Und schon wieder ist ein Damm gebrochen. Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag. Wolfgang Schleich nimmt es gelassen. Solange es nur seine Emotionen sind, die sich da ihren Weg bahnen, lohnt sich das Wegwischen der Tränen nicht. Die weit mehr als 1000 Dämme, die er in den vergangenen 25 Jahren errichtet hat, um den Starkregen aufzuhalten und Wassermassen kontrolliert umzuleiten, die halten. Nur sein Gefühlsdamm bröckelt. Er gibt sich keine Mühen, ihn abzudichten. Denn es sind genau diese Emotionen, die ihn antreiben.
Wolfgang Schleich, 68 Jahre alt, hat längst verstanden, dass er seinen beiden Enkeltöchtern keine heile Welt hinterlassen wird. Akzeptieren will er das aber nicht. Deshalb setzt er all seine Energie ein, um ihnen vorzuleben, dass man vielleicht nicht die ganze Welt, aber sein Umfeld durch das eigene Tun verändern kann. Schleich baggert Teiche. Er will in seiner Heimat, dem Vogelsberg, dafür sorgen, dass das Regenwasser nicht sofort davonrauscht, sondern in den Boden einziehen kann. Er will die Wassermassen, die besonders bei Starkregen sturzbachartig die Hänge herunterrauschen, manchmal ganze Dörfer zu überfluten drohen, kontrollieren und den Boden langfristig so aufbereiten, dass er in der Lage ist, das Wasser wieder besser aufzunehmen. Wie ein Schwamm, aus dem die Natur Kraft saugen kann. „Meine Enkeltöchter sind mein Antrieb“, sagt er – und da bricht sein Damm.
Für dieses Ziel steigt er in jeder freien Minute in seinen Bagger. Doktor Doosan nennt er das Gefährt. Er ist so etwas wie Schleichs verlängerter Arm. Ein älteres Modell, das Radio funktioniert schon seit Jahren nicht mehr, technischen Schnickschnack gibt es keinen. Schleich hebt mit ihm, so könnte man auf den ersten Blick meinen, Regenrückhaltebecken aus. Aber das würde nur unzureichend beschreiben, was er da bis oft tief in die Nacht hinein leistet. Schleich gestaltet ganze Teichsysteme. Es sind komplexe Biotopanlagen, die mehrere unterschiedlich große Teiche miteinander verbinden. Einige sind nur dafür da, bei Starkregen die Wassermassen aufnehmen und leiten zu können, andere sind so konzipiert, dass sie auch in längeren Dürrephasen nie komplett austrocknen und sich immer wieder durch das Grundwasser neu speisen.
Was erst wie ein wüstes Bauprojekt und ein massiver Eingriff in die Natur anmutet, entwickelt schon nach wenigen Monaten eine Eigendynamik. Denn wenn Schleich und Doktor Doosan abrücken, erobert sich die Natur das Gebiet zurück. Aus der Baugrube wird ein Biotop. Mehr als 100 dieser Anlagen, die größte bei Herbstein zählt etwa 100 kleine und große miteinander verbundene Tümpel und Teiche, hat Schleich schon in den vergangenen 25 Jahren gebaut. Und keine sah so aus wie auf den Plänen, die er bei den zuständigen Behörden eingereicht hat. Schleich, das wissen alle, die mit ihm arbeiten, verzichtet auf teure Bodenanalysen oder die Anfertigung komplexer Baupläne. Das koste nur Zeit und Geld. Und beides ist Mangelware. Seine Anlagen, so sagt er, kann er oft um ein Vielfaches günstiger anlegen als gängige Rückhaltebecken. Seine effiziente Art, das Projekt anzugehen, und eine große Portion Idealismus machen es möglich. Das meiste Geld fließe in den Tank von Doktor Doosan, sagt Schleich. Der alte Bagger ist durstig.
Schleich rückt immer mit einer groben Idee und viel Urvertrauen an. Wenn er sagt, er „fühle“ den Boden und die Möglichkeiten, die dieser für die Gestaltung bietet, dann lässt er daran keinen Zweifel. Reicht er einen Plan mit drei Teichen ein, können es auch schon einmal sechs oder mehr werden. Form, Größe, Verbindungswege – alles ergibt sich erst beim Bau. Dabei folgt Schleich einfachen Regeln. „Es wird kein Material weggefahren und kein neues gebracht.“ Er schichtet um, er hebt aus, schüttet auf, er klopft, er gräbt. Und das oft bis tief in die Nacht. Wie ein Getriebener. Denn der Achtundsechzigjährige hat Angst, dass seine Kräfte schwinden, dass ihm die Zeit wegläuft. Er bräuchte dringend einen Nachfolger, der genauso überzeugt von dem Projekt ist wie er. Jemanden, der den Boden versteht, sich von Plänen lösen und trotzdem das mögliche Endergebnis vor dem inneren Auge sehen kann. Einen, der bereit ist, abends in politischen Gremien zu sitzen und immer und immer wieder zu erklären, welchen Nutzen die Anlagen für die Natur bringen. Gerade, so sagt er, arbeite er jemanden ein.
