Ein Name, der über die Stadtgrenzen Rottweils hinaus nur wenigen bekannt ist: Max Duttenhofer, Erfinder, Großindustrieller der Gründerzeit und Wegbereiter der deutschen Rüstungsindustrie. Vor einigen Jahren haben sich die Arbeiten des Historikers Jörg Kraus und eine Ausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg mit der Geschichte von Duttenhofer und der Pulverfabrik in Rottweil beschäftigt. Nun reiht sich hier der historische Roman „Pulver“ von Johann Reißer ein. Der ehemalige Rottweiler Stadtschreiber erzählt vom Aufstieg und Fall der Pulverfabrik von 1858 bis nach dem Zweiten Weltkrieg und dessen Nachwirken bis ins Jahr 2020.
Der Apothekersohn Max Duttenhofer (1843 bis 1903) heiratet die Tochter des Rottweiler Pulvermüllers und tritt als Schwiegersohn dessen Nachfolge an, anstatt die Apotheke seines Vaters fortzuführen. Er verwandelt den kleinen Handwerksbetrieb innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten in eine international bedeutsame Pulverfabrik, besonders die Erfindung des rauchschwachen Schießpulvers trug dazu ihren Teil bei. In den letzten beiden Dekaden des neunzehnten Jahrhunderts gehört Duttenhofer zur großbürgerlichen Elite im Deutschen Kaiserreich, er gründet Außenstellen der Fabrik in Hamburg und St. Petersburg, hat mehrere Aufsichtsratsposten inne und verkehrt mit Otto von Bismarck, Alfred Nobel, Gottlieb Daimler oder Friedrich Alfred Krupp.
Geschmacklose Fabrikantenvilla
So weit die Fakten. Die Fiktion in „Pulver“ beginnt mit der Vielzahl an Figuren, die Reißer einführt und deren Perspektiven auf das Geschehen er allesamt in einzelnen Kapiteln ausgestaltet: Da ist der Schuster Franz, der mitverfolgt, wie aus dem frechen Buben Max ein geschickter Unternehmer wird. oder Max’ Bruder Karl, der sich seinem Schicksal, also dem Willen seines Bruders, ergibt und in dessen Pulvergeschäfte einsteigt.

Obwohl diese Figuren schon teils schwierige Verhältnisse zum Protagonisten haben, werden dessen negative Seiten durch die Perspektive eines Kunstprofessors aus Rottweil oder durch Jakob, den unehelichen Sohn von Duttenhofer mit revolutionären Tendenzen, noch weiter ausgemalt. Durch die Augen des Professors, der ein Abendessen mit der Familie Duttenhofer verbringt, wird beispielsweise die Geschmacklosigkeit der neu erweiterten Fabrikantenvilla geschildert: „ein wahlloses Geschachtel von Laune, in moderner Stahlbetonbauweise schnell hochgezogen, um den grauen Klötzen dann historische Mäntelchen überzustreifen: hier ein bisschen Renaissance, da ein bisschen Barock, Gotik oder Antike …“.
