
Hitzeperioden, Trockenheit und weniger Niederschläge haben die Niedrigwassersituation in Deutschland verschärft. Die Pegelstände in vielen deutschen Flüssen und Seen sinken. Die Schiffsfahrt auf der Donau, dem Rhein und der Elbe ist beeinträchtigt. Der Transport von Waren wird teurer, weil Frachtschiffe weniger Beladung als sonst aufnehmen können. Zudem schränken Landkreise und Kommunen den Wasserkonsum ein – etwa in München und Darmstadt.
Ein Blick auf die GRUVO-Karte (Bundesweite Grundwasserstände und Vorhersagen) zeigt: Die Grundwasserstände sind in rund der Hälfte der abgebildeten Messstellen niedrig oder sehr niedrig. Diese Situation werde sich in den kommenden Monaten nicht entspannen, teilt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) mit. Der Süden Deutschlands sei davon besonders betroffen.
Bundesumweltminister Carsten Schneider hat vor dem Hintergrund dieser Entwicklung jüngst das erste bundesweite Niedrigwasserinformationssystem (NIWIS) vorgestellt. Die Plattform soll einen Überblick über die aktuelle Lage bei Flüssen und Grundwasser geben. „Wir haben in Deutschland in den letzten 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren“, sagte der SPD-Politiker und hob die Folgekosten von Wasserknappheit hervor. Es gebe Studien, wonach bis 2050 ohne Gegenmaßnahmen volkswirtschaftliche Schäden von 625 Milliarden Euro oder rund 25 Milliarden Euro jährlich entstünden. Ist Deutschland darauf vorbereitet?
Eine Nationale Wasserstrategie gibt es seit Jahren
Außerdem gibt das Umweltbundesamt an, es arbeite mit der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) an Leitlinien zu Wasserknappheit: „Damit die zuständigen Behörden regional transparente Entscheidungen zur Verteilung von Wasser treffen können, die auf wissenschaftlicher und wasserrechtlicher Grundlage basieren.“ Auf Bundesebene wurde bereits im März 2023 die Nationale Wasserstrategie beschlossen. Damit soll eine „Wasserwende“ gelingen. Darin werden 78 Maßnahmen eines Aktionsprogramms aufgeführt, die sukzessive bis zum Jahr 2030 verwirklicht werden sollen. Es gehe darum, den „naturnahen Wasserhaushalt“, Meeresgebiete (Nord- und Ostsee) und die globalen Wasserressourcen zu schützen, eine klimaangepasste Flächennutzung zu realisieren sowie eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung weiterzuentwickeln.
Von den 38 priorisierten Maßnahmen des Programmes sei der größte Teil noch nicht abgeschlossen, heißt es auf der Website des Bundesumweltministeriums: „Die meisten Maßnahmen sind mehrjährige Vorhaben oder dauerhafte Aufgaben, deren Fortschritte sich im laufenden Umsetzungsstand zeigen und nicht im Abhaken einzelner Punkte.“ Zwar hebt der Leiter des Dürremonitors am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, Andreas Marx, die Wasserstrategie positiv hervor. Gleichwohl wendet er ein: „Wir haben keine wirkliche Dürredefinition.“ Im regulatorischen Bereich fehle der Umgang damit: „Das ist temporäres Managen von Dürresituationen. Hier müssen wir zukünftig besser werden.“
Ein Meldesystem für Dürreperioden
Deshalb schlägt der Hydrologe ein einheitliches Monitoring und ein Meldesystem für Dürreperioden vor: „Wir brauchen verschiedene Meldestufen wie beim Hochwasserschutz, sodass alle Akteure vom Katastrophenschutz bis zur Feuerwehr wissen, was bei welcher Stufe zu tun ist.“ Das sei jedoch deutlich schwieriger als beim Hochwasser, sagt Marx. Es gehe nicht nur um einen Wasserstand in einem Fluss, sondern um mehrere Sektoren, die gleichzeitig betroffen seien: „Wie viel Wasser ist im Boden? Wo stehen die Grundwasserstände? Wie ist das mit den Niedrigwasserständen?“ Das mache, folgert er, die Festlegung von Maßnahmen „komplexer und damit auch konfliktträchtiger“. Es sei kein einfacher Weg, „aber etwas, das wir in Deutschland angehen müssen“.
Thomas Riedel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung (IWW) weist auf die Wasserversorgungskonzepte hin, die das Bundesland Nordrhein-Westfalen im Jahr 2016 eingeführt hat. Demnach sind rund 400 Kommunen gesetzlich verpflichtet, ein Konzept über den Stand und die zukünftige Entwicklung der Wasserversorgung in ihrem Gemeindegebiet aufzustellen. Mithilfe von Tabellen sollen Daten zum Versorgungsgebiet, der Aufbereitung und Gewinnung, den Betreibern und den Kleinanlagen strukturiert dargestellt werden. Dabei geht es auch um die örtlichen Grundwasservorkommen wie Uferfiltrat und Talsperren und die Trinkwasser- und Leitungssysteme.
Diese Konzepte sind alle sechs Jahre fortzuschreiben und der jeweiligen Bezirksregierung vorzulegen. Damit will das bevölkerungsreichste Bundesland die Wasserversorgung in der Zukunft sicherstellen. „Wenn in diesen Konzepten ein Handlungsbedarf identifiziert wurde, dann wurde der in der Regel auch angegangen“, sagt Riedel. „Ein solches Konzept, bei dem gezielt die Nachfrage nach Wasser dem verfügbaren Wasser gegenübergestellt wird, kann man eigentlich jeder Kommune ans Herz legen.“
