Es gibt Filmzitate, die sind für die Ewigkeit gemacht. „Houston, wir haben ein Problem“, ist so eines. „Mein Baby gehört zu mir“, ein anderes. Kurz, prägnant, unverwechselbar. Von diesem Ikonenstatus ist das Filmzitat, das gerade in den sozialen Netzwerken oft bemüht wird, noch weit entfernt. Trotzdem löst es in vielen jungen Erwachsenen Kindheitserinnerungen aus. 20 Jahre nach dem Start der Filmreihe „Die Wilden Hühner“ sammeln junge Erwachsene sogenannte Marmeladenglasmomente. Und all das, weil sie sich an diese beiden, zugegeben, etwas langen Filmsätze erinnert fühlen:
„Manchmal stelle ich mir vor, dass man eine so schöne Zeit wie jetzt in ein Marmeladenglas stopfen kann. Und wenn es einem später einmal schlecht geht, öffnet man es und riecht daran.“ Unter dem Hashtag „wildehühner“ sind Tausende Videos mit ebendiesen Marmeladenglasmomenten zu finden. Was unter diese Kategorie fällt, entscheiden die Nutzer selbst. Für manche ist es eine Sommernacht am See, andere veröffentlichen Videos einer Radtour oder von einem Picknick mit Freunden. Immer werden die Videos mit der fröhlichen Titelmelodie der Filmreihe unterlegt.

Auch die von Astrid Lindgren geschaffene Bullerbü-Welt sowie die bunt-verrückten Geschichten rund um Kater Findus finden so auf manchmal wundersame Weise ihren Platz in den sozialen Medien. Dreißigjährige backen Findus’ Pfannkuchentorte, pflücken – Bullerbü lässt grüßen – Blumen am Wegesrand und zeigen online, wie sie ihr Leben abseits des digitalen Zeitalters genießen. Dass es nicht ganz widerspruchsfrei ist, sich genau dabei zu filmen, scheint niemanden so recht zu stören. Die Gemeinsamkeit dieser Trends liegt weniger in den konkreten Geschichten als in einem verbindenden Gefühl: der Sehnsucht nach einer Kindheit, die in der Erinnerung einfacher, sorgloser und geborgener erscheint.
Gegenbewegung zur reizüberfluteten Lebensrealität
Ein Erklärungsansatz, den auch die Frankfurter Psychologin Katja Schüler teilt. „Viele junge Erwachsene sind in den vergangenen Jahren unter Bedingungen erwachsen geworden, die von Krisen, Pandemieerfahrungen, Einsamkeit und politischer Polarisierung geprägt waren“, sagt Schüler, die Forschungsstipendiatin in Cambridge war und nun in ihrer Frankfurter Praxis auf tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie spezialisiert ist. „Die gute Kindheit wird dann für manche zu einem inneren Schutzraum vor diesen Belastungen.“ Schüler interpretiert die aktuellen Nostalgietrends als Gegenbewegung zur reizüberfluteten Lebensrealität der jungen Generation.
Dabei spielen Erinnerungen eine große Rolle. Etwa an die Geborgenheit, die beim Vorlesen empfunden wurde, oder an das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, das sich beim gemeinsamen Filmschauen eingestellt hat. Das Gehirn speichere solche emotionalen Erfahrungen ab. Werden sie durch einen Reiz wieder aktiviert, ist die Erinnerung fast spürbar, sagt Schüler. „So wird das Lied, die Filmszene oder die Geschichte der Kindheit ein Teil von uns, der auch lange Zeit später wiederbelebt werden kann“, erklärt die Psychologin. „In dem Lied, der Geschichte oder der Filmszene erkennen wir diesen positiven Teil von uns wieder und erfreuen uns daran, fühlen uns belebt und lebendig.“ Gleichzeitig werde vielen dabei bewusst, dass diese Erlebnisse in der Vergangenheit liegen. Dieser Abstand erzeuge oft einen „leichten Schleier der Traurigkeit“ und damit das Gefühl von Nostalgie, wie Schüler sagt.
Das Erstaunen über die Welt zurückholen

Die Filmreihe rund um die Wilden Hühner scheint aktuell genau solche spürbaren Erinnerungen auszulösen. Zwar erzählen die Geschichten um Sprotte, Frieda, Trude, Melanie und Wilma auch von Scheidungen, familiärer Gewalt, Liebeskummer und anderen Konflikten. Gleichzeitig kreieren sie eine Welt, in der Freundschaft Probleme auffangen kann.
Auch für den Film- und Theaterschauspieler Jeremy Mockridge ist die Faszination um die Filmreihe keine Überraschung. Der heute Zweiunddreißigjährige spielte in der „Wilden Hühner“-Reihe den Anführer einer Jungsband und ist heute am Hamburger Theater tätig. „Die Geschichten sind sehr warm erzählt“, sagt er in einem Interview mit der F.A.Z. „Die Musik und die Einfachheit dieser Welt, die trotzdem reale Teile hat, ziehen in ihren Bann.“ Besonders durch Nachrichten von Fans und Begegnungen im Alltag bemerke er das gesteigerte Interesse. „Mein bester Freund ist Vincent Redetzki, der den Willi bei ‚Die Wilden Hühner‘ spielt. Wir werden manchmal zusammen erkannt. Da merken wir schon, dass das in letzter Zeit wirklich vermehrt vorkommt.“
Auch die junge Frankfurter Influencerin Mili hat den Trend aufgegriffen. Sie inspiriert unter ihrem Account „chilliemili“ täglich 11.600 Follower mit Strick- und Lifestyle-Ideen. Ihr „Marmeladenglas“-Video, das sie beim Schnitzen, Stricken, Klönen zeigt, erhält 14.000 Likes. Manchmal wird kommentiert. „Ich vermisse solche Zeiten“ oder „Ich vermisse solche Freunde“, steht unter dem Video. „Gerade der Marmeladenglasmoment ist einfach das perfekte Sinnbild für Nostalgie“, sagt die Frankfurterin. Für sie erklärt sich die Faszination für die alten Filme auch durch die Darstellung weiblicher Solidarität innerhalb der Bande. „Gerade jetzt merken ja viele, dass dieses Patriarchat nichts taugt. Wir wollen Männer ein Stück weit dezentrieren, uns stärker auf unsere Freundinnen konzentrieren und uns mehr aufeinander verlassen.“ Für sie ist auch dies das Wilde-Hühner-Gefühl.
„Ich glaube, dass man mit dem Erwachsenwerden manchmal den Blick fürs Wesentliche verliert“, sagt die 26 Jahre alte Frankfurterin. „Wir haben gerade multiple Krisen am Start. Viele junge Menschen sehnen sich deshalb nach Geborgenheit und Leichtigkeit – und suchen oder vermissen das auch in ihren Freundeskreisen.“
In einer belastenden, digitalen Welt kurz wieder Kind sein zu können, kann laut Psychologin Katja Schüler stabilisierend wirken und als beruhigend empfunden werden. „Als Kinder war das Leben voller Momente des Erstaunens und Entdeckens“, sagt sie. „Wieder durch Kinderaugen zu sehen, könnte uns an diesen Zustand erinnern.“