Doch auch Beobachtungen von Angestellten, die durch die gefährliche Arbeit in der Fabrik krank werden, sowie Umweltschäden im Neckartal klingen hier schon an, um dann mit Jakob in eine politische Perspektive gerückt zu werden: „Er berichtet von der Beeinflussung von Politikern und Militärs durch Rüstungsunternehmer und dass die Pulverfabrik den Türken hundert Millionen Patronen geliefert habe für den Völkermord an den Armeniern und Mauser zweihunderttausend Gewehre. Ja, das sei die Weise, in der der Pulverfabrikant der Stadt einen Namen in der Welt mache: als Lieferant des Todes.“
Diese Darstellung der Schattenseiten der Pulverfabrik gipfelt in der Erzählung von Rosa, Jakobs Tochter (also Max Duttenhofers Enkelin), und ihrem Verlobten Hans, die am kriegstreiberischen Kaiserreich und der Arbeit in der Pulverfabrik zugrunde gehen. Ihre Geschichte setzt 1914 ein: Max Duttenhofer ist bereits vor neun Jahren verstorben, sein Sohn hat die Fabrik übernommen und erweitert sie wegen der Nachfrage im Ersten Weltkrieg um immer mehr Arbeiter. Eine dieser Arbeiterinnen ist Rosa, die kurz nach Kriegsbeginn ihre Anstellung als Hausmädchen verliert und nirgendwo anders etwas findet. „Die Pulverfabrik dagegen suchte ständig Arbeitskräfte.“
Den Krieg haben sie sich anders vorgestellt
Zuerst ist ihre Tätigkeit das Beseitigen des Pulverstaubs. „Am ersten Tag hatte Rosa geglaubt, sie müsse sterben. Sie roch das Pulver mit jedem Atemzug, spürte es brennend in der Lunge und im Magen, der zudem gegen den Schwefelgeruch rebellierte. Am schlimmsten aber waren die Kopfschmerzen: ein bohrendes Stechen, welches das Dröhnen der Maschinen noch verstärkte. Irgendwann nach der Mittagspause wurde Rosa schwarz vor Augen.“ Nach einigen Wochen steigt sie zur Patronierin auf. Die Arbeit ist sauberer, man darf sitzen, und es gibt sogar andere junge Frauen und Mädchen an der Werkbank, mit denen sie sich beim Befüllen der Patronen unterhalten kann.
Mit ihrem Verlobten Hans hat sie, seit er als Soldat eingezogen wurde, nur per Brief Kontakt, sie schreibt aus ihrer Hölle, der Pulverfabrik, und er berichtet aus seiner Hölle, von den grausamen Erlebnissen an der Front: „Keiner aus Hans’ Bataillon hat es sich so an der Front vorgestellt. Keiner. Und wie auch? Aufgewachsen in einer friedlich-beschaulichen Welt, hatten sie sich den Krieg als heldenhaften Kampf vorgestellt. Mit Bildern von schneidigen Kavallerieangriffen und tapfer fechtenden Infanteristen waren sie aufgewachsen. Auf diesen Schlachtfeldern dagegen wüteten riesige Kriegsmaschinen, gegen die ein einzelner Soldat nichts ausrichten konnte. Er hatte die Aufgabe, die donnernden Todesmaschinen zu füttern – oder sich vor ihren Stahlgewittern ins Erdreich zu verkriechen.“
Im Laufe der Kriegsjahre verschärfen sich die Lebensbedingungen für beide, und auch nach Kriegsende leiden sie unter den anhaltenden Folgen: Hans kehrt mit einer Nervenkrankheit und posttraumatischen Belastungsstörung zurück und erfährt keine angemessene Therapie, bis Rosa schließlich sogar ihr Leben für seine Genesung aufs Spiel setzen muss.
Diese Geschichte von Hans und Rosa aus den Jahren 1914 bis 1933 über rund 150 Seiten hätte schon für sich einen Roman füllen können. Genau da hat die Sache ihren Haken: Das Potential des Romans – der Entwurf von einem ganzen Figurenpanorama rund um die Rottweiler Pulverfabrik und ihren „Pulverkönig“ Max Duttenhofer – ist zugleich sein Defizit, denn das groß angelegte Epochenbild fällt auseinander und zerfasert in seine einzelnen Erzählstränge.
Die Wirkung der Geschichte über rund 160 Jahre und all die gesellschaftlichen Veränderungen, die in Rottweil und der Pulverfabrik damit einhergehen, kann sich nicht entfalten, da die vielen unterschiedlichen Figuren und ihre detaillierten Innensichten zu sehr im Fokus stehen. Das ist besonders schade, da der Stoff, der Johann Reißers „Pulver“ zugrunde liegt, spannend sowie von gegenwärtiger Dringlichkeit ist, noch dazu ging dem Roman eine beachtliche Recherche voraus. Doch dieses Pulver wurde leider verschossen.
Johann Reißer: „Pulver“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2026. 480 S., geb., 26,– €.
