Nur in Ceuta und Melilla hat die EU eine Landgrenze zu einem afrikanischen Staat. Doch der Status der beiden Städte ist umstritten. Was ist die Geschichte der Exklaven?
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© Oscar del Pozo/AFP/Getty Images
In den vergangenen Tagen sind Tausende Menschen von Marokko aus in die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla gelangt – zum Teil schwimmend, zum Teil über den Landweg. Viele von ihnen erhoffen sich von der Flucht nach Europa ein besseres Leben.
Die hohe Zahl an Menschen, die in so kurzer Zeit die marokkanisch-spanische Landesgrenze überschritten haben, löste eine politische Debatte aus; über Flucht und Migration, über die militärische Absicherung der EU-Grenzen, aber auch über den Status von Ceuta und Melilla. Doch was ist deren Geschichte? Wie kommt es, dass Spanien international anerkannte Gebiete auf dem afrikanischen Kontinent hat? Und wie beurteilt die marokkanische Regierung den Status der beiden Städte?
Weshalb gibt es spanische Gebiete auf afrikanischem Festland?
Ceuta und Melilla sind spanische Exklaven, also vom übrigen Staatsgebiet geografisch getrennte Territorien. Sie sind umgeben vom Mittelmeer und Marokko und bilden die einzigen Landgrenzen zwischen der Europäischen Union und Afrika.
Ursprünglich gehen beide Städte auf Gründungen des antiken Volks der Phönizier zurück. Im 15. Jahrhundert nahmen Spanier und Portugiesen die Städte im Kontext der Reconquista ein. Als Reconquista wird die Rückeroberung der iberischen Halbinsel bezeichnet; christliche Heere drängten arabische und muslimische Herrscher im Laufe mehrerer Jahrhunderte zurück.
Bei der Einnahme von Ceuta und Melilla handelte es sich im Prinzip um eine Fortsetzung dieser Reconquista auf Gebieten außerhalb der iberischen Halbinsel: Beide Städte dienten als christliche Vorposten in Nordafrika.
Ceuta, auf einer Halbinsel an der Meerenge von Gibraltar gelegen, wurde im Jahr 1415 von den Portugiesen erobert. Mit der Annexion Portugals übernahmen die Spanier 1580 die Herrschaft über die Stadt. Auch als Portugal 1640 die Unabhängigkeit zurückerlangte, blieb Ceuta spanisch. Das 225 Kilometer weiter östlich gelegene Melilla wurde 1497 von der Krone von Kastilien erobert – einem Vorläufer des Königreichs Spanien.
Welche Rolle spielen Ceuta und Melilla in den Beziehungen zwischen Marokko und Spanien?
Um die beiden spanischen Exklaven gibt es einen schwelenden Konflikt zwischen Spanien und Marokko. Spanien betrachtet Ceuta und Melilla als unverzichtbare Bestandteile seines Staatsgebiets, doch Marokko erkennt die Städte nicht als spanisches Hoheitsgebiet an – im Gegenteil: Das Königreich erhebt selbst Anspruch auf Ceuta und Melilla und bezeichnet sie häufig als besetzte Gebiete.
Der Status der Gebiete belastet die Beziehungen zwischen beiden Staaten. Seit den Neunzigerjahren gilt für Ceuta und Melilla ein Autonomiestatut, das mit dem Status Kataloniens oder des Baskenlands vergleichbar ist. Zudem sind beide Städte Militärstützpunkte.
Ceuta stand in jüngster Zeit im Zentrum schwerer diplomatischer Krisen zwischen Spanien und Marokko. Im Mai 2021 setzte die marokkanische Regierung die Grenzkontrollen aus und ermöglichte innerhalb von nur zwei Tagen rund 8.000 Menschen, aus Marokko und Ländern südlich der Sahara nach Ceuta zu gelangen.
Dieser Schritt wurde weithin als Vergeltungsmaßnahme Marokkos gewertet. Zuvor hatte Spanien einem Anführer der Unabhängigkeitsbewegung der Westsahara-Region die Behandlung in einem spanischen Krankenhaus ermöglicht. Die Spannungen konnten erst entschärft werden, nachdem der spanische Ministerpräsident die langjährige Haltung seines Landes zur Westsahara geändert und sich mit dem marokkanischen König Mohammed VI. getroffen hatte.
