
Die Berliner Polizei fahndet nach einem Verdächtigen, der am Samstagabend beim Christopher Street Day (CSD) in der Nähe des Brandenburger Tors in eine Menschenmenge gefahren ist. Wie die Polizei am frühen Sonntagmorgen in einem Fahndungsaufruf nach dem 21 Jahre alten Abdul B. mitteilte, könnte der Täter seine Opfer zudem mit einem Messer attackiert haben. Es seien „mehrere Personen durch Stichwerkzeuge verletzt worden“. Und weiter: „Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet.“
In den frühen Morgenstunden durchkämmten Spezialeinheiten der Polizei im Stadtteil Wedding das Gelände einer Moschee, wie die „Berliner Morgenpost“ mitteilte. Auch eine Wohnung in Schönberg wurde durchsucht. Ob es einen Zusammenhang zu dem Anschlag gebe, sei nicht bekannt.
Beim CSD hatten in der Hauptstadt mehrere hunderttausend Menschen für Freiheitsrechte demonstriert und gefeiert. Dutzende geschmückte und mit Lautsprechern versehene Lastwagen waren zwischen Mitte, Schöneberg und dem Brandenburger Tor unterwegs. Die Feiern zogen sich über den ganzen Tag, am Abend gab es ein mehrstündiges Konzert am Brandenburger Tor, das gegen 22.15 Uhr abrupt beendet wurde. Polizei und Veranstalter forderten die Teilnehmer auf, das Gelände und den angrenzenden Tiergarten, Berlins größte Parkanlage zu verlassen.
Das gestaltete sich auch wegen baubedingt gesperrter öffentlicher Transportwege schwierig, so war die S-Bahn im Innenstadtbereich auf etlichen Linien unterbrochen, der Ersatzverkehr mit Bussen steckte bereits den ganzen Tag über im Umleitungsverkehr rund um die Veranstaltung fest. Dennoch gelang es zügig, den Tatort zu räumen, gegen Mitternacht war der Tiergarten menschenleer.
Erhebliches radikalisiertes islamistisches Personal
Die Berliner Polizei und Feuerwehr hatten sich mit einem Großaufgebot und weiträumigen Absperrungen auf das traditionelle Großereignis vorbereitet, dazu gehörten weiträumige Zufahrtsverbote rund um den Großen Stern im Tiergarten. Seit dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 gelten in der Innenstadt bei allen größeren Veranstaltungen besondere Vorkehrungen gegen potenzielle Angreifer mit Autos oder Lastwagen. Der Attentäter vom Breitscheidplatz hatte zuvor einen Lastwagen gekapert, dessen Fahrer ermordet und war dann mit dessen schwer beladenen Fahrzeug in den Weihnachtsmarkt gerast. Elf Menschen starben damals, dutzenden wurden verletzt. Auch der damalige Täter, der Tunesier Anis Amri, konnte zunächst flüchten. Wenig später wurde der Asylbewerber in Italien von Polizisten gestellt und erschossen.
Der aktuelle Tatverdächtige lebte wohl in Berlin. Nach Polizeiangaben hatte er das Tatfahrzeug angemietet und war damit von der südlichen Seite des Tiergartens in Höhe der Lennéstraße in die Parkanlage eingefahren, um seine Tat zu begehen. Bereits in der Nacht drangen Spezialkräfte in eine Wohnung im Stadtteil Schöneberg ein, trafen dort aber niemanden an.
In Berlin gibt es nach wie vor ein erhebliches radikalisiertes islamistisches Personal, eine Szene, welcher der Verfassungsschutz des Landes etwa 2400 Personen zurechnet. Davon werden laut Verfassungsschutzbericht mehr als 900 als gewaltorientiert qualifiziert. Die Szene hat seit den Ereignissen nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel erheblichen Zulauf, Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens sind in der Hauptstadt stark angestiegen. Die gewaltorientierte propalästinensische Szene wird in dem Bericht von 2025 auf etwa 200 Personen geschätzt, etwa 1100 Personen der salafistischen Szene zugerechnet, 350 davon als gewaltorientiert eingestuft. Berichtet wurde damals von umfangreicher Propaganda in sozialen Netzwerken, die sich insbesondere auch an Kinder und Jugendliche richtet.
Regierender Bürgermeister Wegner
Im vergangenen Herbst waren in Berlin mutmaßliche Angehörige oder Unterstützer der Hamas festgenommen worden, die nach damaligen Angaben der Bundesanwaltschaft als sogenannte Auslandsoperateure Waffen für Mordanschläge auf jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland beschaffen sollten. Bei den damaligen Festnahmen im Stadtteil Moabit wurden ein Sturmgewehr und eine Pistole beschlagnahmt.
Die Berliner Politik reagierte entsetzt und entschlossen auf den Angriff. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) traf kurz nach Mitternacht am Einsatzort ein. Er sprach von einem „Angriff auf unsere freie Gesellschaft“ und sagte: „Wir werden uns unsere Art und Weise des Zusammenlebens nicht nehmen lassen.“ Er habe großes Vertrauen in die Arbeit der Berliner Polizei. Wegner hatte ursprünglich geplant, selbst und mit einem eigens konstruierten Truck am CSD teilzunehmen, mit dem Motto „Regenbogenhauptstadt Berlin“. Dazu war es dann nicht gekommen.
