Sie singen im Bayreuther „Ring des Nibelungen“ alle drei Brünnhilden: in der „Walküre“, im „Siegfried“, in der „Götterdämmerung“. Unterscheiden sich diese Partien stark, oder ist eher eine Kontinuität zu spüren?
Die Partien sind grundverschieden. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie häufig von verschiedenen Sängerinnen gesungen werden.
Die „Walküren“-Brünnhilde ist für mein Empfinden sehr tief und kompakt, weil man zwei Akte hintereinander zu singen hat. Man muss zwar am Anfang seine „Hojotohos!“ bewältigen, die sehr hoch sind, aber danach bewegt sich die Partie eher in der hohen Mittellage, erreicht nur gelegentlich das hohe A. Die „Siegfried“-Brünnhilde ist eher transparent geschrieben. Man muss die Stimme behutsamer führen. Wagner hat sie auch für eine andere Stimmlage komponiert. Man singt nur die letzte Szene im letzten Akt.
Sie warten fast drei Stunden, bevor Sie fünfzig Minuten singen dürfen.
Genau. Man kommt erst spät ins Festspielhaus – die Kollegen haben da schon stundenlang gesungen – und singt diese eine Szene. Hat aber auch was! Mittlerweile genieße ich es, dass der zweite Abend für mich nicht so lang ist. Denn danach kommt „Die Götterdämmerung“, eigentlich mein Lieblingsstück, weil die Brünnhilde dort ihr ganzes Können präsentieren kann. Da ist sie wirklich zu einer Frau geworden und muss stimmlich wie darstellerisch alle Höhen und Tiefen, die ein Leben mit sich bringt, gestalten.
Braucht man da besonders viel Kraft?
Ja, für den Schlussgesang, aber der ist nicht so lang, wie manche denken. Er ist von der Disposition wunderbar komponiert. Man hat in der „Götterdämmerung“ Gott sei Dank schonende Pausen. Man singt im ersten Akt das Duett mit Siegfried, das natürlich bombastisch ist. Da muss man auch gleich ein hohes C singen. Aber dann hat man eine Pause, bis die zwei Szenen hintereinanderkommen: die Waltrauten-Szene und der falsche Gunther, danach wieder Pause. Dann kommt der sehr dramatische zweite Akt, aber dann hat man eine Erholungspause, in der man sich ausruhen kann, ehe der Schlussgesang kommt.
Ist Ihnen Brünnhilde nah oder eher fremd?
Mittlerweile stehen mir die Brünnhilden schon sehr nahe. Aber das ist ja immer so, wenn man gerade eine Partie singt. Ich habe momentan meinen dritten „Ring“ in Wien hinter mir, der vierte kommt in Bayreuth. Da lernt man unglaublich viel über sich selbst, über das Können der Stimme und natürlich über die Rolle der Brünnhilde.
Wichtig ist, dass man ökonomisch mit seiner Stimme und seinem Talent umgeht. Man muss „eine lange Kehle“ machen, viel mehr Raum schaffen, viel mehr öffnen, um die Töne zu platzieren. Man muss häufig tief singen, dann aber auch Kraft haben für die hohen Spitzen und dabei lange Linien bilden. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Man entwickelt dafür eher ein Gefühl.
Und es ist eine Unmenge an Text!
Oh, ja! Und ich muss sagen: Erst beim dritten „Ring“ war ich, was den Text angeht, halbwegs entspannt. Man braucht mindestens zwei „Ringe“, um den Text gut zu bewältigen. Ich weiß gar nicht, wie ich das überhaupt geschafft habe! Im ersten „Ring“ in Zürich sind mir noch viele Fehler unterlaufen. Wenn man eine Partie auf der Bühne singt und die anderen noch lernt – das ist unglaublich stressig.
Bereiten Sie sich auf drei Brünnhilden hintereinander besonders vor?
Ich habe bemerkt, dass ich zwischen den „Ringen“ Zeit brauche. Das war anfangs mein Fehler, dazwischen noch andere Vorstellungen zu singen oder einen Liederabend zu geben. Das sollte man lieber nicht machen. Man braucht Erholungspausen. In Bayreuth liegen die Vorstellungen dicht beieinander. Da werde ich mir die Ruhezeiten entschieden nehmen müssen, damit die Stimme sich wieder regeneriert.
Singen Sie etwas anderes, um Ihre Stimme zu „reparieren“?
Nein, dazwischen schweig ich schon lieber. Aber es ist gut, zu wissen, dass ich zwischen zwei „Ringen“ immer noch Mozart oder Strauss-Lieder singen kann. So merke ich, dass die Stimme keinen Schaden genommen hat, dass ich sie noch „habe“.
Gibt es trotzdem Lieblingsstellen bei den drei Brünnhilden?
Immer! Ganz viele! In jeder Szene! Schon die „Hojotohos!“, mit denen es losgeht. Die lange Szene mit Wotan in der „Walküre“ ist schön, wo ich eigentlich eher zuhören muss und nur ein paar Sätze singe. Da muss ich viel spielen, damit das intensiv wird auf der Bühne. Auch die Todesverkündung ist sehr bewegend. Ebenso die Schlussszene in der „Walküre“, wo sie Wotan zur Rede stellt und begründet, warum sie so gehandelt hat. In der Schlussszene des „Siegfried“ ist die Brünnhilde am fragilsten. Da zeigt sie ihr Innerstes, erklärt Siegfried, wer sie eigentlich ist und was sie fühlt – ein junges, aufblühendes Mädchen. In der „Götterdämmerung“ ist sie dann die wissende Frau. Der zweite Akt ist mein Lieblingsakt, wo sie alle Männer selbstbewusst in die Schranken weisen kann!
