Die Frage, wie politisch Kunst heute sein darf, hat Oğuz Şen längst für sich beantwortet. Der Frankfurter verbindet Kunst mit Aktivismus. Und für ihn gehört beides auf die Straße: direkt, antielitär und bisweilen rau. „Ich möchte politische Ungerechtigkeit beim Namen nennen“, sagt der 48 Jahre alte Künstler.
Ein prominentes Beispiel dafür ist das 27 Meter lange Gemälde unter der Frankfurter Friedensbrücke, ein Gemeinschaftswerk mit dem „Kollektiv ohne Namen“. Es erinnert an die neun Opfer des rassistischen Attentats in Hanau am 19. Februar 2020. Das Mahnmal wurde mehrfach durch Schmierereien und rechtsextreme Symbole beschädigt. So schwer, dass es nicht nur restauriert, sondern zum Schutz versiegelt werden musste.
Ähnlich erging es dem Wandbild, das den kleinen Jungen Alan Kurdi zeigt, der 2015 auf der Flucht über das Mittelmeer ertrank – ein Foto, das um die Welt ging und für viele zum Symbol einer gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik wurde. Zusammen mit dem Künstler Justus Becker malte Şen das Motiv auf eine Mauer im Osthafen. Doch schon bald wurde auch dieses Werk mit Farbe und rassistischen Parolen beschmiert.
Besessen von der Hip-Hop-Kultur
Nach einer Spendenaktion erneuerten die Künstler das Bild. Auf dieser Version liegt Kurdi nicht leblos am Strand, sondern lacht, umgeben von übergroßen Teddybären. Das Werk löste ein geteiltes Echo aus. Manche fanden es zu kitschig. Şen ärgert das bis heute. „Das ist erst mal eine klare Haltung“, sagt er. Es gehe um Kriege, Flucht und ein Kind, das gestorben sei, „und die Leute reden über Kunst und Nichtkunst“. Dass politische Kunst nicht frei von Widerspruch ist, gehört für Streetart-Künstler oder Karikaturisten zum Alltag.

Für Şen ist das jedoch keine abstrakte Debatte. Die Themen seiner Arbeiten bestimmen auch sein Leben. Ausgangspunkt war eine Reise nach Lesbos, kurz nach dem Brand von Moria 2020. Şen wollte sich ein eigenes Bild von der Lage machen und fragte sich, was er selbst tun könne. „Dann habe ich Kinder in Kreativangeboten gesehen, die Bilder vom Feuer im Flüchtlingslager malten. Die haben mich so berührt und fasziniert, weil sie ohne Sprache diese Grausamkeit oder Erfahrung wiedergeben konnten.“
Seine Eindrücke nahm er mit nach Frankfurt. Dort suchte er den Kontakt zu Schulen und sozialen Einrichtungen, um mit jungen Menschen kreativ zu arbeiten. Die Konrad-Haenisch-Schule (IB Fechenheim) und die Caritas-Schulbetreuung der Astrid-Lindgren-Schule sagten sofort ihre Unterstützung zu. Seitdem gibt Şen regelmäßig kreative Workshops für Jugendliche. Woche für Woche, ein paar Stunden, für ein regelmäßiges Einkommen. Nebenher arbeitet er ehrenamtlich in Flüchtlingsunterkünften, mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.

Hassliebe zu Frankfurt
Wichtig ist Şen in den Workshops ein Verhältnis auf Augenhöhe. „Ich frage immer erst mal: Wie geht es euch?“ Und erst danach, worauf die Jugendlichen Lust hätten. Viele interessierten sich für Rap und Hip-Hop. So entwickeln sie Ideen zum Thema, entwerfen etwa Bandlogos oder bedrucken T-Shirts. Eine kreative Annäherung an die Lebenswelt von Jugendlichen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben.
Auch Şen musste erst einmal ankommen, bei sich und in der Welt. „Wir sind in einer weißen Gesellschaft aufgewachsen. In den Neunzigern dachten alle, dass wir das Land bald wieder verlassen.“ Dann kam es doch anders. Und Şen hat über die Kunst eine eigene Sprache gefunden. So kantig und reserviert er manchmal wirkt, seine Arbeiten zeigen eine sensible, zugewandte Seite, mit der er nicht nur politische Haltungen, sondern auch eigene Gefühle und Ausgrenzungserfahrungen ausdrücken kann.

