
Die jüngsten politischen Ereignisse in der Ukraine haben wachen Beobachtern vor Augen geführt, wie groß der Unterschied zu Russland ist. Wer in Moskau gegen eine Entscheidung Putins auf die Straße geht oder im Internet (sofern es angeschaltet ist) Maßnahmen des Regimes kritisiert, wird festgenommen, mit Geldstrafe belegt oder ins Lager gesteckt. In der Ukraine dagegen äußern die Menschen ihren Protest in den sozialen Netzwerken, sie versammeln sich zu Demonstrationen, und sie haben nun schon zum zweiten Mal binnen eines Jahres ihren Präsidenten dazu gebracht, seine Politik maßgeblich zu korrigieren.
Im vergangenen Sommer war es Wolodymyr Selenskyjs unverfrorener Versuch, Antikorruptionsermittler an die Leine zu legen, den die Ukrainer ihm nicht durchgehen ließen. Diesmal erzwangen sie eine Korrektur der Personalpolitik des Präsidenten. Der tauschte auf massiven öffentlichen Protest hin den beim Volk unbeliebten Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj aus. Nichts dergleichen hätte Selenskyj tun müssen. Mit dem Kriegsrecht hätte er Demonstrationen verbieten, Protestler verhaften lassen und bei seinen Entscheidungen bleiben können.
Erfahrung oder Veränderung
Auf einem anderen Blatt steht, ob die Entscheidung, Syrskyj zu entlassen, gut für die weitere Verteidigung und damit für das Überleben der Ukraine ist. Nicht ohne Grund hatte sich der Präsident im Machtkampf zwischen Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber zunächst für Letzteren entschieden. Syrskyj ist ein äußerst erfahrener Militär, der zudem den Gegner, mit dem er noch zu Sowjetzeiten gemeinsam studiert hat, bestens kennt. Es ist auch Syrskyjs Führung zu verdanken, dass die Ukraine bis heute gegen Russland standhält.
Andererseits hat sich das Kriegsgeschehen rasant verändert. Unbemannte Systeme beherrschen heute praktisch das gesamte Schlachtfeld. Daten, geliefert und ausgewertet in Echtzeit, können über Leben und Tod entscheiden. Der technologische Vorsprung, den sich die Ukraine mit Drohnen in der Luft und am Boden notgedrungen verschafft hat und den sie weiter ausbaut, ist für die Verteidigung heute mindestens genauso essenziell.
Für diesen technologischen Fortschritt steht der junge Mychajlo Fedorow, der weiter um seine Rückkehr als Verteidigungsminister kämpft. Alternative Angebote Selenskyjs bis hin zum Amt des Vizeministerpräsidenten lehnt er, der bisher loyal an der Seite des Präsidenten stand, ab. Er hegt offensichtlich die Hoffnung, dass Selenskyj die andauernden Proteste auch in seinem Fall nicht ignorieren kann.
Es geht nicht nur um Selenskyjs Autorität
Selenskyj weigert sich bisher, doch nicht nur, weil seine Autorität infrage steht. Vielmehr hatte Fedorow in seiner kurzen Zeit im Ministerium so viele heiße Themen auf einmal angefasst, dass sich zu viele Leute herausgefordert fühlten. Die Armeeführung, die sich von Zivilisten nicht gern hineinreden lassen will. Rüstungslieferanten, die gut dotierte Verträge sowie gewohnte Abläufe behalten möchten. Und nach wie vor sowjetisch geprägte Verwaltungsebenen, die, wie sie es gelernt haben, keinerlei Verantwortung für irgendwas übernehmen wollen.
Selbst wenn Selenskyj die Chance erkannt hat, die in Fedorows Vorgehen lag, wog für ihn die Gefahr, es sich in zu vielen Bereichen mit zu vielen Leuten zu verscherzen, offensichtlich größer, und er feuerte Fedorow. Nicht ahnen konnte er, dass das eine Kettenreaktion auslöste, in deren Folge nun der neue Oberbefehlshaber Mychajlo Drapatyj an der Spitze der Armee steht, der Fedorows Reformen öffentlich befürwortet.
Drapatyj kennt sowohl die Vorteile konventioneller Streitkräfte, die nach wie vor gebraucht werden, als auch die Möglichkeiten asymmetrischer Kriegsführung. Zudem steht er für einen Wandel in der ukrainischen Armee von einer Kultur der Angst zu einer Kultur der Verantwortung. Er sieht, wie er selbst schrieb, Initiative von unten nicht als Bedrohung, sondern als Ressource. Auch dadurch ist er in der Truppe hoch geachtet, gerade bei Soldaten, die im zivilen Leben selbst Verantwortung getragen haben und sich nicht mehr auf althergebrachte Art herumkommandieren lassen wollen.
Würde Selenskyj jetzt die Veränderungen in der Armee mit Fedorows Reformagenda koppeln, läge darin für die Ukraine eine große Chance. Nicht ohne Grund gerieten russische Kriegsblogger, welche die Entlassung Fedorows bejubelt haben, bei der Ernennung Drapatyjs in Panik. Sie wissen, dass solche Reformen auf ihrer Seite schier undenkbar wären. Gemeinsam aber könnten Drapatyj und Fedorow die Verteidigung der Ukraine auf eine ganz neue Ebene heben und Russland so in die Zange nehmen, dass – und darum geht es ja die ganze Zeit – Putin endlich zu Verhandlungen bereit ist.
