An ein Einlenken scheint das iranische Regime nicht zu denken. Trotz heftiger amerikanischer Luftangriffe tönten die Revolutionswächter vor einigen Tagen in einer Erklärung, sie würden den Vereinigten Staaten eine „unvergessliche Lektion“ erteilen. Eine Lektion, die den „Willen des Aggressors“ brechen werde. Eine, „die in der Geschichte die Wahrheit vom unbeugsamen Willen der iranischen Nation festhält“.
Das sind bemerkenswerte Töne von einem Regime, dessen Militär stark geschwächt und dessen Führung durch tödliche Luftangriffe ausgedünnt wurde. Dessen Land wirtschaftlich am Boden liegt, dessen Legitimität in der Bevölkerung zunehmend infrage gestellt wird, dessen Herrscher, der Oberste Führer Modschtaba Khamenei, sich seit seiner Machtübernahme seinen Getreuen weder leibhaftig noch per Videobotschaft gezeigt hat. Und das sich in diesem Zustand in einer bewaffneten Konfrontation mit der Supermacht USA befindet sowie mit Israel, der stärksten Militärmacht der Region.
Und doch glauben weder westliche Diplomaten, iranische Beobachter noch Nachrichtendienste, dass sich die Führung in Teheran in absehbarer Zeit dem militärischen Druck ihrer Erzfeinde beugen könnte. Das Regime, so lautet gemeinhin die Einschätzung, hat seine Macht im Inneren behauptet und den Apparat zusammengehalten. „Es hat keine namhaften Überläufer gegeben, die Staatsbediensteten werden noch immer bezahlt“, berichtet eine Quelle mit Kontakten ins iranische Establishment.
Die Revolutionswächter sind gestärkt
Das Regime ist aber nicht einfach nur enger zusammengerückt. Im Zuge des Waffengangs haben die Revolutionswächter, die eine auf Härte ausgerichtete Politik verfolgen, ihre Position gefestigt. Sie halten das Land fest und brutal im Griff. Sie kontrollieren viele der einflussreichen religiösen Stiftungen und außerdem ein gigantisches Wirtschaftsimperium, das Schätzungen zufolge gut ein Drittel der iranischen Volkswirtschaft umfasst. Über viele Jahre hätten Militärs der Revolutionswächter einen „Putsch in Zeitlupe“ ausgeführt, sagt ein iranischer Beobachter. Der Krieg habe diesen Prozess beschleunigt.
Nicht nur dass das Regime widerspenstiger geworden ist, es hat im Krieg auch nach einem wirkungsstarken Hebel gegriffen, von dem es jetzt nicht mehr die Hand lassen will und der die militärische Unterlegenheit in der Kraftprobe relativiert: die Straße von Hormus, ein Nadelöhr des Welthandels und weltweiten Energieexports. Mit der Blockade der Seestraße kann Teheran der Weltwirtschaft extrem schaden und die Benzinpreise in die Höhe schnellen lassen, was Donald Trump derzeit innenpolitisch unter Druck setzt. Die Meerenge sei „wichtiger als Dutzende von Atombomben“, sagte Khameneis Militärberater Mohsen Resai unlängst nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur ISNA.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Vereinigten Staaten haben es also mit einem entschlossenen Feind und sehr misstrauischen Verhandlungspartner zu tun, der Rückschläge für die Diplomatie schnell als Beweis interpretiert, dass Washington eigentlich kein Ende des Krieges will. In dieser Logik erscheint es sinnvoll, wenn Iran auch an seiner Schattenarmee getreuer arabischer Milizen festhalten will. Teheran führt eine Allianz an, die sich die Vernichtung Israels und die Vertreibung der USA aus der Region auf die Fahnen geschrieben hat und die in der Propaganda als „Achse des Widerstands“ verklärt wird.
