Die Serie »Lexikon der Liebe« bietet Leserinnen und Lesern Platz, ihre Liebesgeschichten zu erzählen.
Luise*, 30: »Im Oktober 2015 saß ich in meinem Zimmer im Studierendenwohnheim, bald würde eine Prüfung stattfinden. Es waren Semesterferien, und während die anderen reisten, war ich an die Bibliothek gefesselt. Ich hatte mich breitschlagen lassen, den Off-hour-Service im Wohnheim zu übernehmen: Wenn neue Studierende spätabends ankamen und ihre Schlüssel brauchten, riefen sie mich an.
Zwanzig Minuten nach dem Feierabend des Hausmeisters klingelte mein Handy, ich ging nach unten. Sein Anblick warf mich ziemlich aus der Bahn – blonde, volle Haare, ein wenig Bart und ein breites Lächeln, das sich von einem Ohr zum anderen erstreckte –, aber ich schaffte es noch irgendwie, ihn für den nächsten Tag zum Bar-Abend im Wohnheim einzuladen. Wir redeten die ganze Zeit. Seine ruhige Art und sein Interesse an den verschiedensten Dingen von Politik bis hin zu Kommunikationstheorien und Psychologie beeindruckten mich. Und ich fühlte mich in seiner Gegenwart einfach wohl. Zwei Tage später überredete er mich, mit zu einer Party zu kommen. Wir tanzten die ganze Nacht und saßen im Morgengrauen stundenlang vor dem Wohnheim und unterhielten uns: über unsere Familien, sein Aufwachsen auf dem Land, über Strickpullis und Grönemeyer. Ich wollte einfach nicht, dass diese Nacht endet, aber es wurde immer kälter. Deshalb bot ich ihm an, ich könne ihm bei mir einen Schokoladenpudding machen. Er kam tatsächlich mit. Ich hatte allerdings (aufgrund eines jugendlichen Anflugs von Veganismus) nur Reismilch da, und der Schokopudding schmeckte scheußlich. Er aß ihn trotzdem. Heute, fast elf Jahre später, sind wir verheiratet. Manchmal sehe ich ihn schlafend im Bett zwischen unseren Töchtern, weil die Einschlafbegleitung wieder mal länger gedauert hat, und ich kann mein Glück kaum fassen. Und wenn wir uns in unserem trubeligen Alltag etwas Gutes tun wollen, bringen wir dem anderen Schokopudding aus dem Supermarkt mit.«
