
Worte des Abscheus und der Empörung mögen hilflos und abgedroschen klingen. Und dennoch ist es so: Der Angriff vom Samstagabend auf die friedliche und dem Anschein nach fröhliche Veranstaltung im Zentrum Berlins war hinterhältig, feige und verachtenswert. Er traf nicht nur die unmittelbaren Opfer, die getötet oder verletzt wurden. Er traf, bald zehn Jahre nach dem in mancher Hinsicht ähnlichen Attentat auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, die Stadt. Das Land. Seine offene Gesellschaft. Und genau so war es fraglos gemeint.
Das Ziel, auf das der Anschlag verübt wurde, wurde willkürlich gewählt, aber offensichtlich nicht zufällig. Der Christopher Street Day ist eine Demonstration der Selbstverständlichkeit, mit der sexuelle Minderheiten sich in der Öffentlichkeit zeigen, was auch in demokratischen Staaten bis vor wenigen Jahrzehnten keine Selbstverständlichkeit gewesen ist. Es muss nicht jeder immer mit allen Ausdrucksformen solcher Demonstrationen und der politischen Vereinnahmung einverstanden sein, auch das gehört zur Freiheit. Aber gerade deshalb trifft doch jeden ein solches Hassverbrechen.
Glaube niemand, dass uns „Remigration“ retten würde
Die Sicherheitsbehörden haben schnell einen mutmaßlichen Täter identifiziert. Der Verdächtige ist ihnen als Islamist bekannt. Damit würde das Verbrechen im Tiergarten in einer traurigen Reihe von terroristischen Anschlägen stehen, deren Fanal der Angriff auf Amerika am 11. September vor einem Vierteljahrhundert war. Mit etwas Verzögerung war der islamistische Terror auch in Deutschland angekommen.
Immer wieder ereignen sich seither solche Taten. Nichts kann Gewissheit geben, dass es nicht auch in Zukunft wieder dazu kommen kann. Der Verfassungsschutz zählt für Deutschland ein „gewaltorientiertes islamistisches Personenpotential“ von rund 9000 Menschen. Man muss es beobachten und mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfen.
Aber niemand sollte den verführerischen Behauptungen glauben, die auf der ganz rechten Seite des politischen Spektrums verbreitet werden, dass es ein einfaches Mittel dagegen gäbe. Das, was propagiert wird, die erzwungene „Remigration“ der muslimischen Einwanderer, ist jedenfalls nicht eines, mit dem unsere offene Gesellschaft gerettet würde, im Gegenteil. Die muss sich durch Zusammenstehen behaupten: Im Zorn, in der Trauer, im Trotz.
