Eine lange Begründung fürs Aufhören braucht Wolfgang Sittig nicht. „Ich bin 85, jetzt reicht’s“, sagt er. Sechs Bürgermeister hat er erlebt, 58 Jahre lang war er ehrenamtlicher Stadtrat und befasste sich besonders mit Verkehrsfragen. Als er anfing, war er einer der jüngsten. Bis zur Kommunalwahl im Frühjahr war er noch aktiv, jetzt erwarten Sittig andere Aufgaben rund um sein Haus.
1941 wurde Sittig geboren, die Eltern waren beide Lehrer. Er wuchs mit einem Bruder zunächst in Frankfurt-Sindlingen auf. 1951 baute die Familie ein Haus in Hofheim, die beiden Jungs überquerten beim Umzug mit dem Handwagen voller Hausstand die Autobahn, das ging damals noch. Hofheim war seinerzeit ähnlich übersichtlich wie das Verkehrsaufkommen auf der A 66, etwas mehr als 10.000 Einwohner zählte die Stadt damals. Kaum eine Straße war gepflastert, die Wasserversorgung war schwierig.
1953 wurde der parteilose Werner Schwichtenberg zum ersten Bürgermeister gewählt und kümmerte sich 20 Jahre lang um den Aufbau der Stadt. Während seiner Amtszeit entstanden Tausende Sozialwohnungen, Schulen, Sportplatz, Rathaus und eine funktionierende Wasser- und Abwasserversorgung. Wie gut Sittig einmal mit Schwichtenberg zusammenarbeiten würde, ahnte er da noch nicht.
„Bums, war es passiert“
Der Familientradition folgend wurde sein Bruder ebenfalls Lehrer, doch Wolfgang hatte nach dem Abitur am Leibniz-Gymnasium in Höchst andere Pläne. In Darmstadt studierte er Maschinenbau, danach bekam er eine Stelle als Verfahrenstechniker bei der damaligen Hoechst AG. Im Jahr 1968, da war er noch nicht einmal Parteimitglied, sondern lediglich interessierter Bürger, der sich ab und an zu Wort meldete, passiert es. Durch mehrere Wahlgänge hindurch gab es ein Patt bei der Listenaufstellung der CDU. Sittig erklärte sich bereit, ebenfalls anzutreten, um die Blockade zu lösen, und bekam auf Anhieb mehr Stimmen als die beiden anderen Kandidaten.
So wurde er in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. „Es wurde ein Emissär geschickt, der hat mich fürchterlich belogen“, erinnert sich Sittig. Nur zwei Tage im Monat seien das, überhaupt kein Aufwand, „und, bums, war es passiert. So war ich plötzlich designierter Stadtrat“, sagt er, als wundere er sich bis heute, wo er da hineingeraten sei. Als einziger der drei ehrenamtlichen Stadträte war er nicht geschäftlich mit eigenem Betrieb in der Stadt verwurzelt und wurde von Bürgermeister Schwichtenberg für die Ressorts Verkehr und Stadtentwicklung eingesetzt.
Es waren nicht die uninteressantesten Zeiten, die Wolfgang Sittig miterlebte. Anfang der Siebzigerjahre sortierte sich das „Ländchen“ zwischen Frankfurt und Wiesbaden im Zuge der hessischen Gebietsreform um, zahlreiche Dörfer hatten Angst, als Frankfurter Vororte zu enden. Hofheim bekam etliche neue Stadtteile. Für neue Bürger musste neue Infrastruktur entstehen, unter anderem Schulen, und Sittig war als Stadtentwickler gefragt.
