, und CO₂ kann man dort auch einfacher vergraben als hierzulande. Insgesamt werden dann weniger Back-up-Kapazitäten und Stromleitungen benötigt, die schwankende Erzeugung aus erneuerbaren Energien kann besser ausgeglichen werden, und die Versorgungssicherheit steigt.
Kosten von 26 Milliarden Euro im Jahr
Die EU-Kommission will deshalb den grenzüberschreitenden Ausbau der Stromnetze, aber auch von Gas-, Wasserstoff- und CO₂-Leitungen stärker koordinieren. Es fehlt insbesondere an sogenannten Interkonnektoren, die ein Land mit einem anderen verbinden. Die Behörde hat deshalb im Dezember eine Initiative für acht grenzüberschreitende „Energie-Autobahnen“ ausgerufen, darunter auch Stromverbindungen von Deutschland nach Dänemark.
Die Behörde rechnet mit Kosten von 26 Milliarden Euro im Jahr, wenn die Netze nicht schneller ausgebaut werden. Nach ihren Prognosen wird ohne neuen Schwung nur die Hälfte der benötigten Kapazitäten bis zum Jahr 2030 gebaut. Der schleppende Ausbau bremst die Elektrifizierung – und die EU in ihrem Ziel, weniger abhängig von fossilen Importen zu werden.
10.000 Menschen befragt
Doch der Freihandel hat nicht mehr den allerbesten Ruf, nicht nur beim amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auch in Europa ist der von Brüssel forcierte Austausch von Energie über Grenzen hinweg unbeliebt. Das zeigt eine Studie, die das Kieler Institut für Weltwirtschaft kürzlich veröffentlicht hat. Offenbar gibt es eine sogenannte „trade penalty“. Das bedeutet, Menschen empfinden Freihandel nicht als Gewinn, sondern als Nachteil oder Bestrafung.
Die Wissenschaftler hatten im Januar und Februar 2023 fast 10.000 Menschen in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und dem Vereinigten Königreich nach ihrer Meinung zu hypothetischen Szenarien gefragt, in denen entweder neue Stromleitungen oder neue Infrastruktur für den Transport von CO₂ gebaut werden. In der Befragung wurde ein expliziter Bezug zum Klimaschutz hergestellt und betont, dass die Projekte Geld kosten. Die Teilnehmer bewerteten das Projekt dann auf einer Skala von „sehr negativ“ bis zu „sehr positiv“. Die fünf genannten Länder wählten die Forscher aus, weil sie als Nordsee-Anrainerstaaten von der Infrastruktur besonders profitieren würden.
Unerwünschtes Abfallprodukt CO₂
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Nationale Infrastrukturprojekte stoßen in allen untersuchten Ländern auf deutlich höhere Zustimmung als grenzüberschreitende Projekte. So wird die heimische Stromerzeugung als durchgehend positiv bewertet. Projekte zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCS) im Inland befürwortet in Deutschland immerhin noch gut jeder Zweite.
Besonders kritisch hingegen sehen die Befragten den Export von Strom ins Ausland sowie den Import von CO₂ aus anderen Ländern. Die Richtung des Akzeptanzverlustes hängt offenbar von der Wahrnehmung des jeweiligen Gutes ab, schreiben die Forscher: Strom wird als wertvolle nationale Ressource verstanden, CO₂ dagegen als unerwünschtes Abfallprodukt.
„Die Menschen lehnen Klimaschutz nicht ab. Aber Skepsis entsteht vor allem dort, wo der Eindruck entsteht, dass andere Länder profitieren, während Kosten, Risiken oder Verantwortung im eigenen Land verbleiben. Für europäische Klimapolitik wird es deshalb entscheidend sein, diese Verteilungsfragen frühzeitig und glaubwürdig zu adressieren“, sagt Christine Merk vom Kiel-Institut.
Immer wieder den Nutzen erklären
Die Studie liefert auch Hinweise auf die Ursachen der „Trade Penalty“. Wer generell über hohe Strompreise oder die Kosten grenzüberschreitender Infrastruktur klagt, findet den Export von Strom oft nicht so gut. Ebenfalls recht stark ausgeprägt ist die Wahrnehmung der „Trade Penalty“ bei Menschen, die Energieversorgung oder Emissionsminderung als nationale Verantwortung begreifen. Bei Befragten, die sich sehr stark um die Auswirkungen des Klimawandels – eines globalen Problems – sorgen, findet sich diese Wahrnehmung nicht ganz so stark. Aber selbst sie bevorzugen überwiegend nationale Lösungen.
Die Politik müsse deshalb immer wieder den konkreten Nutzen von grenzüberschreitender Infrastruktur in dem jeweiligen Land erklären, sagt Merk. Denn Bürger würden die systemischen Effizienzgewinne durch integrierte Infrastruktur systematisch unterschätzen. Zum Beispiel, dass Stromleitungen von einem Land ins andere die Versorgungssicherheit erhöhen, für niedrigere Preise sorgen oder die Abregelung von Wind- oder Solaranlagen in Zeiten des Überflusses durch den Abtransport von Strom verhindern können. „Zugleich braucht es transparente Regeln dafür, wie Kosten, Nutzen und Verantwortung zwischen den beteiligten Staaten verteilt werden“, sagt Merk. Norwegen oder Großbritannien zum Beispiel könnten die potentiellen Umsätze, die mit dem Verpressen von CO₂ erzielt werden können, betonen – damit am Ende der gesamte Kontinent vom Handel mit Energie profitiert.
David Ricardo: On the Principles of Political Economy and Taxation. 1817.
