15. August 2021. Ein Checkpoint der afghanischen Armee vor der Stadtgrenze Kabuls. Vier junge afghanische Soldaten halten die Stellung, als ein Fahrzeugkonvoi am Horizont Staub aufwirbelt. Fazal (Shervin Alenabi), das Gewehr im Anschlag, fordert seine Kameraden auf, zu kämpfen, doch diese hat der Mut längst verlassen. Zwei von ihnen werfen ihre Waffen auf den Boden und rennen davon. Fassungslos sieht Fazal zu, wie die Jeeps der Taliban seine Stellung passieren und ihn mit Freudenschüssen aus ihren Kalaschnikows auffordern, nach Hause zu gehen, um mit seiner Familie „den Sieg über die Invasoren“ zu feiern.
Es ist nur eine der vielen Szenen in der in europäischer Koproduktion entstandenen Serie „Kabul – Flucht aus der Hölle“, die greifbar machen, mit welcher Wucht der Vormarsch der Taliban die afghanischen Streitkräfte, die westlichen Akteure, aber auch die Bevölkerung im August 2021 getroffen haben muss. Die Bilder verzweifelter Menschen, die am Abbey Gate versuchten, in den militärisch kontrollierten Bereich des Flughafens zu gelangen, wurden zum Symbol des moralischen Versagens des Westens und des Scheiterns der zwanzig Jahre währenden Mission, in Afghanistan einen stabilen Staat zu errichten.
„In der letzten Maschine waren sieben Afghanen. Echt erbärmlich“
„Kabul“ versucht, all diese Ebenen darzustellen, indem die Serie in mehreren, sich teils überlappenden Handlungssträngen die Geschichte jener Chaostage aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Während sich der einfache Soldat Fazal (wie sich später herausstellen wird, ist er weit mehr als das) nach Kabul durchschlägt, fliehen seine Eltern zur französischen Botschaft. Nach seiner Mutter Zahara (Darina Al Joundi), einer idealistischen Staatsanwältin, fahnden die Islamisten bereits. Fazals Schwester Amina (Hannah Abdoh), eine junge Ärztin, beschließt zunächst, im Krankenhaus weiter ihrer Arbeit nachzugehen, obwohl die Taliban es unter ihre Kontrolle gebracht haben.
Währenddessen bricht bei den westlichen Alliierten das Chaos aus. Der Sicherheitsattaché der französischen Botschaft, Gilles (Jonathan Zaccaï), bleibt mit einigen Soldaten in der Vertretung zurück, um die Rettung der afghanischen Flüchtlinge zu organisieren, die vor den Toren des Gebäudes um Einlass flehen. Bei den Italienern sieht es nicht besser aus: Der unerfahrene Diplomat Giovanni (Gianmarco Saurino) wird kurzerhand zum Konsul ernannt. „Du bist jetzt Italiens offizieller Stellvertreter in Afghanistan“, erklärt ihm der Botschafter, ehe er sich aus dem Staub macht und den ungläubig dreinblickenden Giovanni zurücklässt.
Die US-Perspektive erleben die Zuschauer, etwas stereotyp, durch die Mission des CIA-Agenten Martin, der versucht, einen Anschlag des IS zu verhindern. Martin wird von „Grey’s Anatomy“-Star Eric Dane gespielt, der in diesem Jahr seiner ALS-Erkrankung erlag. Die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidende BND-Agentin Vera (Jeanne Goursaud) fliegt auf eigene Faust zurück ins Krisengebiet, um einen General zu schützen, der ihr einst bei einem Anschlag das Leben rettete.
In diesem Handlungsstrang blitzt immer wieder das Versagen der deutschen Behörden bei der Rettung afghanischer Ortskräfte auf. Etwa wenn ein BND-Agent Vera berichtet, dass Flugzeuge teils fast leer aus Kabul zurückkehren („In der letzten Maschine waren sieben Afghanen. Echt erbärmlich“), oder ein afghanischer Bundeswehrhelfer der irritierten Agentin erklärt, warum er bei den Amerikanern Zuflucht sucht. Bei den Deutschen sei einfach niemand erreichbar gewesen.
Die Katastrophe aus Sicht von Europäern und Afghanen
Was Dramaturgie und Figurentiefe angeht, kann sich „Kabul“ nicht ganz mit einer Produktion wie „Homeland“ messen, deren Einfluss zu erahnen ist. Allein das Intro mit der Collage aus Nachrichten- und Archivaufnahmen, gemischt mit Szenen der Erzählung und einer dissonanten Titelmelodie, erinnert stark an das der US-Serie, in der die psychisch labile CIA-Analystin Carrie Mathison versucht, einen von Al-Qaida umgedrehten Marine zu enttarnen. Für die traumatisierte BND-Agentin Vera scheint Mathison zumindest oberflächlich als Vorlage gedient zu haben.
Als sechsteilige Miniserie angelegt, muss sich „Kabul“ diesem Vergleich aber nicht unbedingt stellen. Die visuelle Umsetzung wirkt, verglichen mit Szenen aus dem Trailer des französischen Films „Operation: Kabul“ (ebenfalls 2025 erschienen), weniger bildgewaltig, weiß aber zu überzeugen. Genauso wie ein Großteil der zumeist packenden Erzählstränge. Vielleicht hätte man auf den einen oder anderen verzichten können. Andererseits zeichnet der Perspektivwechsel die Serie aus: Sieht man doch nicht, wie so oft, nur den amerikanischen Blickwinkel, sondern auch den europäischen und, vielleicht noch wichtiger, den einer afghanischen Familie.
Im Erzählen der Geschichten der Menschen, die während jener Tage im August verzweifelt versuchten, vor den Taliban zu fliehen, und derjenigen, die händeringend, aber oft machtlos versuchten, ihnen zu helfen, liegt die Stärke von „Kabul“. Die Serie schafft Empathie, die im Zuge der Migrationsdebatten und der verdrängten Verantwortung gegenüber den Ortskräften in der Wirklichkeit oft verloren gegangen ist.
