Kaum ein Popkritiker seiner Generation hat einen Ruf wie der Engländer Simon Reynolds, der immer wieder in den USA gelebt hat. Mit der Journalistin Joy Press, seiner Ehefrau, schrieb er bereits 1995 ein Buch über Genderfragen im Pop („Sex Revolts“). Seine Beiträge über die Ravekultur, über den Glamrock und besonders der Langessay über die Retroästhetik („Retromania“, 2011) gelten als Standardwerke. Nun hat Reynolds ein Buch veröffentlicht, das man nicht so leicht in ein Genre oder gar in eine These fassen kann. Schon der Titel bezeichnet eher eine zeitliche Abfolge als einen argumentativen Zusammenhang: „Still in a Dream: Shoegaze, Slackers and the Reinvention of Rock, 1984–1994“.
Die fast ausschließlich britischen und amerikanischen Bands, die auf über 400 Seiten beschrieben werden, stehen meist in gegensätzlichen Verhältnissen. Die verhallten, innerlichen, post-machoiden Klanglandschaften von Bands wie The Jesus and Mary Chain scheinen etwa dem aggressiven, hypermännlichen und moralisch grenzüberschreitenden US-Krach von Big Black diametral gegenüberzustehen. Hinzu kommt: In Großbritannien, wo viele Bands aus Kunstschulen kamen, gab man weniger auf musikalische Fähigkeiten als in den USA, wo selbst dem Noise zugeneigte Bands wie Hüsker Dü oder Dinosaur Jr. einigen Wert auf Handwerk legten.
Globaler Spaßstandard
Und doch erschließt sich im Verlauf der Lektüre ein größerer Zusammenhang, der viel über die Pop-Epoche davor erzählt, als in Punk wie Post-Punk politische Botschaften musikalisch eckig und mit schroffer Aussprache versendet wurden. Das erklärt in der Folge das Bedürfnis, sich in der Musik verlieren zu wollen, egal ob in ephemeren Klanglandschaften oder in wuchtigen Soundgewittern. Gegen Ende des Buches ahnt man wieder, warum auf diese Jahre der melancholisch stilisierten Musiker eine Phase des unverschämten Hedonismus folgte, sei es im Britpop von Oasis oder im Techno, der erst Mitte der Neunzigerjahre zum globalen Spaßstandard avancierte.

Der Oxford-Abgänger Reynolds, der es schafft, literarische oder philosophische Deutungen verständlich in seine Pop-Essayistik einzubauen, beginnt den Text erfrischend ehrlich: Die zeitliche Klammer seines Buches sei die beste Zeit seines Lebens gewesen. Trotzdem setzt diese autobiographische Perspektive seinen Geschmack nicht absolut. Sie ist sogar fachlich ein Gewinn, denn Reynolds war in dieser Zeit beim „Melody Maker“ angestellt, einer von damals in England vier wöchentlich erscheinenden Musikzeitungen. Er hat mit praktisch allen porträtierten Künstlern gesprochen, oft mehrmals.
Für diese Dichte der Popreflexion gibt es weltweit kaum einen Vergleich, auch wenn Reynolds betont, wie wichtig in den USA die Radiostationen mancher Universitäten waren, die eine viel größere Reichweite hatten als in Großbritannien. Das US-College-Radio ermöglichte etwa den Aufstieg von R.E.M. Klar sieht Reynolds auch die Dynamik von Underground und Mainstream, die er anders als viele seiner Zunft nicht ablehnt – warum sollte eine Band freiwillig im Untergrund verbleiben und Reinheitsgebote predigen? Und doch macht Reynolds um die berühmtesten Bands der besprochenen Schulen einen großen Bogen: The Cure ignoriert er zum Beispiel (und U2 sowieso). Ein bisschen Snobismus hat also auch er sich erhalten.
Intensive Erfahrungen
Rührend wirkt, dass Reynolds, der Kritiker der Pop-Nostalgie, selbst nostalgische Anwandlungen zulässt. Man erfährt einiges über die heute undenkbar lockeren Umstände der Interviews und gar viel über seine besten Artikel und über die bohemistische Lebensweise eines jungen Fachjournalisten in London und bald auch New York.
Aber ist es wirklich nostalgisch, an die intensiven Erfahrungen zu erinnern, die mit der Knappheit der Ware einhergingen? Selbst ein Musikjournalist musste sein Wissen über den Rock-Kanon mit dem Kauf von alten Tonträgern erweitern. Und es gab zwar erste Lexika für Pop und Rock, aber keine Wikipedia, die man heute so oft mithört in vielen schnell verfassten Texten. Ums lange Lesen kam auch ein Popjournalist nicht herum.
Dass zumindest die besten Popkritiker auch als kundige Begleiter, ja Ermöglicher eines künstlerischen Wegs betrachtet wurden, muss auf jüngere Leser heute so bizarr wirken wie die fast reine Männerkultur der Popkritik. Mit den servilen Starinterviews werden heute nur noch PR-Kampagnen begleitet und kein Werk in einen kritischen Zusammenhang gestellt. Sie dauern vielleicht 20 Minuten und nicht zwei oder mehr Stunden, wie sich Reynolds erinnert.
Das Buch erzählt auch von dieser verschwundenen Vertiefung, ohne sie so zu nennen. Denn was all das für die Musik heute bedeutet, lässt Reynolds aus. Es ist dies eine Stärke seines Ansatzes, weil er nicht auf die Weise vereinfacht, die Verlage gerne wählen, wenn sie auf die Klappe ihrer Sachbücher schreiben, dies und jenes führe direkt in die Gegenwart – ungeachtet der Binse, dass bislang noch jede Vergangenheit zuverlässig in die Zukunft mündete.
Simon Reynolds: „Still in a Dream“. Shoegaze, Slackers and the Reinvention of Rock, 1984–1994. White Rabbit, London 2026. 464 S., br., 28,65 €.
