Antonia Niedermaier kann nicht nur schnell Rad fahren. Sie kann auch schön erzählen. So wie von damals vor vier Jahren, als sie noch in einem Nachwuchsteam die Tour de l’Ardèche fuhr, eine schwere Rundfahrt mit sieben Etappen im Süden Frankreichs. Das vierte Teilstück über 105 Kilometer und 1500 Höhenmeter gewann sie nach einem 80 Kilometer langen Solo. Allein im Wind. Wie kommt man auf eine solche Idee?
„Die Ardèche-Tour ist eigentlich ein sehr hartes, sehr anspruchsvolles Rennen“, erzählt sie. „Aber ehrlich gesagt habe ich mich ein bisschen gelangweilt, weil diese Etappe von Anfang an nicht besonders hart gefahren wurde. Deshalb bin ich immer vorne gefahren, an der Spitze des Feldes, und irgendwann sagte mein Teamleiter: Entweder du attackierst jetzt, oder du fährst in der Mitte des Feldes. Auf jeden Fall fährst du nicht mehr die ganze Zeit vorne. Da habe ich mir gedacht: Gut, dann attackiere ich eben. Ich dachte allerdings nicht, dass ich damit durchkomme.“ Sie kam durch. Sie gewann die Etappe und später auch die Rundfahrt. Da war sie gerade einmal 19 Jahre alt.
Angreifen statt mitrollen. Mutig sein. Das wollen Radsportfans sehen. Das liefert ihnen Tadej Pogačar, der Superstar der Männer, in nahezu jedem Rennen. Der Vergleich ist groß, zu groß gewiss. Aber auch Antonia Niedermaier lebt diesen Stil: Sie ist mutig, riskiert etwas. Und sie hat Spaß am Rennen. Würde sie den Spaß verlieren, sagt sie, würde sie mit dem Sport aufhören. „Dann wäre ich auch nicht mehr gut darin.“
Stärke am Berg und im Zeitfahren
Vier Jahre später fährt die heute Dreiundzwanzigjährige nicht mehr in einem Nachwuchsteam, sondern in der Worldtour für das Team Canyon-SRAM. Beim Giro d’Italia Donne war sie in diesem Jahr als Kapitänin gesetzt und fuhr auf den zweiten Platz. Sie bringt alles mit, was große Rundfahrerinnen auszeichnet: Stärke am Berg und im Zeitfahren. In die Tour de France Femmes, die an diesem Samstag beginnt und über neun Etappen führt, darunter eine Bergankunft auf dem gefürchteten Mont Ventoux, geht sie als wichtigste Helferin der polnischen Tour-Siegerin von 2024, Kasia Niewiadoma-Phinney.
„Ich habe beim Giro meine Chance bekommen und durfte dort auf das Gesamtklassement fahren“, sagt Antonia Niedermaier. „Es wäre für mich schön, wenn ich auch bei der Tour ein gutes Ergebnis erziele, aber ich kenne meinen Job und weiß, dass das größere Ziel darin besteht, für Kasia zu fahren.“ Und wenn sich die Kräfteverhältnisse ändern? Wenn durch einen Sturz, eine Erkrankung oder was auch immer eine andere Situation entsteht? „Das haben wir im Team besprochen. Man weiß ja nie, was passiert. Wir hoffen natürlich, dass alles gut und nach Plan läuft. Aber sollte etwas passieren, übernehme ich als Backup die Leaderrolle. Darauf bin ich auch mental vorbereitet.“
Vielleicht also doch eine Art Doppelspitze, wie sie bei der Männer-Tour im Team Red Bull-Bora-hansgrohe mit Remco Evenepoel und Florian Lipowitz nicht wirklich funktioniert hat? Liefe das besser mit ihr und Niewiadoma? „Da kommt es natürlich auch auf die Fahrertypen an. Kasia und ich fahren schon sehr lange gemeinsam Rennen, wir verstehen uns sehr gut. Bei uns herrscht vielleicht eine etwas andere Harmonie als bei Red Bull. Ich kenne die Jungs dort nicht so, aber bei uns passt das sehr gut.“
