
98 Prozent der Deutschen verbringen ihre Freizeit am liebsten im Internet. So steht es zumindest im Freizeit-Monitor 2025 der Stiftung für Zukunftsfragen. Danach folgen „Fernsehen“ und „Musik hören“ (jeweils 83 Prozent), dann „Chillen“ (62 Prozent) und erst mit einigem Abstand „Sport“ (51 Prozent). Das passt vermutlich zur Lebenswirklichkeit vieler, deren Wochen mit Workarounds, Meetings und Mails vollgestopft sind. „Runterkommen“ statt Hobbys. Die Umfrage, die Freizeit zwischen Sofa, Kopfhörern und Fitnessstudios ansiedelt, trifft es aber nur halb.
Denn draußen passiert noch etwas anderes. Töpferstudios schießen wie Pilze aus dem Boden, auf Balkonen werden nicht nur Tomaten, sondern auch Bienen gezüchtet, und in Frankfurt bieten jetzt Kinos Vorstellungen an, in denen gestrickt wird – soll das zum Film passen? Vielleicht ein Schal in Meeresblau oder Schweinchenrosa zu „Odysseus“? Das Klackern der Stricknadeln würde jedenfalls Schlachtszenen unterstreichen.
Früher galt Stricken und das, was dabei rauskam, als eher uncool, und gleichzeitig wurde das Ende der analogen Welt mitsamt seinen uncoolen Hobbys betrauert: Briefmarkensammeln, Modelleisenbahnen, Vereine, ja selbst der Blick auf die eigenen, angestaubten Pokale trug zur Hobby-Apokalypse bei. Jetzt liegen die „Oma-Hobbys“ wieder voll im Trend.
Szenen wie aus Jane Austen
Dabei ist die „Strick-Liesl“ gar kein Widerspruch zum „Internet-Chiller“, vielmehr sind sie zwei Seiten einer Medaille. Denn je digitaler der Alltag, desto größer scheint die Sehnsucht nach Entschleunigung, Handgemachtem, der Kontrolle über Eigenes. Ton, Wolle, Erde, Bienen. Genau das haben die altmodischen Hobbys, die gerade eine Renaissance erleben, gemein. Töpfern, Häkeln, Stricken, Gärtnern, Imkern, Angeln, Kochen. Das alles braucht Hände und keine Bildschirme. Es darf piksen, reißen, platschen, brennen, riechen. Hauptsache körperlich.
Zuweilen erinnert die Ausübung der Hobbys an Szenen von Jane Austen – Menschen sitzen gemeinsam in einem Raum, sticken leise vor sich hin, lesen, singen. Jeder für sich. Nur, dass das Ergebnis bei Austen nicht auf Instagram landete. Und Freizeit heute keine Klassenfrage ist.
Auch Hobbys gehen mit der Zeit, verwandeln sich oder kehren in abgewandelter Form zurück. Manchmal sogar bis zum etymologischen Ursprung. „Hobby“ leitet sich aus dem Englischen „Hobby Horse“ ab, was so viel wie Steckenpferd heißt – ein im 16. Jahrhundert beliebtes Kinderspielzeug, das der reinen Freizeitbeschäftigung diente. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass 500 Jahre später wieder Menschen mit Steckenpferden durch Sporthallen hüpfen. „Hobby Horsing“ ist wieder im Trend, mit eigenem Verband und Weltmeisterschaften. Und Frankfurt war Gastgeber. Manchmal dreht sich Geschichte nicht im Kreis – sie galoppiert.
