
Viele Unternehmen vermuten, dass sich die Energiewende negativ auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit auswirkt. Das zeigt das neue Energiewende-Barometer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), welches der F.A.Z. vorab vorliegt. Die DIHK hat dafür rund 3100 Unternehmen aus ganz Deutschland repräsentativ ausgewählt und im Juni befragt. Gut die Hälfte der befragten Unternehmen erbringt Dienstleistungen, knapp ein Viertel stammt aus der Industrie, 14 Prozent aus dem Handel.
Der Umfrage zufolge bewerten 40 Prozent der Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende als negativ oder sehr negativ, 35 Prozent als neutral und nur 24 Prozent als positiv oder sehr positiv. Knapp die Hälfte aller Unternehmen gibt an, dass ihre Stromkosten in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen sind. Bei den Kosten für Gas, Fernwärme und Heizöl gilt das sogar für zwei Drittel.
Aufgrund der steigenden Kosten gibt ein Drittel der befragten Unternehmen an, Investitionen in ihre Kernprozesse zurückgestellt zu haben. Ein Viertel zögert mit Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen.
Industrie traditionell besonders kritisch
„Globale Krisen treffen auf weiterhin ungelöste strukturelle Herausforderungen am Wirtschaftsstandort Deutschland. Das hält die Energiekosten hoch“, lässt sich DIHK-Präsident Peter Adrian in einer Mitteilung zitieren. „Die Folgen sind sinkende Wettbewerbsfähigkeit, aufgeschobene Investitionen und die Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland.“
Insgesamt geben 20 Prozent aller Unternehmen – und damit etwas mehr als in den Vorjahren – an, eine Verlagerung ins Ausland schon zu realisieren oder zumindest darüber nachzudenken. In der Industrie sind es sogar 40 Prozent.
Diese bewertet die Energiewende traditionell kritisch, weil sie mit ihrem oft hohen Energieverbrauch besonders von steigenden Kosten fossiler Energieträger betroffen ist. Aber auch im Handel wirken sich steigende Energiepreise entlang der Wertschöpfungskette aus und treiben aus Sicht der DIHK Material-, Transport- und Logistikkosten.
Gleichzeitig schwäche die sinkende Kaufkraft vieler Verbraucher die Nachfrage. Da Kostensteigerungen häufig nur begrenzt an Kunden weitergegeben werden könnten, gerieten die Gewinnmargen unter Druck. Hinzu kommt, dass viele industriepolitische Entlastungsmaßnahmen dem Handel kaum zugutekommen.
Interessant ist, wie sich die Wahrnehmung der Energiewende innerhalb Deutschlands regional unterscheidet. Erstmals seit vielen Jahren bewerten Unternehmen in Norddeutschland die Energiewende mehrheitlich wieder positiv; dort sind die erneuerbaren Energien inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Westen und Süden stehen die Herausforderungen der Transformation hingegen stärker im Vordergrund.
„Die Unternehmen stehen hinter dem Ziel der Klimaneutralität. Gleichzeitig sehen sie sich mit Energiekosten konfrontiert, die im internationalen Wettbewerb zunehmend zum Nachteil werden“, sagt Adrian. Knapp 80 Prozent der Unternehmen fordern eine weitere Senkung der Steuern und Abgaben auf Strom sowie einen schnelleren Ausbau der Energieinfrastruktur.
