Wimmernd kriecht ein Mann durchs Treppenhaus. Er steht unter dem Einfluss eines Betäubungsmittels, das er gegen seinen Willen verabreicht bekommen hat. Er ist von Angst erfüllt, brutal erniedrigt, hilflos, der Wut seiner Verfolgerin ausgeliefert. Die Täterin (Lola Petticrew) macht ihr Opfer zum Objekt; zu dem, was man einst aus ihr machte. Als Teenagerin wurde sie als Sexspielzeug missbraucht. Nun nimmt sie Rache. Wie, das sehen wir gleich in der ersten Szene der Serie „Furious“.
Der Serienmörderin auf der Spur sind zwei Frauen, die ebenfalls tiefe Wunden mit sich herumtragen. Die ältere, Nora Washington (Quincy Taylor Bernstine), ist FBI-Agentin und dem Tequila verfallen. Die andere, Alice Black (Emmy Rossum), ist eine ehemalige Polizistin, die im NYPD eine Affäre mit ihrem Kollegen Marshall (Jake Lacy) hatte – bis der sie im Suff krankenhausreif prügelte. Anstatt ihn anzuzeigen, schmiss sie den Job hin und fing beim FBI als neue Rekrutin in der Telefonzentrale an.
Diese Frauen haben nichts zu verlieren
So weit, so eingängig. Der Topos des gebrochenen Ermittlers ist ein Klassiker im Thrillergenre. Typischerweise sind es Männer, die nach einer persönlichen Katastrophe nichts mehr zu verlieren haben und gefährlich werden. Frauen sind meist die Opfer, gequält, ermordet, schrecklich zugerichtet, und es obliegt dem seelisch angeschlagenen Detective, für Gerechtigkeit zu sorgen.
„Furious“ stellt die Fallanordnung auf den Kopf. Die Frauen, von denen die Serie handelt, haben nichts zu verlieren – aber das ist weder cool noch krass. Sie haben nichts als ihre Wut über die Erniedrigung, die sie durch Männer erfahren haben. Nora muss sich von ihrem Chef als Quotenfrau belächeln lassen, „schlimmer“ noch: Sie ist schwarz. Alice stößt ihre Kollegen mit ihrem Körpergeruch vor den Kopf, weil sie Duschen mit Missbrauch assoziiert. Und die Mörderin hat eine „beschissene Erinnerung, weil ich zu oft gewürgt wurde“, wie sie lakonisch sagt. Der Clou ist, dass die Mordswut, von der die Killerin getrieben ist, auch die Ermittlerinnen verspüren, die sie dingfest machen wollen.
Die Verheerungen sexuellen Missbrauchs
Elizabeth Meriwethers achtteilige Serie gehört zum Besten, was das amerikanische Fernsehen bislang in diesem Jahr hervorgebracht hat. Sie legt schonungslos dar – gekleidet in einen ebenso spannenden wie düsteren Thriller -, welche Verheerungen sexueller Missbrauch anrichtet.
Meriwethers ungleiche Ermittlerinnen sind der Serienkillerin ähnlicher, als es ihnen lieb ist, und über die acht Episoden geraten nicht nur die vertrauten Wendungen des Genres, sondern die Welt als Ganzes immer weiter aus den Fugen, übrigens auch mit wunderbar humorvollen Momenten und einer berückenden Liebesgeschichte. „Furious“ ist weniger Krimi als die Charakterstudie dreier Frauen und das Porträt einer Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen verinnerlicht hat.
Die Wut der Frauen speist sich aus der unaufhaltsamen Perpetuierung dessen, was ihnen widerfuhr, und die Serie ist weniger Klage als Anklage, ein eiskalter Blick auf die Tatsache, dass die Strukturen, die sexuelle Gewalt erlauben und fördern, so tief verwurzelt sind, dass auch die FBI-Ermittlungen wenig mehr als Pflichtübungen bleiben. „Diese Mädchen sind eingesperrt, sie sind high, sie sind verknallt in die Kerle, die ihnen das antun“, sagt Nora, „sie können sich an Zeiten, Daten, Orte nicht erinnern. Aber sie gelten als Kriminelle, weil sie Geld für Sex genommen haben.“
Die Männer kommen in diesem komplizierten Katz-und-Maus-Spiel mit wenigen Ausnahmen nicht gut weg. Das ist manchmal ganz schön klischeebeladen, aber es ist auch ein feministisches Statement: So erleben diese Frauen eine von Männern gelenkte Welt. Letztere geben sich sensibel, aber das kaschiert bloß, dass sie herz- oder ahnungslos sind wie Blacks Kollege Choi (Rob Yang), machtbesessene Paschas wie ihr Chef Ed George (Danny McCarthy) oder gelangweilte Großverdiener wie die Opfer der Mörderin. „Ich spüre gar nichts mehr“, sagt einer von ihnen zu dem Überdruss, der sein Leben kennzeichnet. „Ich spüre alles“, gibt sie zurück, ein erschütternder Satz, wenn man richtig hinhört. Überhaupt nimmt, wer hinhört, viel Doppeldeutiges wahr. „Ich höre dir nicht gern zu“, flüstert die Killerin einem ihrer sterbenden Opfer mit Kleinmädchenstimme zu. „Ich mag die Geräusche nicht, die du machst. Aber ich liebe dein Lächeln!“
Hinhören war das Thema der MeToo-Bewegung, aber wie sich zeigte, ist es leicht, die Vorwürfe missbrauchter Frauen zu ignorieren, zu relativieren oder in Zweifel zu ziehen. Und das Machtgefälle bleibt. Das hat sich im Fall des verurteilten Sexualstraftäters und Produzenten Harvey Weinstein gezeigt, mehr noch in dem des Großverbrechers Jeffrey Epstein und dessen Missbrauchsimperium, dessen Opfer bis heute keine Genugtuung erfahren haben, während das öffentliche Interesse zu versiegen droht. „Hurt people hurt people“, heißt es im Englischen treffend: Verletzte verletzen andere. Das ist der Leitgedanke dieser Serie. Helden gibt es hier nicht, Opfer wollen höchstens einmal Täter sein. „Ich brauche dein Mitleid nicht!“, herrscht Alice an einer Stelle ihren Kollegen Danny (Scoot McNairy) an, „ich muss nicht von dir gerettet werden!“
„Von Frauen wird erwartet, dass sie sich schlagen, vergewaltigen lassen, dass sie verschwinden und still sterben – nicht, dass sie anfangen, Leute umzubringen“, sagt Nora. Es braucht, so argumentiert diese Serie, womöglich einen monströsen Akt, um damit zurande zu kommen. Eine Rettung oder Gerechtigkeit gibt es nicht. Das ist alles andere als leichte Unterhaltung, aber es lohnt sich, sich auf „Furious“ einzulassen.
Furious läuft auf Disney+.