Hofheim ist eine der beliebtesten Einkaufsstädte

Es war auch die Zeit, in der die Hofheimer ihre Innenstadt wiederentdeckten. Mitten in der Stadt befand sich das Gelände einer abgebrannten Lederfabrik, dort wollte ein Wohnungsbaukonzern mehrere große Wohnkomplexe errichten, und die alten Fachwerkhäuser waren plötzlich im Weg. Sittig setzte sich dafür ein, dass das Türmchen der ehemaligen Synagoge stehen bleiben sollte, damit war der große Wurf schon empfindlich gestört. Dann schlug er vor, die Fläche zunächst als Parkplatz zu nutzen. Während der Sommerferien wurden Tatsachen geschaffen, und das Areal wurde planiert. Noch heute gibt es die große Freifläche am Untertor, sie wird als Marktplatz genutzt und ist nicht mehr wegzudenken.
In der gleichen Zeit, nämlich 1974, formierte sich eine Bürgerinitiative zum Erhalt der Altstadt. Inzwischen war Friedrich Flaccus (CDU) zum Bürgermeister gewählt, und er „hat sich völlig auf die Altstadtsanierung geworfen“, wie Sittig erzählt. Zwei junge Architekten hatten sich in einer Wohnung mitten im Geschehen einquartiert und suchten das Gespräch mit den Bürgern. Wie könnten Häuser zusammengelegt werden? Wie könnten die winzigen Ladenflächen genutzt werden? Sittig erinnert sich daran, wie niedrig die Geschäfte waren und wie tief die Balken oft hingen. Fast überall wurden die Böden tiefergelegt, damit sich niemand den Kopf stieß. Heute kann man sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat – Hofheim gilt als eine der beliebtesten Einkaufsstädte im Kreis.
In die Amtszeit von Flaccus fiel als Höhepunkt der Hessentag 1988, bei dem die Hofheimer ihre frisch sanierte Altstadt herzeigen konnten. Mit seinem Nachfolger Rolf Felix (CDU) kam Sittig weniger gut zurecht, als weiterer Stadtrat diente Werner Emde von den Freien Wählern. „Emde und Felix, das war ein Gespann wie ein Pferd und eine Kuh“, sagt Sittig. Versuche, sich in die hinteren Reihen zurückzuziehen, schlugen aber fehl. „Mein Schicksal war, dass ich immer wiedergewählt wurde. Stand ich auf einem hinteren Platz, wurde ich nach vorn kumuliert.“
Acht Stunden in der Woche
Also blieb Sittig, plante Stadtbuslinien und das Chinon-Center, pflegte die Städtepartnerschaften, setzte sich für die Ortsumgehung der B 519 ein, für die bis heute eine Lücke freigehalten wird und die doch ewig nicht kommt, sosehr es Sittig sich auch wünschen würde. Die „zwei Termine im Monat“, mit denen er geködert wurde, summierten sich auf acht Stunden in der Woche, denn auch in den Ortsbeiräten war er oft zu Gast.
Nun ist also der sechste Bürgermeister im Amt, Wilhelm Schultze (BfH), und hat die undankbare Aufgabe, das Haushaltsloch seines Vorgängers zu stopfen. Gewusst hat Sittig nichts von den fehlenden Millionen, wie er sagt, sie wundern ihn aber auch nicht. Die Verwaltung sei in den vergangenen Jahren enorm angewachsen. Dazu seien viele Projekte angefangen worden, die Planung habe Geld gekostet, dann habe es keine Mehrheit gegeben. „Normalerweise würde man Projekte erst beschließen und dann Geld dafür ausgeben. Das wurde gröblich missachtet“, findet Sittig.
Sein Haus steht voller Bücher, auf Französisch, Englisch und Deutsch, zum Teil gehörten sie seiner verstorbenen Frau, die Lehrerin war. Im Krankenhaus nach einer Hüftoperation kam auch Sittig endlich wieder zum Lesen, eine Angewohnheit, die er beibehalten möchte. Ein neues E-Bike steht auch schon bereit, mit dem er die Hänge oberhalb von Hofheim flotter hinaufkommen will als mit dem normalen Fahrrad. Dazu Klavierspielen, zehn Enkel, das Haus will energetisch saniert werden – und dann ist aber wirklich auch der Garten mit den großen Apfelbäumen dran. Eine Meinung zum Geschehen hat Sittig noch immer, doch die aktive Stadtpolitik überlässt er nun anderen.