Der Künstler mit aserbaidschanischen Wurzeln ist in Frankfurt aufgewachsen. Mit der Stadt verbinde ihn bis heute eine Hassliebe, sagt er. Sie sei wie er selbst und tief in seiner Identität verankert; das Raue, Migrantische, die Kultur.
Sein Vater starb früh. Die Mutter zog sechs Kinder allein groß. Als Jüngster rebellierte Şen früh gegen Konventionen. „Ich würde lügen, wenn ich erzählen würde, ich habe Karl Marx gelesen. Mein ganzes politisches Bewusstsein kommt von meinen Schwestern.“ Die Hauptschule hat er nach der siebten Klasse verlassen. „Es hat mich zu Tode gelangweilt“, sagt er, Schule sei „eine andere Realität“ gewesen. Seine Realität war die als Sohn einer alleinerziehenden Mutter im Frankfurt der Achtziger- und Neunzigerjahre. Manchmal wirken Şens Blicke müde, als strenge ihn die Welt an. Aber durch eine rosarote Brille wollte er ohnehin nie schauen.
„Es lohnt sich, zu kämpfen“
Halt und Orientierung fand er in der Hip-Hop-Kultur, in der Musik, in Filmen und Graffiti, im Breakdance. „Ich war noch nie so besessen von etwas.“ Über Hip-Hop kam er zur Kunst, zur Typographie und Malerei. „Ich war aber nie einer dieser Graffitisprayer, davor hatte ich zu viel Schiss“, sagt er.
Ganz legal gestaltete er Wände und Räume für Veranstaltungen. Dabei lernte er auch Heiner Blum kennen, Künstler und Professor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Dieser ermutigte ihn, sich an der Hochschule zu bewerben. Şen hielt das zunächst für einen Scherz. Er bewarb sich trotzdem. Und wurde für Visuelle Kommunikation angenommen. Das ermöglichte ihm, neue und weitere Formen des Ausdrucks zu finden.
So arbeitet er heute etwa oft mit der Tänzerin und Choreographin Honji Wang zusammen, deren Tanzcompagnie Wang Ramirez ihren Sitz in Paris hat. Sie sei eine enge Freundin, sagt er, beide verbinde eine Migrationsgeschichte, der harte Aufstieg. In Frankreich spiele Herkunft aber eine geringere Rolle als in Deutschland, findet Şen. Auch in der Kunst. „Was mir gefällt: Dort ist Hip-Hop oft selbstverständlich Teil des Balletts.“
Gemeinsam entwickelten Wang und Şen zuletzt das partizipative Projekt „La La Land“ für die Ausstellung „Hidden Cultures“ im Frankfurter Kunstverein. Jugendliche aus prekären Verhältnissen, Obdachlose und Menschen mit Suchterfahrung gestalteten den Raum mit Graffiti, Schriftzügen und Zeichnungen. Ergänzt wurde die Installation durch einen Film mit Performances von Wang. Ein Stück Straße in einem Raum, der sich ständig verändert und erweitert, so wie die Gemeinschaft und das Leben selbst.
Darin liegt Oğuz Şens Verständnis von Kunst. Sie soll Menschen sichtbar machen, die gesellschaftlich oft übersehen werden, deren Geschichten selten erzählt werden und die ihren Weg erst finden müssen. Ihnen möchte er Mut machen: „Es lohnt sich, für seine Leidenschaft zu kämpfen.“