Dazu zählt die von den Revolutionswächtern über Jahrzehnte aufgebaute und gelenkte Hizbullah, die in Libanon zu einem mächtigen Staat im Staate aufgestiegen ist. Hinzu kommen dem iranischen Regime treu ergebene schiitische Milizen im Irak, welche sowohl die Politik als auch die Wirtschaft des Landes tief durchdrungen haben; die Huthi-Rebellen im Jemen, die über die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordens herrschen; und auch palästinensische Terrororganisationen wie die Hamas. Das iranische Regime bekräftigt immer wieder, die Achse sei trotz aller Rückschläge nicht zerschlagen und handlungsfähig.
Wie Iran selbst, so ist auch dessen Schattenarmee in den vergangenen Jahren einem Stresstest unterzogen worden. Im Jahr 2014 prahlte ein iranischer Parlamentarier noch, Teheran kontrolliere vier arabische Hauptstädte: Bagdad, Beirut, Damaskus und Sanaa. Aber damit ist es lange vorbei. Die Hamas, die mit ihrem monströsen Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 eine Welle von regionalen Kriegen entfesselte, hat zwar mit Khalil al-Hayya gerade einen Iran nahestehenden neuen Anführer bestimmt. Für Israel stellte sie aber eine weitaus geringere Bedrohung dar als vor dem Gazakrieg. Im Gazastreifen herrscht die Hamas über ein Trümmerfeld und ist mit sich selbst beschäftigt.
Die Hizbullah ist durch israelische Militärschläge stark geschwächt worden. Ihr langjähriger charismatischer Anführer Hassan Nasrallah wurde im September 2024 durch einen israelischen Luftangriff auf den Führungsbunker der Schiitenmiliz in Beirut getötet. Weite Teile der obersten Führung wurden seinerzeit ausgelöscht, das Raketenarsenal der Hizbullah auf einen Bruchteil dezimiert.
Heute hält das israelische Militär einen libanesischen Landstreifen entlang der Grenze besetzt und macht die dortigen Dörfer systematisch dem Erdboden gleich. Die Streitkräfte im Nachbarland können der Hizbullah nach Gutdünken mit Luftangriffen zusetzen. Und die Regierung in Beirut will die Schiitenmiliz entwaffnen.

Die irakischen Helfershelfer des iranischen Regimes wiederum müssen sich des Drucks der Vereinigten Staaten erwehren. Außerdem sind sie mit einer Regierung konfrontiert, die ihr bewaffnetes Eigenleben einhegen will.
In diesem Zustand kann Irans Schattenarmee ihren ursprünglichen Daseinszweck nicht mehr erfüllen. Sie diente dem Regime zur Abschreckung und zur Bestrafung seiner Feinde, und sie sollte verhindern, dass Iran große Kriege auf eigenem Territorium führen muss. Eine direkte konventionelle Konfrontation mit einem überlegenen Gegner wollte das Regime unbedingt vermeiden. Lieber sollten die getreuen Milizen als vorgelagerte Verteidigung in den Kampf ziehen.
Offenbar kalibriert Teheran die Achse neu
Genau dieser große Krieg findet jetzt aber statt, und das iranische Regime bezieht seine Abschreckung eher aus den eigenen Fähigkeiten, die Region mit Drohnen- und Raketenbeschuss zu überziehen – und vor allem aus dem Hormus-Hebel. Die Möglichkeit, eigene Täter- oder Drahtzieherschaft für Angriffe plausibel abstreiten zu können, ist daher nicht mehr so wichtig. In Teheran wird nach Angaben mehrerer Beobachter inzwischen außerdem darüber diskutiert, ob die arabischen Verbündeten auch ein Einfallstor für die Durchdringung durch den israelischen und amerikanischen Geheimdienst waren und sind.
Trotz allem bemüht sich das iranische Regime, seine arabischen Alliierten weiter an sich zu binden und wieder aufzubauen. Offenbar ist es aber dabei, seinen Umgang mit der Achse neu zu kalibrieren.