Neuer Sport durch Corona
Angefangen hat alles in einem kleinen bayerischen Ort, in Bruckmühl im Landkreis Rosenheim. Dort ist Antonia aufgewachsen. Radfahren spielte zunächst keine Rolle. Ballett und Reiten waren angesagt, sie hatte ein eigenes Pferd. Mit ihren Eltern war sie viel in den Bergen unterwegs und fuhr im Winter Ski. Was man in Bayern eben so macht. Mit 15 begann sie zu laufen. „Wir haben dann relativ schnell gemerkt, dass ich darin nicht ganz untalentiert bin“, erzählt sie. „Ich bin bei einigen Bergläufen mitgelaufen und habe eigentlich auch gleich alles gewonnen. Irgendwann ist das Nationalteam im Skibergsteigen auf mich aufmerksam geworden und hat mich gefragt, ob ich das im Winter mal ausprobieren wollte. So bin ich durch Zufall dazugekommen.“
Ein Zufall, der sie schnurstracks in den Weltcup im Skibergsteigen führte. Dann kam Corona. Keine Bergläufe mehr im Sommer, aber Radrennen fanden noch statt. „Ich wollte irgendetwas machen und habe gesagt: Dann fahre ich eben ein paar Radrennen. Zuerst waren es Mountainbike-Rennen, dann sagte mein Papa, ich könne doch auch mal ein Straßenrennen ausprobieren. So bin ich da hineingerutscht.“ Wieder ging alles sehr schnell.
Als Amateurin stieg sie ins bayerische Juniorenteam auf, dann in die Nationalmannschaft. Das Team Canyon-SRAM bot ihr schon da einen Platz im Worldtour-Team an. „Aber das wollte ich nicht. Ich habe gesagt, dass ich erst mal nur hineinschnuppern will. Ich war damals noch in der Schule und habe mein Abitur gemacht“, erinnert sich Niedermaier. „Wenn, dann gehe ich erst mal ins Nachwuchsteam, um es auszuprobieren. Ich habe auch gesagt, dass ich eigentlich keine Radsportlerin werden will und dass das wahrscheinlich sowieso nichts wird. Es hat sich dann wieder relativ schnell herausgestellt, dass es doch ganz gut passt.“ Spätestens nach ihrem 80 Kilometer langen Solo bei der Ardèche-Tour war das jedem klar.
Die nächste Stufe einer rasanten Entwicklung
Die neue Welt des Profiradsports war ihr zunächst fremd. Aus dem Skibergsteigen war sie gewohnt, für sich selbst zu sorgen. „Dass plötzlich alles für einen gemacht wird, dass die Räder hergerichtet werden und man sich um vieles nicht selbst kümmern muss, war für mich ungewohnt. Im Radsport wird man ja ein bisschen behandelt wie eine Prinzessin. Das kannte ich nicht.“ Was sie aus dem Skibergsteigen mitgenommen hat? „Ich glaube, einen mentalen Vorteil, weil ich mich ganz auf mich selbst konzentrieren kann. Das bringt mir besonders beim Zeitfahren viel.“
Die Tour de France Femmes ist für Antonia Niedermaier nun die nächste Stufe einer rasanten Entwicklung mitten hinein in die Weltspitze. Den klaren Kopf hat sie dabei behalten. Sie weiß, wie gefährlich ihr Sport ist, und geht im Training kein unnötiges Risiko ein. Auch im Rennen, sagt sie, bremse sie in einer heiklen Kurve lieber zu stark als zu schwach. Ähnlich nüchtern spricht sie über das Gewicht, eines der sensibelsten Themen im Frauenradsport. Sich in kritische Bereiche herunterzuhungern, um am Berg noch schneller zu sein, kommt für sie nicht infrage. „Ich weiß“, sagt sie, „dass ich meinen Körper auch nach dem Radsport noch brauche.“
