Manchmal braucht es Außenstehende, die einem zeigen, dass das Leben, das man führt, nicht das einzig mögliche ist. Dass alles ganz anders, ja vielleicht sogar besser sein könnte. Für Tonia, die Erzählerin in Stefanie Höflers neuem Roman „Bis der Regen Feuer fängt“, ist Sol so ein Mensch. Sol, die Neue, die eines Tages an der Schule auftaucht, nicht ständig am Handy hängt und sich wenig darum zu scheren scheint, was ihre Klassenkameraden von ihr denken. Sol, die versucht, sich der ständigen Überwachung des Staates dort zu entziehen, wo es geht, und spöttisch gegenüber denjenigen ist, die sich das nicht trauen.
Es sind die Sechzigerjahre unseres Jahrhunderts. Der Klimawandel ist weit fortgeschritten, es regnet fast gar nicht mehr. Die Gesellschaft folgt klaren Regeln, die, zumindest vordergründig, dafür sorgen sollen, dass die Grundversorgung trotz Dürre für alle gewährleistet bleibt. Vordergründig deshalb, weil es noch zahlreiche weitere Normen gibt, die mit Versorgung nicht mehr viel zu tun haben. Individuelle Ausschweifungen, gleichgeschlechtliche Beziehungen und außereheliche Kinder sind unerwünscht, wer sich daran nicht hält, gilt als „nonkonform“ und muss mit Konsequenzen rechnen.
Eine düstere Geschichte
Tonia bedrückt das zunächst wenig, denn sie führt mit ihrem Bruder Rudi und ihren Eltern ein scheinbar konformes Leben – bis dieses Stück für Stück in sich zusammenfällt. Eines Tages ist Rudi, der sich schon länger verändert hat, verschwunden. Und Tonia verliebt sich in Sol. So wird sie selbst zur Nonkonformen und beginnt sich erste Fragen zu stellen: Warum ist Rudi ab- und Sol aufgetaucht? Hängt das miteinander zusammen? Und in was für einem Staat, der einem nicht erlaubt zu sein, wie man ist, leben sie da eigentlich?
Schon zu Beginn des Romans ist klar, dass viele der Ereignisse durchaus miteinander zu tun haben und dass hinter all dem eine düstere Geschichte steckt, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Immer wieder wird die Romanhandlung von Briefen unterbrochen, die mitunter fast 20 Jahre zurückliegen. Es geht um Experimente an Kindern, Studien, angeblich zum Wohle der Menschheit. Wie in den Büchern in Sols Regal – „Fahrenheit 451“, „1984“, „Brave New World“ – steht auch in der Welt von Tonia und Sol die Gesellschaft über den Rechten ihrer Individuen.
Freie Liebe oder Studienplatz?
In gewisser Hinsicht könnte man Höflers dystopische Zukunftsvision als nicht sonderlich originell bezeichnen. Ist doch das, was hier erzählt wird, kaum mehr Science-Fiction, sondern lediglich eine Weiterentwicklung dessen, was in unserer Gegenwart längst angelegt ist. Aber genau darin liegt ja der Schauder: dass man sich das meiste von dem, was hier geschildert wird, ziemlich gut vorstellen kann. Denn was wäre, wenn der Regen nicht, wie schon heute, immer seltener fallen, sondern so gut wie ganz ausbleiben würde? Wie weit sind wir, mit dem Fitnesstracker am Arm, eigentlich entfernt von einer Welt, in der jegliche Form von Exzess sanktioniert wird? „Freiwilliger gesellschaftlicher Konformismus“, so nennt sich in der Romanwelt ein Staatsmodell, in dem es zwar nicht streng verboten ist, über die Stränge zu schlagen, man sich damit aber eine ganze Reihe von Möglichkeiten nimmt. Freie Liebe oder Studienplatz? Diese Frage müssen sich die Menschen im Roman durchaus stellen.

Bis Tonia das Geheimnis um die sogenannten „Regenkinder“ gelüftet hat, vergeht Zeit. Mitunter zu viel, dafür, dass man beim Lesen relativ schnell verstanden hat, was Sache ist. Denn die Briefe sind so deutlich, dass sie mitunter allzu konstruiert wirken. Niemand würde seinem Geschäftspartner erklärende Sätze wie diesen schreiben: „Erst wenn unsere Experimente Erfolg haben und klar ist, dass wir damit das zukünftige menschliche Leben auf der Erde mitbestimmen werden, können wir auf Unterstützung hoffen.“
Doch der Roman lebt weniger von Spannung und Aufbau als von den Fragen, die er aufwirft. Und von der Tatsache, dass er für diese nie klare Lösungen parat hält. Die Experimente mit den Regenkindern wollen ein reales Problem lösen: die Menschheit von der Dürre befreien. Doch wie viele Opfer für die Gemeinschaft sind angemessen? Keines, scheint das Buch zunächst nahezulegen – bis am Ende doch eines gebracht wird, wenn auch nicht im Sinne der Forscher.
Das Leben stellt einen eben vor moralische Dilemmata, in einer Gesellschaft, die die individuelle Freiheit nicht achtet, umso mehr. Diese Spannung auszuhalten, wird den Lesern hier zugetraut. Da sind auch die Mutigsten, Rebellischsten mal unsicher: Sol ist es, die von einem Studienplatz in Philosophie träumt und dafür vielleicht sogar die Liebe opfern würde. Glücklicherweise tut Höfler nicht so, als ob diese Entscheidung leicht wäre.
Stefanie Höfler: „Bis der Regen Feuer fängt“. Beltz & Gelberg, Weinheim 2026. 320 S., geb., 18,- €. Ab 14 J.
