Herr Reger, Neura Robotics hat vor Kurzem eine Finanzierungsrunde über 1,4 Milliarden Dollar abgeschlossen. Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
David Reger: Wir bauen weiter an dem, was wir begonnen haben – aber jetzt mit noch ein bisschen mehr Zuversicht. Eine Finanzierung auf diesem Niveau ist extrem schwierig: Man muss nicht nur eine tolle Idee haben, sondern auch die Skalierung hinbekommen, also den industriellen Hochlauf. Und dazu haben wir jetzt die Chance. Konkret werden wir hauptsächlich Infrastruktur weiterbauen. Wir integrieren Künstliche Intelligenz in Maschinen. Diese Physical AI hat den Nachteil, dass man dafür Daten braucht, die noch gar nicht existieren. Man gewinnt sie aus Sensoren, die erst etabliert werden. Das ist aber auch ein Vorteil, denn man gestaltet etwas von null an. Wir können also wirklich vorne dabei sein. Dafür bauen wir gerade unsere neuen Gyms – das sind Fitnessräume, in denen jeder seinem Roboter etwas beibringen kann.
Muss man sich diese Gyms vorstellen wie Fitnessstudios für Menschen, mit Gewichten und Geräten?
Reger: So ähnlich. Es gibt dort ungefähr 100 humanoide und weitere kognitive Roboter. Jeder Kunde kann mithilfe von Sensoren und Geräten spezielle Tätigkeiten für den Roboter auf eine App laden. Also Tätigkeiten wie Schrauben oder Fräsen oder einfach Dinge von A nach B legen. In seiner Firma kann er dann über unsere Plattform auf die App zugreifen und damit seine Roboter steuern.
Dafür müssen Sie erstmal möglichst viele Nutzer auf Ihre Plattform bringen.
Reger: Das ist das Ziel unserer Produktionsskalierung. Wir gehen gezielt Partnerschaften mit Unternehmen aus den klassischen Industrien ein, die gerade eine tiefe Transformation durchlaufen. Deren Mitarbeiter kommen zu uns und gestalten den Umbruch mit. Wenn man durch unsere Hallen läuft, sieht man viele Beschäftigte mit anderen Logos, die hier Prozesse bauen und entwickeln. Zudem expandieren wir international, um jedem so schnell wie möglich Zugang zu unserer Plattform zu bieten.
Herr Mangesius, als etablierter Tech-Investor sind Sie den Umgang mit größeren Beträgen gewohnt. Aber 1,4 Milliarden Dollar dürften auch für Vsquared Ventures, Ihre Wagniskapitalgesellschaft, eine ordentliche Hausnummer sein, oder?
Mangesius: Das übersteigt meine Gehaltsklasse. Aber im globalen Markt ist das eine kompetitive Runde in diesem Segment. Man hätte auch weniger machen können, das wäre dann europäischer gewesen. Aber wenn man sich den Wettbewerb im Bereich Physical AI anschaut, dann muss man in diesen Dimensionen handeln. Als wir 2022 mit Neura starteten, gab es dieses Segment so noch gar nicht. Robotik war damals etwas sehr Langweiliges, wir haben noch vom ChatGPT-Moment gesprochen, der kommen müsse.

Mangesius: Das würde ich schon sagen. Die Künstliche Intelligenz diffundiert in alle Lebensbereiche, und dieser physische Aspekt, das Verschmelzen von KI mit Robotik, ist sehr wirkmächtig. Das Potential ist gigantisch. Das hat dazu geführt, dass viele Unternehmen mit enormen Summen in diese Innovationsfront vorgestoßen sind. Für unsere europäischen Verhältnisse sind wir sehr stark engagiert. Das ist wohl eine unserer größeren Investitionen.
Tut es Ihnen als frühem Investor weh, wenn jetzt dicke Fische wie der Kryptoanbieter Tether in der ersten Reihe stehen?
Mangesius: Nein, als fokussierter Frühphaseninvestor gehört es zur Natur unserer Strategie, frühzeitig in Unternehmen einzusteigen. Vsquared, wie auch alle anderen Investoren, ist ein Minderheitsanteilseigner, das wesentliche Element sind immer die Gründer. Für mich ist Tether, aber auch die Gesamtkonstellation mit Qualcomm und den anderen namhaften Investoren, ein starker Beweis für den Ansatz und die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Ich würde mich natürlich freuen, wenn wir in Zukunft derartige Runden selbst anführen könnten, vielleicht kommen wir da auch immer mehr hin. Als wir angefangen haben, gab es das Segment „Deep Tech“ noch nicht. Jetzt sieht man, dass in fast regelmäßigen Abständen Finanzierungsrunden über Hunderte Millionen oder sogar Milliardenbeträge auch in Europa stattfinden können.
