
Wenige Autoneuheiten haben solche Kontroversen ausgelöst wie der erste vollelektrische Luxuswagen aus dem Hause Ferrari. Das Modell Luce, dessen italienischer Name gleichzeitig Licht und Strom heißt, fiel nach der Weltpremiere im Mai in Rom bei den meisten Ferrari-Fans krachend durch und erfuhr in den sozialen Medien so viel Gegenwind wie ein Ferrari-Fahrer bei der Autobahnfahrt im Cabriolet.
Nun aber hat der Ferrari-Vorstandsvorsitzende Benedetto Vigna bei der Vorstellung seiner jüngsten Quartalszahlen seine volle Zufriedenheit über die ersten Bestellungen zum Ausdruck gebracht. „Wir haben Kunden, die vorher noch nie einen Ferrari hatten, und wir haben Wiederholungskunden“ sagte er am Donnerstag vor Analysten. Nie habe Ferrari eine breitere Modellpalette gehabt. Das gesamte Auftragsbuch decke vollständig das kommende Jahr ab, sagte Vigna, doch er unterfütterte diese Behauptung nicht mit konkreten Bestellzahlen für den Luce. Es entspreche den Gepflogenheiten des Hauses, zu den einzelnen Modellen keine Absatzzahlen zu nennen, fügte er hinzu.
Angeblich Ausverkauf in China
Gleichzeitig wird ein Bericht in der „Financial Times“ ausdrücklich nicht dementiert. Dieser Artikel, der pünktlich zu den Geschäftszahlen des zweiten Quartals erschien, handelte von der großen Nachfrage nach dem Luce in China und bei amerikanischen Tech-Milliardären. Demnach soll das Absatzziel für das gesamte Jahr 2026 von rund 500 Bestellungen schon nach zwei Monaten erreicht worden sein, hieß es ohne Angaben von Quellen.
Ende Juni berichteten bereits chinesische Medien mit Verweis auf anonyme Informanten, dass alle 88 für China vorgesehenen Modelle ausverkauft seien. Andere Medien, die bei chinesischen Ferrari-Händlern nachfragten, weckten jedoch Zweifel an dem angeblichen Ausverkauf, denn der Luce könne weiterhin bestellt werden. Unter Umständen handelt es sich bei der Angabe von 88 Modellen für China ohnehin nur um einen Marketingtrick, denn die Acht ist dort eine Glückszahl. Bei entsprechender Nachfrage könnte das Kontingent bestimmt erhöht werden, hieß es in Händlerkreisen. „Grundsätzlich folgen wir dem Auftragseingang, denn wir respektieren unsere Kunden“, sagte am Donnerstag auch Vigna.
So oder so bleibt die Lage unübersichtlich, solange Ferrari keine offiziellen Zahlen herausgibt. Der oberste Operativchef Vigna, der kein Automann ist, sondern vor knapp fünf Jahren vom Chiphersteller STMicroelectronics zu Ferrari kam, steht beim Luce unter Erfolgsdruck. Der langjährige Ferrari-Lenker Luca di Montezemolo forderte nach der Premiere sogar, dem Luce das Ferrari-Emblem zu verweigern, so verfehlt sei das Design. Nach der Präsentation verließ auch der langjährige Marketingchef Enrico Galliera das Unternehmen und wurde durch den früheren BMW-Manager Massimiliano Di Silvestre ersetzt, wobei Ferrari erklärte, dass der Wechsel nichts mit dem Luce zu tun hatte.
Der weitgehend von dem früheren Apple-Designer Jony Ive entworfene Luce wurde vor allem wegen seiner als gewöhnlich erscheinenden Silhouette kritisiert. Der Einstiegspreis von 550.000 Euro liegt deutlich über dem Durchschnittspreis von Ferrari. Der italienische Hersteller verweist dagegen auf seinen Plan, ganz neue Käuferschichten mit dem Fahrzeug erreichen zu wollen. Weil man alles auf die Optimierung der Elektrotechnik gesetzt habe, musste sich dem auch die äußere Form ohne Kompromisse unterordnen. Die Ferrari-Händler wurden angehalten, den klassischen Kunden den Luce in keiner Weise aufzudrängen.
Mehr Klarheit als beim Luce zeigte der italienische Hersteller am Donnerstag dagegen zu seiner finanziellen Lage. Der Umsatz erhöhte sich im zweiten Quartal gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Der Betriebsgewinn legte um zehn Prozent auf 605 Millionen Euro und der Nettogewinn um neun Prozent auf 463 Millionen Euro zu. Vor diesem Hintergrund hat der Hersteller seine Umsatz- und Gewinnziele für das Gesamtjahr leicht angehoben. An der Börse, die den Hersteller mit rund 66 Milliarden Euro bewertet, notierte die Ferrari-Aktie am Donnerstag ebenfalls leicht im Plus.
