Für ein Land, in das George Balanchine das Ballett als Kulturtechnik einführte, ein Land, in dem dieser die erste Schule gründete, die klassische Tänzer professionell ausbildete, hatten die Vereinigten Staaten viele berühmte moderne Tänzer und Tänzerinnen. Zu den Pionieren gehörten Ted Shawn und Ruth St. Denis. Als die Choreographin 1968 im Alter von 91 Jahren starb, überlieferte Walter Terry in einem wundervoll ausführlichen Nachruf, was sie ihm zuletzt gesagt hatte: „Ich habe beinahe meine ganzen 91 Lebensjahre hindurch getanzt. Mehr denn je glaube ich, dass der Tanz jene Sprache ist, die das Höchste des Menschen ausdrückt. Diese Sprache kann den Menschen in die Selbstverwirklichung führen, und nicht nur zur Organisation – was nur ein anderes Wort für Macht ist. Der Mensch ist Gottes Hervorbringung, wenn überhaupt.“
Ruth St. Denis, die als Kind Kants „Kritik der reinen Vernunft“ genauso gern las wie Alexandre Dumas’ „Camille“, war in ihrem Glauben an den Tanz und seine so archaische wie gleichsam religiöse Bedeutung für die Ausübenden prägend für die amerikanische Avantgarde des Tanzes. Als sie starb, war auch Martha Graham, die den Tanz in eine literarische, oft mythologisch inspirierte, psychologische Dramatik führte, bereits 74 Jahre alt. Die folgende Generation erst löste sich von St. Denis’ leitendem Psalm: „Preist ihn mit Tamburinen und Tänzen“.
Ein Schatz im Museum
Unter den nachkommenden Genies im Übergang von der amerikanischen Moderne bis in die volle Postmoderne waren Merce Cunningham, Yvonne Rainer, Trisha Brown, Twyla Tharp und die 1935 in Italien geborene Tänzerin, Choreographin, Performance-Regisseurin, Autorin und bildende Künstlerin Simone Forti. Ihrer jüdischen Familie gelang 1938 die rettende Flucht über die Schweiz in die Vereinigten Staaten. In Hollywood ist sie jetzt am 29. Juli gestorben. Sie wurde genauso alt wie Ruth St. Denis. Zum Tanz kam die spätere Kunststudentin in den Fünfzigerjahren, als sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Künstler Robert Morris, in San Francisco lebte.
Anna Halprin, eine weitere einflussreiche, tanztherapeutisch wirksame und naturverbundene Modern-Dance-Pionierin, bildete Forti aus. Sie war in derselben Klasse wie Yvonne Rainer und tanzte vier Jahre lang in Halprins Ensemble. Fortis Arbeiten, von denen einige zu den Schätzen des Museum of Modern Art zählen, brachten dann die experimentellen Selbsterfahrungen der „Bewegungskünstlerin“, wie sie sich bezeichnete, in die Auseinandersetzung mit Kunstobjekten, Gegenständen und Spielflächen.
Sie experimentierte mit dem Zufall
1959 zog Forti nach New York, eher „eine Komponistin denn eine Instrumentalistin“, und trainierte bei Martha Graham wie bei Merce Cunningham. 1962 wurde ihre Ehe geschieden, auch zwei weitere kinderlose Ehen endeten mit Trennung. Ihre künstlerische Karriere zwischen bildender Kunst, Poesie, Performance, in deren Zentrum die von allem Bewegten inspirierten Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers standen, setzte sie bis in ihre späten Achtziger fort. Sie experimentierte mit dem Zufall wie John Cage und nahm LSD, um die Grenzen ihres künstlerischen Denkens noch mehr zu erweitern.
Als künstlerischer Gast Yoko Onos in Manhattan brachte Forti 1961 dort ihre berühmten „Five Dance Constructions and Some Other Things“ zur Uraufführung. 2023 zeigten junge Tänzer in Venedig Teile der „Constructions“ in einem Reenactment, darunter die schräg stehende Kletterwand mit Seilen, „Slant Board“ genannt. Tanzbiennale-Direktor Wayne McGregor verlieh der anwesenden Künstlerin den „Goldenen Löwen“ für ihr Lebenswerk. Auch „Huddle“, bei dem die Tänzer einen Körperhaufen bilden, dessen Form sich ständig dadurch verändert, dass einzelne über die anderen hinwegklettern, blieb ein eindrückliches, immer wieder aufgeführtes Signaturwerk von Simone Forti. Sie selbst, die einige ihrer Erinnerungen und Ideen 1974 in „Handbook in Motion“ veröffentlichte, sah sich als Teil der Bewegung von Künstlern ihrer freiheitsverliebten Epoche. Sie unterrichtete gern und freute sich über die Museumsankäufe, auch als Ausdruck des Weiterlebens ihrer Ideen nach ihrem Tod.