„Es wird kein Material weggefahren
und kein neues gebracht.“
WOLFGANG SCHLEICH
Und er braucht einen, der wirtschaftlicher arbeitet als er. Denn das, was Schleich macht, ist derzeit alles andere als auskömmlich. Im Gegenteil, er macht Miese. Arbeitsstunden schreibt er keine auf. Dann würde die Rechnung für ihn noch negativer ausfallen. Er nennt es seinen persönlichen Luxus, nicht graben zu müssen, sondern graben zu wollen. Anhalten zu können, wenn die Schaufel seines Baggers eine Erdkröte zu zerteilen droht, sich die Zeit nehmen zu dürfen, sie an den Rand zu setzen.
Doktor Doosan ist im Dauereinsatz. Nur wenn es regnet, ruht er. Schleich nicht. Der springt dann in sein Auto und fährt die Umgebung ab, versucht die Wege des Wassers zu verstehen, kartiert, wo aus kleinen Rinnsalen reißende Flüsse werden können, an welchen Stellen das für die Natur wertvolle Regenwasser einfach nur über den Boden hinwegfließt, ohne einzusickern.
Viele seiner Projekte werden durch sogenannte Ökopunkte finanziert. Diese sind eine Art Ausgleichs- oder Bewertungseinheit im Naturschutz. Wenn zum Beispiel durch ein Bauvorhaben Flächen versiegelt, Bäume entfernt oder Lebensräume beeinträchtigt werden, wird der ökologische Verlust in Punkten berechnet; um diesen auszugleichen, müssen Maßnahmen wie Entsiegelung, Aufforstung oder die Anlage von Biotopen umgesetzt werden. In vielen Fällen können solche Ökopunkte beispielsweise von Städten, Gemeinden oder Unternehmen erworben werden, die schon anerkannte Ausgleichsmaßnahmen umgesetzt und im Gegenzug Ökopunkte generiert haben. Das System dient dazu, Eingriffe und Kompensation vergleichbar zu machen und sicherzustellen, dass ökologische Schäden, die in einem Gebiet entstanden sind, umkreisnah ausgeglichen werden.
Wenn Wolfgang Schleich nicht baggert, zeichnet er an neuen Biotopplänen, die er später wieder den Behörden vorlegen wird. Wie zum Beweis öffnet er den Kofferraum seines Autos, holt ein Federmäppchen hervor. „Mein Homeoffice“, sagt er. Buntstifte sind da drin – und eine Zeichenhilfe, die es ermöglicht, gerade Linien und perfekte Kreise zu ziehen.
Dabei, das zeigen seine Entwürfe, ist darauf alles zu finden, nur kein einziger gerader Strich. Stattdessen werden Lokalpolitikern und Entscheidungsträgern Wimmelzeichnungen vorgelegt, die beispielsweise den exakten Baumbestand der vorgesehenen Fläche aufzeigen und eine ungefähre Projektidee vermitteln. Die Markierungen sind handgeschrieben – alles ist maßstabgetreu. Zeichnen, sagt der ehemalige Bauunternehmer, habe er schließlich während seines Studiums lernen müssen. Ganz im Gegensatz zum Baggern. Die Fähigkeit, mit der Schaufel den Untergrund zu ertasten, habe er sich über Jahre hinweg mühsam antrainiert.
Und genau das mache es jetzt so schwer, Mitstreiter anzulernen. Denn Schleich kann keine genauen Anweisungen geben, wie die Dämme aufzuschichten, wie die Teiche anzuordnen sind. „Wenn man mit Erde arbeitet, arbeitet man mit der Natur. Nicht gegen die Natur.“ Auf jedem ihm zugewiesenen Gebiet, wie etwa aktuell einer kleinen Fläche waldnah bei Busenborn, entsteht erst im Prozess die neue Anlage. Der Untergrund diktiert die Möglichkeiten und Grenzen. Ein bisschen ist seine Arbeit mit dem Versuch zu vergleichen, ein Gericht nachzukochen, für das es keine genauen Mengenangaben, sondern nur eine Zutatenliste gibt. Die richtige Zusammensetzung erfordert Erfahrung.
