DIE ZEIT: Seit dem Attentat eines Islamisten auf den Christopher Street Day am 25. Juli wird über das radikalisierte Weltbild des jungen Tatverdächtigen diskutiert – und grundsätzlich über queerfeindliche Einstellungen in muslimischen Communitys. Wie sind Ihre Erfahrungen als Integrationsbeauftragte in Neukölln bezüglich der Einstellungen junger Menschen?
Güner Balcı: Dass Kinder und Jugendliche aus streng religiös geprägten muslimischen Familien etwa an Schulen durch homophobe Ansichten auffallen, ist Alltag in meinem Bezirk. Diese Ansichten stehen einer freien Entfaltung des eigenen Körpers und der eigenen Sexualität entgegen. Natürlich ist die Erziehung zu solch einem Weltbild entscheidend – ob die zu Hause passiert oder später durch Freundschaften oder Institutionen außerhalb der Familie, denen die Eltern dann hilflos gegenüberstehen. Ich hatte kürzlich einige intensive Gespräche zum Fall eines türkischen Paars, das ganz bewusst nach Deutschland gekommen ist und dessen Töchter in Deutschland geboren wurden. Die beiden Mädchen wurden in ihrer Schule in Neukölln von reaktionär muslimischen Kindern massiv diskriminiert, obwohl sie selbst muslimisch sind, aber eben nicht lebensbestimmend streng konservativ.
