
Selten hat so wenig Unsicherheit über eine Zinsentscheidung geherrscht wie in diesem Juli. Einhellig war erwartet worden, dass die EZB die Leitzinsen unverändert belassen würde, und genau das hat sie getan. Jede andere Entscheidung hätte auch einer sehr guten Begründung bedurft. Angesichts einer weiter über dem Ziel liegenden Inflationsrate und neuerlichen Kampfhandlungen an der Straße von Hormus, deretwegen der Ölpreis seit Monatsbeginn um 40 Prozent gestiegen ist und am Donnerstag an der Marke von 100 Dollar kratzte, wäre eine Senkung wohl nur entgeistert aufgenommen worden.
Andererseits ist derzeit unklar, wie nachhaltig die Auswirkungen der aktuellen Situation auf die Inflation sind. Die Zweitrundeneffekte des Ölpreisanstiegs vom März waren gerade abgeebbt, sodass hier praktisch eine neue Runde mit unbekanntem Ausgang begonnen hat. Da überdies andere Notenbanken wie etwa die Fed im Juni die Zinsen unverändert beließen, ist die EZB sozusagen einen Zinsschritt voraus. Angesichts dieser seltenen Klarheit im Vorfeld kann es nicht überraschen, dass die Märkte nicht überrascht waren und die Entscheidung vorweggenommen hatten.
Zwar verstärkte sich die Abwertung des Euros gegenüber dem Dollar in den Stunden vor der Entscheidung, doch ist dafür der Anstieg des Ölpreises maßgeblicher als die Zinsentscheidung. Mithin hat sich nun indes die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass im Herbst eine Zinserhöhung folgt. Doch auch dies ist für die Finanzmärkte momentan von eher nachrangiger Bedeutung.