Hätten Sie bei Ihrem Einstieg 2022 gedacht, dass im schwäbischen Metzingen binnen vier Jahren solch eine Runde gestemmt wird?
Mangesius: Nein, wir hatten eher das Modell und das Business im Blick: Kann es wachsen? Wenn ja, bekommt man die nötigen Ressourcen? Daran haben wir damals natürlich geglaubt. Aber dass es so schnell so groß wird, das ehrlich gesagt nicht.
Reger: (lacht) Ich hab’s dir doch gesagt.
Mangesius: Ja, ja, schon gut. Wir haben damals zunächst gar nicht konkret über Zahlen gesprochen, sondern vielmehr über dieses Segment: Service-Robotik, Humanoid-Robotik, die Verschmelzung von maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz mit der Robotik. Das kenne ich seit 20 Jahren. Wir hatten die Erfahrung aus früheren Investments, dass man mit Machine Learning Dinge automatisieren kann, die vorher nicht automatisierbar waren. Aber es ist viel schneller gekommen als gedacht.
Was hat sich seit damals für Neura verändert?
Reger: So einiges. Das haben wir auch nicht voraussehen können. Uns war aber immer klar, dass wir nicht einfach nur Roboterarme bauen werden. Auch wenn es von außen vielleicht so aussah. Das war eine Entwicklungsstufe, um etwas vorweisen zu können. Die Vision war damals schon größer: das Ganze über Künstliche Intelligenz skalierbar und die Robotik für jeden nutzbar zu machen. Dann kamen ein paar Dinge günstig für uns zusammen: China verkündete plötzlich eine Robotikstrategie und Elon Musk einen eigenen Humanoiden einen Tag vor unserem Launch. Wir waren überall dabei. Es melden sich jetzt auch Leute bei mir, die damals nicht an uns geglaubt haben und abgesprungen sind. Für die war es nicht greifbar genug. Es war eine sehr heftige Zeit.
Wie kommt man durch solche Täler durch?
Reger: Man muss den Glauben an die Sache behalten. Das hat unser Board von Anfang an ausgemacht. Wir haben sehr eng zusammengearbeitet. Herbert hat damals ein Konsortium aus Investoren zusammengestellt. Darunter Lingotto und Exor aus dem Umfeld der Agnelli-Familie. Die haben riesige Automotive-Erfahrung und hatten Lust, in diesem Bereich mitzumischen. Denen unseren Plan zu verkaufen, war nicht einfach. Es war ein sehr gutes Konsortium, das mir Feedback gegeben und die richtigen Fragen gestellt hat.
Inwiefern hilft Neura diese Finanzierungsrunde, um Physical AI groß auszurollen?
Reger: Wir haben uns im Bord gefragt, was dazu fehlt. Die erste Antwort waren saubere Sensordaten. Die existierten nicht. Also braucht man Partnerschaften mit Unternehmen, die mitgehen: Bosch, Schaeffler, Qualcomm. Zweitens: der Compute-Part. Physical AI ist mehr als nur ein Gehirn, das ist ein Nervensystem. Man kann dabei nicht auf bestehenden Standards aufsetzen, man muss neue schaffen. Dafür braucht man wiederum Partner wie Nvidia, Qualcomm, AWS. Drittens: die globale Skalierung über eine Plattform. Wer ist da besser als Amazon? Die haben den größten Marktplatz der Welt und die größte Flotte mit mehr als einer Million Robotern in Betrieb.
Wie passt Tether in diese Logik?
Reger: Der Name hat viele überrascht. Aber jeder, der tiefer mitdenkt, versteht es. Unsere große Vision lautet, dass Neura nicht nur Roboter baut. Wir setzen auf KI, aber auf unsere eigene Art. Große KI-Häuser bündeln Wissen zentral in einem Modell. Wir gehen bewusst einen anderen Weg: Jedes Unternehmen hat ein Lebenselixier, das ist sein Know-how. Dieses Wissen soll auf einer Plattform sicher in einem eigenen Konto bleiben. In der Zukunft geht man nicht mehr nach Taiwan zu einem Auftragsfertiger, um ein Produkt fertigen zu lassen, sondern holt sich das Wissen über einen Klick in ein neues Gerät. Alle physischen Tätigkeiten können dann von Robotern ausgeführt werden, egal wo auf der Welt. Dafür braucht man eine Transaktionsplattform, die Wissen sicher transferiert. Und jeder Roboter hat irgendwann mal eine virtuelle Geldbörse. Wenn Maschinen Leistungen ausführen, braucht es kein Warten auf menschliche Zahlungsfreigaben, sondern „Trusted Transaction“ dazwischen. An der Stelle kommt Tether mit seiner Erfahrung ins Spiel. Damit steht die Kette.
