
Der Schaumwein war erstaunlich: ein Duft von hellen Früchten und Blüten, von frischem Apfelkompott, dazu Nuss- und Hefenuancen; am Gaumen leicht, präzise, kalkgeprägt, frisch und überaus elegant. Eine feine Hefetextur, die delikate mousse, die nachhaltige Struktur und erfrischende Rasse: formidabel!
Ich wunderte mich, warum der Direktor und der Önologe einer Südtiroler Winzergenossenschaft nach Hamburg gereist waren, um im Hotel „The Fontenay“ als Aperitif Champagner zu reichen und nicht etwa einen Alto Adige Spumante, einen Südtiroler Schaumwein, aus eigener Produktion. Ich fragte mich das nicht als rhetorische Figur, sondern tatsächlich. Allerdings hatte ich zuvor an anderer Stelle schon 20 Weine verkostet und war strammen Schrittes zur nächsten Verabredung geeilt. Vorbildlich ausgeruht war ich also nicht, aber kulinarisch gebildet, doch, so würde ich mich schon bezeichnen.
Von daher gleich: Complimenti an die Genossen der Kellerei Kaltern! Euer 2021 Brut Nature Metodo Classico, wie Champagner hergestellt und auf Blauburgunder (Spätburgunder) und Chardonnay basierend, ist nicht nur ein vorzüglicher Aperitivo allererster Güte, sondern verliert auch als schäumender Essensbegleiter zu leichteren Gerichten wie Spargelsalat oder auch Fisch und Geflügel nicht seine Fassung. Ich habe mir gleich einige Flaschen davon bestellt, weil er mich zu einem besseren, gelasseneren Menschen macht. Und selbstverständlich nicht nur an Feiertagen. Für 27,50 Euro bietet dieser sprudelnde Südtiroler ganz schön viel Klasse und plaisir.
Für den Broterwerb ist es zu wenig
126 Jahre ist die Kellerei Kaltern mittlerweile alt. Im Laufe ihrer Geschichte hat sie mit fünf weiteren Kellereien der unmittelbaren Nachbarschaft fusioniert. Heute zählt sie, wie auch andere Kellereien Südtirols, zu den modernsten und besten Winzergenossenschaften Europas. Etwa 500 Winzer haben sich ihr mittlerweile angeschlossen. Zusammen bewirtschaften sie rund um den Kalterersee 480 Hektar Rebfläche. Im Schnitt bewirtschaftet jeder Genosse in etwa die Größe eines Fußballfeldes, also nicht mal einen Dreiviertelhektar Reben – für den Broterwerb zu wenig. Auch ein eigenes Weingut mit Kelter, Fässern, Abfüllanlage und weiterer Kellertechnik wäre da nicht rentabel.
Da in Kaltern jeder Genosse weiß, für welchen Wein seine Trauben benötigt werden, wird die Arbeit unterm Jahr mit Ambition und Stolz verrichtet. Man liefert nicht nur Traubengewichte ab, sondern erzeugt, in enger Zusammenarbeit mit dem Önologen-Team der Kellerei, über die gesamte Vegetationsperiode hinweg bestes Lesegut. Dazu hat man sich verbindlich auf eine Qualitäts-Charta verständigt. Entsprechend penibel werden die Weingärten bewirtschaftet, denn Qualität duldet keine Kompromisse.
Drei Qualitäts- und Preisstufen
Im Gegensatz zu den meisten deutschen Genossenschaften, die ihre Weine über Discounter absetzen, bei denen es in erster Linie um den Preis und erst danach um Qualität geht, verkaufen die Südtiroler ihre Weine an den Fachhandel und in die Gastronomie. Auch der Lebensmitteleinzelhandel kann beliefert werden, denn viele Kooperativen gliedern ihr umfangreiches Weinangebot in drei Qualitäts- und auch Preisstufen. Doch selbst die unterste Preisspanne, für die es saubere, fruchtbetonte und eher leichtere Rebsortenweine gibt, ist für den deutschen Discount zu hoch. Doch einfacher als einfach will kein Südtiroler seinen Wein erzeugen, dafür ist das Alto Adige zu renommiert, nicht nur in touristischer, auch in gastronomischer Hinsicht.
Bei der Kellerei Kaltern gibt es drei Qualitätslinien: Klassik, Selektion und, die Spitzenklasse, Quintessenz. Der Brut Nature stammt aus der Selektion-Serie. Wem diese Qualität nicht ausreicht, hat anscheinend die hohe Schule des feinen Geschmacks durchlaufen. Also bitte: Der auf kalkreichem Dolomitgestein in Höhenlagen bis zu 600 Metern gewachsene und über elf Monate im großen Holzfass gereifte 2023er Quintessenz Pinot Bianco (25,90 Euro, shop.kellereikaltern.com) ist füllig, saftig und dicht, von feinen Gerbstoffen strukturiert und nachhaltig im Abgang – ein vielseitiger Essensbegleiter.
Wer es noch aromatischer mag, tropischer vielleicht und Passionsfrüchten gegenüber nicht abgeneigt ist, der greife zum 2023er Quintessenz Sauvignon Blanc (25,90 Euro, bremer-weinkolleg.de). Er zeigt zudem kräuterwürzige Nuancen, und seine Fülle und Exotik wird von dezenten Holznoten gut verpackt. Den Gast, der diesen vollmundigen Wein nicht preist, dürfen Sie getrost vor die Türe setzen oder zum nächsten Discounter fahren. Brachial banalen Grauburgunder gibt es dort immer, noch dazu fast kostenlos.