Derzeit spielen die Huthi-Rebellen im Jemen eine hervorgehobene Rolle. Denn ihr – maßgeblich mit iranischer Unterstützung aufgebautes – Drohnen- und Raketenarsenal bedroht das Bab al-Mandab (Tor der Tränen), eine strategisch wichtige Meerenge zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer. „Die Huthi könnten leicht eine monatelange Blockade durchhalten und der Weltwirtschaft erheblichen Schaden zufügen“, erklärt Farea al-Muslimi von der britischen Denkfabrik Chatham House.
Die Huthi haben Befestigungsanlagen an der Küste errichtet und sind in der Lage, die zivile Schifffahrt aus Höhlen und Tunneln unter Beschuss zu nehmen. Es gilt unter Sicherheitsfachleuten als kaum möglich, diese Bedrohung des Bab al-Mandab allein mit Luftangriffen auszuschalten.
Die jemenitischen Rebellen haben schon eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien verhängt und saudische Tankschiffe beschossen. Nach Darstellung der Huthi hat das nichts mit dem Irankrieg zu tun, aber die Revolutionswächter in Teheran hatten kurz zuvor verkündet, die Huthi bereiteten sich darauf vor, das Bab al-Mandab als Erwiderung auf amerikanische Luftangriffe gegen zivile Infrastruktur in Iran zu schließen.
Nach Darstellung von Fachmann al-Muslimi sind die Huthi so etwas wie die Aufsteiger der Achse. „Sie sind aus der Sicht Teherans vergleichsweise günstig im Unterhalt, und sie sind risikobereit“, sagt er. Ausbilder, die sie im Dienste Irans in Raketenfragen beraten haben, bezeichnen sie als wissbegierige Schüler.
Die Milizen führen ihr Eigenleben
Zugleich sind die Huthi ein Beispiel dafür, dass Iran nicht alle Akteure der Achse straff von oben lenken kann. Wie andere Gruppen auch verfolgt die jemenitische Miliz Interessen innerhalb ihres Heimatlandes. Und diese sind nicht immer deckungsgleich mit denen Teherans. So zögern die Huthi etwa, eine neue massive Luftangriffswelle der Amerikaner zu riskieren. Die Operation „Rough Rider“ im Frühjahr 2025 hatte die Rebellenbewegung zwar nicht nachhaltig geschwächt, aber nach Einschätzung al-Muslimis doch schwer getroffen.
Außerdem haben die Alliierten Teherans eigene Beziehungen untereinander aufgebaut. Delegationen besuchen einander zu wichtigen Anlässen, tauschen sich in militärischen und politischen Fragen aus. Man könne sich die Achse wie eine von Teheran gegründete Whatsapp-Gruppe vorstellen, sagt Farea al-Muslimi. „Die Administratoren sind die Iraner. Sie wachen über die Beiträge. Aber die Teilnehmer habe sich längst die Nummern daraus gezogen und kommunizieren unabhängig auf eigenen Kanälen.“
Die Bewegungsfreiheit, die Iran seinen Schattenkriegern zugesteht, variiert. Die libanesische Hizbullah zum Beispiel wird derzeit an der kurzen Leine gehalten, erklärt Nicholas Blanford von der Denkfabrik Atlantic Council, der seit Jahrzehnten in Libanon lebt. Offiziere der Revolutionswächter würden direkt in das operative Geschäft eingreifen, und Teheran wolle die Hizbullah als bewaffnete Kraft erhalten. Schon allein deshalb, weil es viel Energie und Geld in deren Aufbau investiert habe. Und auch, weil die Schiitenmiliz trotz ihrer Schwächung noch immer einen militärischen Nutzen habe.
In der Hizbullah wandelt sich die Stimmung
Die Beziehung der Hizbullah zu ihren iranischen Hauptsponsoren ist nicht immer frei von Spannungen. Mancher in der Führung will sich nicht zu sehr zum Werkzeug Irans machen lassen. Auch Anführer Naim Qassem wird zu jenen Hizbullah-Kadern gezählt, die ihre Organisation nach dem Krieg von 2024 eigentlich vor allem als libanesische Kraft etablieren wollten.