Wann kommt der große Durchbruch für humanoide Roboter?
Reger: Es wird ähnlich wie bei Künstlicher Intelligenz einen deutlich schnelleren Verlauf nehmen als viele sich das heute vorstellen. Die Rede ist oft von 10 oder gar 20 Jahren. Das sehe ich anders: In zwei Jahren kann ein Roboter alles erlernen, was heute ein Mensch kann. Das heißt nicht, dass wir es dann auch schon überall ausgerollt haben. Aber dann sind wir in der Phase, wo wir wirklich skalieren können und jeder dem Roboter etwas beibringen kann.
Bedeutet das die Rückkehr der Produktion von Asien nach Europa? Das dachte man schon beim 3-D-Drucker, es hat aber nicht geklappt.
Mangesius: Das ist ein sehr deutsches Framing: Jetzt gibt es einen 3-D-Drucker, und alles ist in zwei Jahren automatisiert. Das ist natürlich nicht der Fall. Was David sagt, ist: Grundsätzlich finden diese Durchbrüche statt, und es wird möglich sein, mit Daten und Algorithmen auf Maschinen Dinge zu automatisieren, die früher menschlicher Expertise bedurften. Diese Lernkurve muss man gehen, diese Stufen muss man definieren. Das macht ihr: Ihr gestaltet diese Stufen.
Wie lange reichen die 1,4 Milliarden Dollar für diesen Wachstumsplan?
Reger: Wir legen die Finanzierung so aus, dass wir mit dem Geld profitabel werden können. Gleichzeitig müssen wir schauen, wann Profitabilität wirklich Sinn ergibt. Das war bei Open AI und Anthropic ähnlich: Wären sie früher an die Börse gegangen, hätten sie ein Problem gehabt. Wir müssen diese Entscheidung auch treffen. Wir hätten längst profitabel sein können, haben uns aber bewusst dagegen entschieden.

Reger: Weil wir sonst heute nicht mehr relevant wären. Alle, die nur kollaborative Roboter gebaut haben, hängen jetzt an der Technologie fest. Wir wollen den Weg bis zum Ende gehen. Unser Finanzplan zeigt aber immer auf Profitabilität. 2027 sehen wir starkes Wachstum und arbeiten konsequent auf den Durchbruch hin. Daran messen wir den nächsten Schritt.
Der dann Börsengang heißt?
Reger: Ja, ein Börsengang wäre für mich ein Weg. Nicht nur wegen der Investoren, sondern weil ich sage: Die Allgemeinheit soll daran teilhaben können. Elon Musk hat das mit Tesla gut gemacht, er hat die Welt mitgenommen und alle daran partizipieren lassen. Nachhaltig wird es an der Börse aber nur, wenn man wirklich etwas vorweisen kann: starkes exponentielles Wachstum und Profitabilität. So ist unser Unternehmen gebaut.
Noch befindet sich Ihr humanoider Roboter 4NE1 in einer frühen Lern- und Entwicklungsphase mit kleiner Stückzahl. Was kann er, was nicht?
Reger: Aktuell bringen wir die Generation 3.5 in größere Stückzahlen. Damit sammeln wir Erfahrungen für die Gen 4, an der wir schon arbeiten. Zu Details sage ich noch nichts, aber die Richtung ist klar. Das Modell wird leichter, feinfühliger und noch näher am Menschen sein. Ein Beispiel, worauf es ankommt: Wenn der Roboter ein Glas greift, fliegt es ihm nicht mehr aus der Hand, sobald er es nicht mehr sieht. Weil er spürt, dass da ein Glas ist. An solchen Dingen arbeiten wir gerade sehr konkret.
Studien gehen davon aus, dass Humanoide bald für Kosten von zwei Dollar die Stunde arbeiten werden. Ist der Roboter heute schon günstiger als ein Mensch?
Reger: Zu gleicher Leistung, ja. Wir haben mal mit Unternehmen analysiert, was deren Mitarbeiter hauptsächlich tun. Vieles ist eintönig und körperlich belastend. Es ging vor allem darum, Knöpfe zu drücken, Schalter umzudrehen und Bauteile in Maschinen zu legen. Das alles kann der Roboter heute schon günstiger. Jetzt müssen wir es aber hinbekommen, dass er auch verschiedene Knöpfe drücken und Schalter umlegen kann.