Wie groß sind Ceuta und Melilla, und wie viele Menschen leben dort?
Ceuta ist etwa 18,5 Quadratkilometer groß – und damit kleiner als der Frankfurter Flughafen. In Ceuta leben rund 84.000 Menschen. Melilla ist mit gut zwölf Quadratkilometern noch kleiner als Ceuta, hat allerdings 87.000 Einwohner.
In beiden Städten leben sowohl Christen als auch Muslime. In der Regel verläuft das Zusammenleben dort weitgehend konfliktfrei. Tausende Marokkaner pendeln zum Arbeiten in die Exklaven oder erledigen dort ihre Einkäufe.
Welche Rolle spielt Migration in Ceuta und Melilla?
Spanien ist ein wichtiges Zielland für Menschen, die beispielsweise aufgrund von Gewalt, Katastrophen oder wirtschaftlicher Unsicherheit nach Europa fliehen wollen. Aufgrund der Landgrenze zu Marokko gelten Ceuta und Melilla als wichtige Ziele für Menschen, die von Marokko oder anderen Teilen Afrikas aus nach Spanien gelangen wollen.
Spanien hat die beiden Exklaven stark abgeschottet: Die Grenzen Ceutas und Melillas sind mit Stacheldraht, Wachtürmen und Videokameras gesichert. Immer wieder sterben Menschen bei dem Versuch, die Anlagen zu überwinden.
Viele Menschen versuchen, Ceuta über das Wasser zu erreichen: Sie schwimmen von der marokkanischen Stadt Fnideq aus eine Strecke von etwa fünf Kilometern bis auf spanisches Gebiet. Andere versuchen die Überquerung von der nahegelegenen Stadt Belyounech aus, dann ist die Strecke kürzer.
Die meisten der Menschen, die Ceuta und Melilla trotz der Abschottung erreichen, werden sofort zurückgewiesen. Andere werden in Aufnahmeeinrichtungen untergebracht und registriert und können einen Asylantrag stellen. Für die beiden Exklaven gilt innerhalb des Schengenraums eine Sonderregelung: Wer von dort auf das spanische Festland oder in andere Teile des Schengenraums reist, wird grundsätzlich erneut kontrolliert.
Die jüngste Ankunft Zehntausender Menschen in Ceuta bezeichnete der spanische Regierungschef Pedro Sánchez als »Angriff« auf das spanische Staatsgebiet und Verletzung der spanischen Souveränität. Von den rund 50 Millionen Einwohnern Spaniens ist etwa ein Fünftel im Ausland geboren. Viele von ihnen stammen aus Kolumbien, Venezuela oder Marokko und sind in wichtigen Bereichen der spanischen Wirtschaft tätig, etwa in der Landwirtschaft, im Tourismus oder dem Dienstleistungssektor.
Weshalb haben so viele Menschen jetzt versucht, nach Ceuta und Melilla zu gelangen?
Während die Beweggründe für eine Flucht aus Marokko nach Europa oft Gewalt, Armut oder fehlende Perspektiven sind, ist unklar, warum ausgerechnet jetzt so viele Menschen zeitgleich versucht haben, die spanischen Exklaven zu erreichen. Als ein möglicher Auslöser gilt ein Gerichtsurteil in Spanien.
Anfang Juli hatte der Oberste Gerichtshof Spaniens ein Urteil zur Rückführung von Menschen gefällt, die die Grenze illegal überquert haben. Demnach dürfen Menschen, die beispielsweise über Grenzzäune klettern, ohne ein ordnungsgemäßes Verfahren sofort zurückgeschickt werden. Wer auf dem Seeweg ankommt, muss hingegen ein solches Verfahren bekommen.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez sprach vor diesem Hintergrund von Gerüchten, die die Ereignisse in Ceuta und Melilla ausgelöst hätten. Diese Gerüchte seien von der »Schleusermafia« verbreitet worden. »Es scheint, dass sich diese Auslegung des Urteils des Obersten Gerichtshofs in den vergangenen Stunden wie ein Lauffeuer über die Netzwerke von Menschenhändlerorganisationen verbreitet und den massiven Ansturm ausgelöst hat«, sagte Sánchez. Marokkanische Organisationen sagten hingegen, die meisten Menschen hätten von dieser juristischen Entscheidung nichts gewusst.
Mit Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP und dpa