In Beirut berichten mehrere Beobachter, dass der Eintritt der Schiitenmiliz in den jetzigen Irankrieg am 2. März auf eine Intrige Teherans zurückging. Darüber herrschte seinerzeit auch Unmut im Kreis der Kommandeure, die einen heftigen israelischen Gegenschlag wegstecken mussten, nachdem die Miliz in einem wirkungslosen Akt Raketen auf das Nachbarland abgefeuert hatte.
Die irankritische Stimmung hat sich nach den Worten Blanfords aber gewandelt. Das Regime in Teheran hatte sich demonstrativ vor die Hizbullah gestellt und ein Ende der Angriffe auf seine libanesischen Zöglinge zur Bedingung dafür erklärt, dass es mit den Vereinigten Staaten verhandelt. Das hat Iran Sympathien und Anerkennung eingebracht. Hizbullah-Kader tönten nun, sie seien „zu 100 Prozent“ iranisch, sagt Blanford. Die Organisation arbeite geschlossen und folge den Anweisungen Irans.
Trotzdem beklagen Vertreter des politischen Arms der Hizbullah in vertraulichen Gesprächen, sie hätten gerne etwas mehr Raum für die libanesischen Eigeninteressen – wie zum Beispiel die irantreuen Gruppen im Irak. Auch dort haben die Revolutionswächter ihren Zugriff auf die militärischen Aktivitäten verstärkt. Radikale Gruppen unter dem Banner des „irakischen Widerstands“ haben immer wieder Angriffe auf amerikanische Militärstützpunkte oder die arabischen Golfstaaten geführt, um den Druck auf Washington zu erhöhen. „Andererseits lässt Teheran zu, dass schiitische Milizen stärker ihre nationale Agenda verfolgen“, sagt Inna Rudolf, eine Expertin für die schiitischen Milizen vom War Studies Department am King’s College in London.
Teheran ist auf das Geld aus dem Irak angewiesen
Mehrere mit Iran im Bunde stehende Gruppen haben die Institutionen des Iraks und seine Wirtschaft durchdrungen – und streben eine stärkere Integration in den Staat an. Ihre Vertreter sind in Verwaltungen und Sicherheitskräften präsent, sitzen im Parlament, beteiligen sich am Geschacher um Posten und haben Zugriff auf die Fleischtöpfe des Staates. Wirtschaftskonglomerate unter ihrer Kontrolle machen längst nicht mehr nur dunkle Geschäfte, sondern verdienen Geld mit staatlichen Aufträgen. „Iran sieht auch darin einen Nutzen, über diese Gruppen seinen Einfluss im Irak zu erhalten“, sagt Inna Rudolph. Und auch das wirtschaftliche Überleben des iranischen Regimes hänge maßgeblich an den Irak-Geschäften.
Dass Teheran sein Nachbarland weiter als Teil seiner Einflusssphäre sieht, zeigte sich deutlich an den Feierlichkeiten rund um die Beerdigung des getöteten Obersten Führers Ali Khamenei. Sie fanden auch im Irak statt, der Leichnam Khameneis wurde – begleitet von Menschenmassen – zu schiitischen Wallfahrtsorten gebracht. Teherans Verbündete halfen bei der Logistik für das Spektakel, das zeigen sollte, wie groß der iranische Einfluss im Irak und auf die schiitische Bevölkerungsmehrheit dort noch ist – politisch, ideologisch und sozial.
Die Gedenkfeiern wurden so zur Projektion für die Widerstandsfähigkeit der iranischen Netzwerke. Sie waren durchtränkt mit religiöser Symbolik und Beschwörungen der Opferbereitschaft für eine höhere Sache. Die iranische Ideologie des „Widerstandes“, so lautete die Botschaft, werde über den Tod Khameneis hinaus bestehen. Es war eine Trauerfeier, die eher einer Siegesparade glich.