Und wann kommt der Haushaltsroboter für jedermann?
Reger: Unser Fokus liegt sehr stark auf der Industrie, darauf entfällt der größte Anteil menschlicher Arbeit. Gleichzeitig sehen wir aber, dass die Entwicklung auch in die Haushalte gehen wird. Auf der IFA in Berlin zeigen wir mit Partnern etwas dazu.
Zuletzt hat die außer Kontrolle geratene KI von Open AI, die zum Hacker wurde, für Aufsehen und Verunsicherung gesorgt. Wie verhindern Sie mit Blick auf Physical AI, dass plötzlich Maschinen ein Eigenleben entwickeln?
Reger: Die Sorge nehme ich sehr ernst, denn Vertrauen ist die Grundlage für alles, was wir bauen. Sicherheit steht bei uns nicht am Ende der Entwicklung, sondern am Anfang. Wichtig ist aber die Unterscheidung: Ein Sprachmodell, das Code analysiert, ist nicht dasselbe wie ein Roboter, der sich in der realen Welt bewegt. Zwischen Intelligenz und Handlung liegen mehrere unabhängige Sicherheits- und Kontrollschichten. Ein Roboter entwickelt keinen eigenen Willen. Er handelt innerhalb der Grenzen, die wir Menschen definieren. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob KI ein Eigenleben entwickelt, sondern wie verantwortungsvoll wir sie entwickeln. Genau darin liegt eine der großen Stärken europäischen Engineerings: Innovation und Sicherheit gehören für uns von Anfang an zusammen.
Mangesius: Die Vorstellung vom Roboter, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt, ist ein populäres Science-Fiction-Szenario. Die Realität ist deutlich nüchterner. Physical AI unterliegt strengen Sicherheits- und Zulassungsvorgaben, und physische Systeme haben natürliche Grenzen: Sie brauchen Energie, bewegen sich in einer realen Umgebung und können nicht wie Software innerhalb von Sekunden global eskalieren. Das unterscheidet Embedded AI fundamental von einer außer Kontrolle geratenen Anwendung im Internet. Und selbst der sprichwörtliche Terminator, der wirklich unwahrscheinlich ist, hätte ein ganz profanes Problem: Irgendwann ist der Akku leer.
Neben Neura haben sich mit Helsing und Quantum Systems auch zwei junge Unternehmen aus dem Verteidigungssektor Milliardenfinanzierungen gesichert. Dort wird gerade enorm investiert. Bleibt es beim strikten Nein zu militärischen Anwendungen für Ihre Roboter?
Reger: Ja, wir bleiben dabei. Wir wollen Technologien schaffen, die Menschen unterstützen. Das wird sehr relevant sein, um den globalen Markt zu gewinnen. Wenn man Milliardenaufträge ablehnt, muss man gut argumentieren. Aber ich habe ein Board, das mich in dieser Richtung unterstützt. Und ich bin stolz darauf, dass wir ohne Defense eine solche Runde machen konnten.
Sie haben jetzt große US-Konzerne an Bord. Bleibt Neura ein deutsches Unternehmen?
Reger: Ja, wir bleiben deutsch. Auch wenn mir hier manchmal der Spaß verdorben wird.
Reger: Die Grundvoraussetzungen müssen stimmen. Man braucht ein Land, das an die Sache glaubt, die Menschen müssen dahinterstehen. Nur so konnten Tesla und SpaceX entstehen. Nicht weil von Anfang an alles funktioniert hat, sondern weil sie ein Land und die Menschen hinter sich hatten.
Und dieses Gefühl haben Sie hierzulande nicht immer?
Reger: Sagen wir so: Ich sehe, dass es immer besser funktioniert. Wir hatten einen Unternehmertag hier, alle kamen aus Deutschland. Am Anfang haben viele von denen geklagt, wie schlecht es in ihrem Geschäft läuft. Als sie uns verließen, hatten viele richtig gute Laune.
Was haben Sie mit den Besuchern angestellt?
Reger: Wir sind hier abends um zehn durch die Hallen gelaufen, und die waren voller Leute, die gearbeitet haben. Auch die Mitarbeiter der Fremdfirmen. Die hatten Spaß an ihrer Arbeit. Ich habe den Unternehmern gesagt, dass das auch bei ihnen funktionieren kann. Geht mit gutem Beispiel voran und baut mit euren Leuten eine Vision. Das ist für mich ein Beweis, dass einfach nur eins fehlt: eine klare Vision und Mission für unser Land.