„Wenn man mit Erde arbeitet, arbeitet man mit der Natur. Nicht gegen die Natur.“
WOLFGANG SCHLEICH
Schleich hat längst zahlreiche Unterstützer seines Handelns gefunden. Sie sitzen in Rathäusern und Behörden, manche auf Stadt-, andere auf Landesebene. Eines seiner neuesten Großprojekte am Hillersbach bei Gedern beispielsweise wurde von Hessenforst initiiert und unter anderem vom Regierungspräsidium Gießen gefördert. Alle Beteiligten, so scheint es, lassen sich auf die pragmatische Art der Projektplanung ein, teilen Schleichs Grundsatz, keine Zeit zu verlieren, um der Natur im Gegenzug so viel Zeit wie möglich einzuräumen, sich wieder erholen zu können.
Wie wichtig der Faktor Zeit ist, darauf weist auch Biologe und Zoologe Wolfgang Dennhöfer hin. Er hat im Jahr 2024 den Auftrag erhalten, anhand der größten von Schleichs Anlage, der „Koppelhuth“ bei Herbstein, den Naturhaushalt vor Ort darzustellen und eine Einschätzung zu liefern: Ergeben solche Maßnahmen auch anderswo Sinn? Seinen Auftrag fasst er weniger wissenschaftlich zusammen: „Ich laufe draußen herum und gucke, was da existiert.“ Sowohl in und auf dem Wasser als auch an den Ufern. Die Liste der Vögel, Insekten, Amphibien und Pflanzenarten, die er bei seinen Streifzügen zu den unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten entdeckt, wächst. Er schreibt von Hufeisen-Azurjungfern, einer Libellenart, oder vom Flammenden Hahnenfuß, einem gelb blühenden Staudenart. Er listet Sichtungen von Rauchschwalbe und Mäusebussard ebenso auf wie von Zaunkönig und Feldlerche.
„Durch die Menge an Tümpeln, die dicht aneinander liegen und unterschiedliche Uferstrukturen bieten, entsteht ein Multiplikationseffekt an Wohltaten für die Natur“, sagt Dennhöfer. Im Herbst soll eine erste Einschätzung vorliegen. „Die Biodiversität wird vor Ort erheblich erhöht“, kommt Dennhöfer zu einem vorläufigen Ergebnis. Der unermüdliche Schleich habe daran einen großen Anteil. „Aber ein besonderes Lob gilt dem naturbegeisterten Förster vor Ort und der Gemeinde Herbstein, die bereit war, ein Stück Stadtwald umzugestalten“, sagt der Biologe, der noch einen ganz anderen Effekt beobachtet. Die Anlagen, sofern schon ein paar Jahre sich selbst überlassen und für Interessierte zugänglich, „lassen einem das Herz aufgehen“. Sie böten den Menschen aus der Umgebung einen neuen Zugang, ein Bewusstsein für die Natur zu entwickeln. „Sie können bei jeder Bundesgartenschau mithalten, sind aber ökologisch besser. Das ist erlebte Vielfalt“, sagt Dennhöfer.
Und genau das ist es, was Schleich antreibt. Er will etwas hinterlassen. Sichtbar und unsichtbar. In der Natur, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen. Oft sitzt Schleich dafür stundenlang allein in seinem Führerhäuschen, baggert, fühlt, schmeißt Pläne über den Haufen, macht neue. Er ist es gewohnt, allein zu arbeiten. Ein kauziger Einzelgänger ist er deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil. Schleich kann begeistern. Vielleicht ist das gar sein größtes Talent.
Aber Menschen mitzureißen, kostet Überzeugung – und Kraft. Manchmal, wenn wieder ein Emotionsdamm zu brechen droht, setzt er sich auf sein Fahrrad und fährt einige der Teichanlagen ab, die er in den vergangenen Jahren errichtet hat. In jeder einzelnen findet sich ein angelegtes Gewässer in Herzform. Seine ganz persönliche Unterschrift. Manchmal, so sagt er, brauche er eben etwas fürs Herz. Viele der Anlagen liegen versteckt, andere sind frei zugänglich, bei manchen hat er es sich nicht nehmen lassen, aus alten Baumstämmen eine Bank zu zimmern, auf der er sich dann niederlässt. Dann blickt er auf das Wasser, versinkt in der Natur. Eisvögel habe er schon an seinen Biotopen gesehen, einen Schwarzstorch, unzählige Krabbeltiere und Fische. „Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie schnell sich die Natur erholt. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung.“
