Für arme Menschen ist sie nie gedacht gewesen: die bis heute als „Biblia Pauperum“ bekannte Armenbibel, die im 15. Jahrhundert allerdings für die Privatbibliotheken finanziell gut gestellter und noch dazu gebildeter Leser geschaffen worden sein dürfte. Es handelt sich um eine komprimierte, also sozusagen abgespeckte Bibel, die sich auf die wesentlichen Botschaften aus Altem und Neuem Testament konzentriert. Eines der jeweils 42 Seiten dicken Blockbücher hat sich das Mainzer Gutenberg-Museum für knapp zwei Millionen Euro schon vor mehr als zwei Jahren sichern können. Aus Sicht der Experten handelt es sich dabei um eine besonders gut erhaltene Ausgabe.
Jetzt ist in der Dauerausstellung eine nicht eben unbedeutende Kleinigkeit hinzugekommen: Im Auftrag des Weltmuseums der Druckkunst hat der in Dänemark lebende Künstler und Grafikdesigner Jorge Larguito aus einem einzigen Holzstück und in alles in allem fast 100 Arbeitsstunden die Druckvorlage für die erste Seite des Werks originalgetreu nachgeschnitten. Das geschah ganz so, wie es wohl auch vor mehr als 550 Jahren gemacht wurde. Zu sehen ist darauf unter anderem die zentrale Sündenfall-Szene aus dem Paradies.
Aus der Experimentierphase des frühen Buchdrucks
Der nachgebildete Druckstock und die Armenbibel erlauben es nach Ansicht des Museumsdirektors Ulf Sölter, Besuchern künftig mehr von der Technik zu erzählen, die Mitte des 15. Jahrhunderts von etlichen europäischen Werkstätten angewandt worden sei. Sölter nennt die Zeit „Experimentierphase des frühen Buchdrucks“. Letztlich hat sich dann aber der in Mainz lebende Erfinder und Medienrevolutionär Johannes Gutenberg mit seiner Methode durchsetzen können, Texte mithilfe beweglicher und entsprechend schnell auszutauschender Metalllettern vergleichsweise günstig für einen rasch wachsenden Markt zu produzieren.

Denn bei einem Druckstock mussten alle Buchstaben und Bilder mühsam und noch dazu fehlerfrei in eine aus einem Stück bestehende Holzplatte geschnitzt werden. Doch Gutenbergs Arbeitsweise ließ selbst im laufenden Prozess noch Korrekturen zu, wie Kuratorin Nino Nanobashvili am Freitag bei der Präsentation der Neuanschaffung erklärte. Zusammen mit der „Biblia Pauperum“ wird die aus hartem norddeutschem Kirschbaumholz geschaffene Druckvorlage nun als „wunderbare Ergänzung“ in den übergangsweise genutzten Museumsräumen an der Reichklarastraße gleich neben der Schatzkammer gezeigt. In dieser sind die aus Mainzer Sicht noch viel wertvolleren und wichtigeren Gutenberg-Bibeln zu sehen.
Das Gutenberg-Museum muss wegen der rund 100 Millionen Euro teuren Modernisierung der Bestandsgebäude am bisherigen Standort „Liebfrauenplatz“ aller Voraussicht nach noch bis 2032 Untermieter des Naturhistorischen Museums bleiben. Es verfügt zurzeit über drei bedeutende Blockbücher: Neben der vermutlich um 1460 in Süddeutschland geschaffenen „Armenbibel“ gehören auch die mit kräftigen Farben kolorierte „Apokalypse“ und das der Kunst des heilsamen Sterbens gewidmete Werk „Ars Moriendi“ zum Besitz.
Die Blockbücher entstanden in einer Übergangszeit und markierten das Ende einer Epoche, in der vor allem in den Schreibstuben von Klöstern erhaltenswerte Schriften ausschließlich von Hand kopiert, verziert und gebunden worden waren. Während Bildmotive auch lange nach Gutenberg noch vorgezeichnet werden mussten, um sie dann etwa in Form von Holzstichen drucken zu können, war dieses Verfahren für die Vervielfältigung von Texten letztlich zu aufwendig, zu fehlerbehaftet und wohl auch zu teuer.
